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24.12.2004 - WEIHNACHTEN
Stücke vom Heu und Hosen des Hl. Joseph
Weihnachtskultur im Umkreis von Krippe und Baum
von Josef Tutsch
 | | Weihnachtsengel
(Hugo van der Goes, 1478) | | | Preisfrage. Warum trägt der heilige Joseph auf manchen Weihnachtsbildern keine Hosen? Die Antwort findet sich in einem alten Weihnachtslied, worin Maria klagt, dass sie keine Windeln für ihr Kind hat. "Wie bald dass Joseph die Rede vernahm, seine Hosen von seinen Beinen nahm. Er warf sie Maria in ihren Schoß, darin schlug sie Gott den Herren groß.“ Und weiter: "Die zeigt man noch zu Aachen da.“
In der Tat, seit dem Mittelalter gehören die Hosen des heiligen Joseph, wie etwa ein Holzschnitt von 1468 ausweist, zu den Prunkstücken der Aachener "Heiligtumsfahrt“. Solche Reliquien waren geeignet, der Vorstellungskraft der Gläubigen aufzuhelfen. So kann der Pilger in Santa Maria Maggiore in Rom Reste der Krippe besuchen, auch in Wittenberg registrierte ein Katalog aus dem Jahre 1509 "drei Stücke von der Krippe und zwei Stücke vom Heu“. Um manche Teile, die ihrer Natur nach nur einmal vorhanden sein konnten, gab es heftige Konkurrenz. So behaupteten mehrere Städte Europas, darunter Hildesheim, die Reliquie der Beschneidung Jesu zu besitzen.
Die meisten Orte mussten sich mit weniger "authentischen“ Erinnerungen an das Weihnachtsgeschehen behelfen. Den Weg wies der heilige Franz von Assisi, indem er den Brauch, die Geburt Jesu mit lebendigen Figuren darzustellen, populär machte. "Ich möchte“, schrieb
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| Weihnachtskrippe aus Neapel |
Franz, "die bittere Not, die der Heiland schon als kleines Kind zu leiden hatte, wie er in eine Krippe gelegt wurde, an der Ochs und Esel standen, und auf Heu gebettet, so greifbar wie möglich mit leiblichen Augen schauen.“
Den Hintergrund bildete eine der heftigsten Lehrstreitigkeiten des Mittelalters. Gerade zu Franz’ Zeit hatte das Konzil im Lateran dogmatisch festgestellt, "dass das Brot im heiligen Abendmahl durch göttliche Macht in den Leib Christi und der Wein in das Blut Christi verwandelt werden“. Das richtete sich nicht nur gegen den einen oder anderen Theologen, der das Sakrament eher symbolisch verstehen wollte, sondern vor allem gegen die "dualistischen“ Lehren, die damals in Italien und Frankreich verbreitet wurden. Wenn das Übernatürliche nicht sozusagen greifbar in die Natur eingehen konnte, dann war die Heilsvermittlung durch die Kirche in Frage gestellt. Die Menschwerdung des Gottessohnes durfte
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| ... aus Österreich |
als Analogie zur Verwandlung von Brot und Wein in Fleisch und Blut Christi gelten – die Krippe diente also zur Veranschaulichung kirchlicher Lehre, mehr noch: als sichtbarer Ausdruck göttlichen Wirkens durch die Kirche.
Ochs und Esel entstammen übrigens weder der biblischen Weihnachtsgeschichte noch der Phantasie eines Franz von Assisi, sondern dem sogenannten "Pseudo-Matthäus“, einem apokryphen Evangelium, das im 8. oder 9. Jahrhundert entstanden ist: "Am dritten Tage nach der Geburt unseres Herrn Jesus Christus trat die seligste Maria aus der Höhle, ging in einen Stall hinein und legte ihren Knaben in eine Krippe, und Ochs und Esel beteten ihn an. Da erfüllte sich, was durch den Propheten Jesaja verkündet ist, der sagt: 'Der Ochs kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn.’“
Schwieriger ist die Frage, wie der Weihnachtsbaum in das Ensemble gekommen sein kann. Ethnologen verweisen darauf, dass sich aus der "lebenden“ Krippe ganze Weihnachtsspiele entwickelten. Aufgeführt wurden sie am 25. Dezember, einen Tag nach den Spielen zum 24. Dezember, dem Gedenktag für Adam und Eva. Da wird der Paradiesbaum wohl öfters stehen geblieben sein, schließlich lehrte eine alte Legende, aus dem Holz dieses Baums des Lebens und der Sünde sei das Kreuz Christ geschnitzt worden.
In den Mittelpunkt der Familienfeier –zunächst nur der protestantischen
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| ... aus der Provence |
Familienfeier! - ist der Weihnachtsbaum jedoch viel später gerückt, in bürgerlichen Kreisen Mitteleuropas erst in der Zeit der Romantik. Etwa gleichzeitig hielt die Krippe ihren Einzug ins katholische Bürger- oder Bauernhaus. Einen wichtigen Impuls gab, ohne Absicht, die "aufgeklärte“ Regierung Bayerns, die 1802 das Aufstellen von Krippen in den Kirchen verbot. Jahrzehntelang galt in Deutschland der Grundsatz: Evangelische Familien haben zu Weihnachten ihren Baum, katholische ihre Krippe.
In Frankreich hatte der Aufschwung der Krippenkultur bereits ein Jahrzehnt früher eingesetzt, und zwar ebenso durch einen Rückzug ins Private. Während der Revolution waren die großen Kirchenkrippen zerstört, viele Kirchen geschlossen worden – also waren gläubige Familien darauf angewiesen, sich eine Krippe im eigenen Haus zusammenzustellen. Bis heute ist Marseille ein Zentrum der Krippenkunst.
Unnötig zu sagen, dass die Details sich überall mehr an der realen Umwelt der Künstler und Kunden orientieren als an einem vorgestellten Palästina zur Zeit des Neuen Testaments. Ganz alltägliche Müller, Schmiede und Milchmädchen stellen die Nebenpersonen, in Oberbayern trägt Maria ein Schnürmieder und Joseph eine lederne Bundhose, als Panorama ist die Alpenkette zu sehen. In Neapel, wo die Krippenkunst bereits im 18. Jahrhundert ihren Höhepunkt erreichte, findet sich die Heilige Familie mitsamt Engeln, Hirten und Königen erst recht in ein buntes Straßen- und Markttreiben hineingestellt, mit Felsen- und Ruinenlandschaft und dem Vesuv als Kulisse.
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| ... aus Bayern |
Dutzende von Figuren ergeben ein Kaleidoskop der Berufe, vom Pizzabäcker über Melonenverkäufer, Fischhändler und Wäscherin bis zum notorisch betrunkenen Gastwirt. Auch Typen der Commedia dell’arte sind dabei, vor allem der listige und gefräßige Diener Pulcinella mit seiner Vogelnase. Einen exotischen Akzent bringen die Heiligen Drei Könige hinein, mit phantastischer Gewandung sowie Kamelen und Elefanten.
Goethe war begeistert, als er 1787 Neapel besuchte: "Die Mutter Gottes, das Kind und die sämtlichen Umstehenden und Umschwebenden sind kostbar ausgeputzt.“ Ernsthaftere Gemüter aus dem nördlichen Europa werden solche Volksbelustigungen fragwürdig gefunden haben. 1762 berichtete Diderot aus Venedig von Possenreißern und Geistlichen, die einander auf ein und demselben Platz das Publikum abspenstig zu machen versuchten. "Beachtet diese Schelme nicht“, riefen die Geistlichen, indem sie das Kreuz hochhielten, "der Pulcinella, dem ihr zuströmt, ist nur ein schwacher Narr; dieser hier ist der wahre Pulcinella.“
Kein Wunder, dass Martin Luther sich nur schwer überzeugen ließ, mit lebendigen, szenischen Darstellungen könne die neue, "evangelische“ Lehre ebenso gut dem Volke eingeschärft werden wie die alte. Dabei sind die Bedenken gegen "Ausschweifungen“ im Volksbrauch viel älter als die Reformation. Bereits 1210 unternahm Papst Innozenz III. einen Anlauf, den Geistlichen die Teilnahme an allen Mysterienspielen zu verbieten. Durchgesetzt haben sich solche asketischen Frömmigkeitsvorstellungen damals aber nicht. So wurde drei Wochen nach Weihnachten mit einem „Eselsfest“ der Flucht nach Ägypten gedacht: Der Esel, so die Legende, hatte die Heilige Familie vor der Verfolgung durch König Herodes gerettet. In den liturgischen Gesängen wurde der Ruf des Grautiers nachgeahmt, und die fromme Feier endete mit einem dreifachen "Ia!“.
Krippen sind zur Weihnachtszeit in vielen Kirchen zu sehen. Die größte
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| ... aus Neapel |
Ausstellung in Deutschland, vielleicht in der Welt, mit Bildwerken zur Geburt Jesu zeigt das Bayerische Nationalmuseum in München. Zeugnisse religiösen Brauchtums aus dem Alpenraum und Italien. Und wenn zufällig eine Reise nach Neapel ansteht: In der Via San Gregorio Armeno, zwischen Dom und Universität, lassen sich die Hersteller von Krippenfiguren bei ihrer Arbeit über die Schulter blicken. In Marseille konzentrieren sich die Ateliers auf das Viertel Le Panier zwischen der Kathedrale und dem Alten Hafen.
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