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13.01.2005 - JUDAISTIK
Mit den Engelnamen zum Pferderennen ...
Das berühmteste Handbuch der jüdischen Magie -
erstmals in einer wissenschaftlich exakten Edition
von Josef Tutsch
 | | Einer der ältesten Textzeugen, Kairo,
frühes 11. Jahrhundert (Cambridge,
University Library, T.-S. A45.28, fol. 1b) | | | Wenn man der Einleitung glauben will, dann geht das "Buch der Geheimnisse“ bis auf die Tage der Sintflut zurück. Der Erzengel Raziel soll es Noah offenbart haben. In lückenloser Generationenfolge gelangte es über Noahs Söhne zu Abraham und dann über Isaak und Jakob usw. usf. zu König Salomo, in dessen Bibliothek das Sefer ha-Razim (so der hebräische Originaltitel) "das teuerste, geehrteste, größte und schwierigste“ Buch von allen war.
Die Judaisten der Freien Universität Berlin sehen den Vorgang etwas nüchterner. Sie datieren die Zusammenstellung des Textes auf das 7. oder 8. Jahrhundert nach Christus, das eine oder andere Stück ist aber sicherlich ein paar Jahrhunderte älter. Als Ursprungsort gilt Palästina oder Ägypten. Merkwürdig ist – die Region wurde zwischen 634 und 641 durch die Muslime erobert -, dass islamische Einflüsse fehlen. Jedenfalls wurden die ältesten, fragmentarischen Textzeugen in einer Kairoer Synagoge gefunden.
Wie die Überlieferung mit etwa 25 mehr oder weniger vollständigen Handschriften sowie einigen Dutzend Fragmenten zeigt, muss der Text über ein volles Jahrtausend hinweg sehr beliebt gewesen sein. Nur die moderne Wissenschaft hat ihn lange links liegen gelassen. Das mag am Inhalt liegen: Es handelt sich um ein Handbuch der Magie, mit Anleitungen, wie man die Liebe einer Frau gewinnt oder einen Gegner verflucht, wie man beim Pferderennen gewinnt oder auch den Zeitpunkt des eigenen Todes herausfindet.
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Sonnengott Helios und Tier- kreiszeichen aus der Synagoge von Tiberias-Hammat |
Bisher gibt es nur eine einzige moderne Ausgabe. "Sie genügt aber in keiner Weise wissenschaftlichen Ansprüchen“, schüttelt Bill Rebiger den Kopf. Er ist Koordinator der Forschergruppe in Berlin-Dahlem, die gerade eine neue Edition erarbeitet. Der Vorgänger von 1966 hatte den Ehrgeiz, aus den vielen überlieferten Versionen einen "Urtext“ zu destillieren, ganz so, wie die Bibelwissenschaftler es in den letzten zwei Jahrhunderten vorgeführt haben. "Die Textüberlieferung und Textbearbeitung ist beim Sefer ha-Razim aber derart komplex und auch korrupt“, erläutert Rebiger, "dass ein solcher Urtext, wenn es ihn jemals gegeben hat, nicht rekonstruiert werden kann.“
Die Berliner Judaisten schlagen deshalb einen anderen Weg ein. Acht Textversionen werden parallel nebeneinander abgedruckt – mehrere hebräische Fassungen, dazu, erstmals im Druck, mittelalterliche Übertragungen ins Lateinische und ins Arabische, schließlich eine Wiedergabe auf Deutsch. Ebenfalls zum ersten Mal ediert wird in diesem Rahmen noch ein zweites Buch, das in den Handschriften unter demselben Titel erscheint: viel kürzer, aber dem längeren Text in groben Zügen ähnlich. Und mit einem noch höher gesteckten Anspruch: Als Empfänger wird statt Noah der erste Mensch Adam genannt.
Das Berliner Forschungsprojekt unter der Leitung von Prof. Peter Schäfer wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert. Klar, dass diese Ausgabe, die 2005 vorliegen soll, viel umfangreicher ausfallen muss als die gerade einmal 50 Druckseiten von 1966. Wird der Klassiker der jüdischen Magie, wissenschaftlich zuverlässig ediert, irgendwann einmal als Taschenbuch erscheinen? Da hält Rebiger sich zurück: Es gab bereits Anfragen aus der Boulevardpresse und es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, dass auch die Esoterikszene von heute sich den alten Text zu eigen macht.
Frühere Generationen scheinen dieses "Handbuch“ durchaus zu praktischen Zwecken genutzt zu haben, und zwar über das Judentum hinaus. Die lateinische Übersetzung, die im 13. Jahrhundert am kastilischen Königshof entstand, war für ein christliches Publikum bestimmt. Auf der anderen Seite stammt vieles von dem verarbeiteten Material aus nicht-jüdischen Quellen. Mehrere "Rezepte“ stimmen mit griechischen Zaubersprüchen überein, in einer der Engelbeschwörungen ist sogar ein Gebet an den griechischen Sonnengott Helios verarbeitet.
Anscheinend war die jüdische Tradition von der Spätantike bis zum frühen Mittelalter viel heterogener, als wir uns das vorstellen. Rebiger verweist auf ein Bodenmosaik aus dem 3. oder 4. Jahrhundert, das in Tiberias-Hammat in Galiläa gefunden wurde: der "heidnische“ Sonnengott in einer Synagoge! Auch die Urheber des Sefer ha-Razim haben in diesem Eklektizismus offenbar kein Problem gesehen. Mit der biblischen Überlieferungskette sowie den Bibelzitaten und den Gottes- und Engelnamen stellt das Buch sich ja eindeutig in die jüdische Tradition.
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Das ptolemäische Weltbild mit den Planetensphären (aus der Schedelschen Weltchronik 1493) |
Die Namen: darin müssen die Verfasser das Geheimnis der Wirksamkeit von Beschwörungen gesehen haben. Wer die richtigen Namen der Engel kennt, kann ihre Macht seinen Zwecken dienstbar machen. Der Text wandert, vergleichbar der antiken Kosmologie mit den sieben Planetensphären, durch die "sieben Himmel“. Mit einer Präzision, die an Geographie-Lehrbücher erinnert, werden jeweils die Engel genannt, die sich dort mit ihrem speziellen Fähigkeiten tummeln. Mit den freundlichen Putti der Barockkirchen haben diese "Engel“ nichts zu tun; sie sind weder gut noch böse, sondern vor allem mächtig und furchterregend. Der Übergang zu dem, was wir "Dämonen“ nennen würden, ist fließend.
Der jüdische Monotheismus wird durch dieses reich besetzte Personal grundsätzlich jedoch nicht in Frage gestellt: Der siebente, oberste Himmel ist Gott und seiner unmittelbaren Umgebung vorbehalten, dort fehlen dann jegliche magischen Rezepte. Dieses thematische Spektrum des Sefer ha-Razim, das von Magie über Kosmologie bis zur Angelologie, der Engellehre, reicht, hat auch seine Aufnahme bei den Gelehrten in der Renaissance begünstigt. Ein Agrippa von Nettesheim scheint das Buch bei seinen Experimenten benutzt zu haben, ein Johannes Reuchlin interessierte sich mehr für die andere Seite, die der geheimen Namen und ihrer Überlieferung. Ist der Sefer ha-Razim womöglich auch in Goethes "Faust“ eingegangen? Rebiger zuckt mit den Achseln: "Da sind uns keine Hinweise bekannt.“
Eine praktische Anwendung sollten sich heutige Magie-Interessenten übrigens nicht gar so leicht vorstellen. Das Buch selbst weist vorsorglich darauf hin, dass die Gottes- und Engelnamen korrekt ausgesprochen werden müssen. Und da lauern eine Menge Fehlerquellen. Die hebräischen Texte sind nämlich ohne Vokale geschrieben.
Zwei Textproben aus dem Sefer ha-Razim:
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Agrippa von Nettesheim (1586-1535) |
"Wenn du die Liebe zu einem Mann in das Herz einer Frau legen möchtest, nimm zwei Kupferplättchen und schreibe auf sie von beiden Seiten die Namen dieser Engel sowie den Namen des Mannes und den Namen der Frau und sprich: "Ich erbitte von euch, den Engeln, die über die Sternbilder der Kinder Adams und Evas gesetzt sind, dass ihr meinen Willen tut und das Sternbild von N.N., Sohn von N.N., der Frau N.N., Tochter der N.N., nahe bringt und er Gnade in ihren Augen und Huld findet. Gebt ihr keine Erlaubnis, mit einem anderen Mann zusammen zu sein ...“
"Ich übergebe euch, Engel des Grimms, die auf der vierten Stufe stehen, Lebenshauch, Seele und Geist von N.N., Sohn von N.N., auf dass ihr ihn mit Eisenbanden fesselt und ihn mit Kupferstäben bindet. Gebt seinen Lidern weder Schlaf noch Schlummer noch Tiefschlaf, und er soll weinen und schreien wie eine Gebärende. Gebt keinem Menschen Erlaubnis, ihn von dem Zauber zu lösen.“
Mehr im Internet: Judaistik an der FU Berlin
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Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur. Mitglied der Agentur scienzz communcation.
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