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06.01.2008 - KULTURGESCHICHTE
"Wertvoller als Gold"
Die "Weisen aus dem Morgenland", ihre Geschenke und ihre Reliquien
von Josef Tutsch
 | | Benozzo Gozzoli, aus dem
Zug der heiligen drei Könige
(Florenz)
| | | Die Reliquien von Heiligen seien "wertvoller als pures Gold“, meinte bereits im 2. Jahrhundert eine frühchristliche Schrift, das "Martyrium des heiligen Polykarp“. Die Menschen des Mittelalters nahmen das sehr wörtlich, so wandte Frankreichs König IX. 1237 seinen halben Staatschatz auf, um aus Byzanz die Dornenkrone Christi nach Paris zu holen. Manchmal ging es auch billiger. Als 1164 die Gebeine der heiligen Drei Könige nach Köln kamen, waren sie ein Teil der Kriegsbeute, die Kaiser Friedrich Barbarossa dem eroberten Mailand abgepresst hatte. Friedrich schenkte sie seinem Kanzler Reinald von Dassel, Erzbischof von Köln.
Am Rhein erwiesen sich die Reliquien dann tatsächlich als pures Gold. Über Jahrhunderte war Köln der beliebteste Wallfahrtsort nördlich der Alpen und eine der großen Metropolen Europas. Die Stadt war Mittelpunkt einer ganzen Wallfahrtsregion: Zum Beispiel wurden in Aachen die Windeln und das Lendentuch
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Die heiligen drei Könige mit dem Stern von Bethlehem (Giotto di Bondone, um 1310) |
Christi, das Kleid Mariens und das Tuch, worauf das abgeschlagene Haupt Johannes des Täufers gelegen hatte, gezeigt, schließlich auch der 1165 durch einen Gegenpapst heilig gesprochene Kaiser Karl der Große. Trier hatte Christi Rock, den Arm der hl. Anna, der Mutter Mariens, und den Apostel Matthias sowie den Bischofsstab Petri und das Haupt der Kaiserin Helena, der Gemahlin Konstantins, zu bieten. Zu schweigen von vielen Märtyrern und Bischöfen und den Stücken vom Kreuzesholz, die an mehreren Orten präsentiert wurden.
Schwer zu sagen, warum manche Reliquien niemals den Sprung in die Popularität geschafft haben. So gab es in der Abtei Prüm in der Eifel, unbeachtet von der Öffentlichkeit, die Sandalen Christi. Auf der anderen Seite hatten sich die Drei Könige in Köln der Konkurrenz der heiligen Ursula mit ihrem Gefolge zu erwehren. Die Geschichte von den elftausend Jungfrauen, die von den heidnischen Hunnen hingemetzelt wurden, ging wohl mehr zu Herzen, als der imperiale Glanz, mit dem Kaiser und Kanzler die drei Weisen aus dem Neuen Testament ausgestattet hatten.
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Die Könige vor der Heiligen Familien (Rogier van der Weyden, um 1450)
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Seit der Aufklärung wird immer wieder gefragt, ob die Gebeine, für die der Goldschmied Nikolaus von Verdun um 1200 seinen "Dreikönigenschrein“ schuf, wirklich "historisch“ sind. Das Mittelalter hat anders gedacht. Reliquien erwiesen ihre Echtheit durch "Wunder“, vor allem durch unerwartete Heilungen, die in einem skeptisch gewordenen Milieu ausbleiben mussten. Eine organisierte Wallfahrt zu festen Terminen hat sich in Köln nie entwickelt, die Schädel der Könige waren, bei abgenommener Frontplatte, das ganze Jahr über zu sehen. Man muss sich klarmachen, dass die Architektur der großen mittelalterlichen Kathedralen genau darauf abgestimmt ist: Der Chorumgang sollte großen Pilgermengen ermöglichen, in geordnetem Vorbeigehen einen Blick auf die Heiligtümer zu werfen – sozusagen in der Hoffnung, dass die heilige Kraft dabei überspringt.
Im späten Mittelalter versuchte die Kirche, diese Heiligkeitsübertragung in ein System von Regeln zu fassen. Penibel war festgelegt, wie viel an Sündenstrafe durch ein Gebet vor welchen Reliquien erlassen werden konnte – dem Beter selbst, aber auch jenen Verstorbenen, die vielleicht im Fegefeuer auf die Fürbitte der Lebenden angewiesen waren. Für große Teile Europas machte Luthers Reformation alledem ein Ende. Das ganze Leben der Gläubigen müsse Buße sein, verkündete die erste der 95 Thesen zum Allerheiligenfest 1517. Trotz der Bemühungen
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Der Dreikönigsschrein im Kölner Dom (um 1190)
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des Tridentiner Konzils, das Ablasswesen neu zu fassen – die große Zeit auch der Kölner Dreikönigs-Verehrung ging zu Ende. Für die Wirtschaft am Niederrhein muss es ein schwerer Schlag gewesen sein, und das nur wenige Jahrzehnte, nachdem die Entdeckung Amerikas und des Seewegs nach Indien die großen Handelsströme von Deutschland weg verlagert hatten.
Als 1794 die Truppen der Französischen Revolution Köln besetzten, mussten die Könige – seit dem Mittelalter Schutzpatrone der Reisenden und der Pilger – selbst noch einmal auf Reise gehen. Der Schrein wurde nach Arnsberg im Sauierland verbracht, denn der Kampf der Revolutionäre galt eben nicht nur den Monarchen, sondern auch der kirchlichen Obrigkeit. Aber bereits 600 Jahre zuvor war das Religiöse ja zugleich ein Politikum gewesen. Der Betrachter kann die "politische Theologie“ des Mittelalters noch heute an der Frontseite des Schreins ablesen. Dort sind nicht drei, sondern vier Könige dargestellt: Otto IV. hat sich angeschlossen, der das Gold für den Schrein stiftete, hoffend, durch Gottes Gnade in seinem Königtum betätigt zu werden.
Eine erstaunliche Karriere der biblischen Gestalten. Im Matthäus-Evangelium ist nur von "Weisen aus dem Morgenland“ die Rede, selbst die Dreizahl wurde später aus den drei Geschenken erschlossen. In der Legenda aurea aus dem 13. Jahrhundert wird angedeutet, worum es sich bei dieser "Weisheit“ handeln könnte:
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Der Bethlehemitische Kindermord (Peter Paul Rubens, um 1637)
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Astrologie, verbunden mit einer spekulativen Bibelinterpretation, 4. Moses 24, 17: "Aufgehen wird ein Stern aus Jakob, und erheben wird sich ein Mann aus Israel.“
Die Bibelstelle gibt auch den Religionshistorikern einen wertvollen Hinweis: Der Wunderstern von Bethlehem stand nicht am Himmel, sondern im Alten Testament. Das hat ganze Kohorten von Hobbyastronomen aber nicht daran gehindert, eine passende Sternkonstellation oder auch einen Kometen in den Jahren "um Christi Geburt“ ausfindig zu machen. Noch 1994 wurde auf grund solcher Berechnungen die These vertreten, die Sternkundigen wären präzise am 12. November des Jahres 7 vor Christus gegen 20 Uhr vor der Krippe in Bethlehem erschienen ...
Tatsächlich muss das Erscheinen des Halleyschen Kometen zur Zeit des Giotto die Bondone so eindrucksvoll gewesen sein, dass der Maler ihn in der Arena-Kapelle von Padua in seinem Drei-Königs-Bild verewigte. Zu dieser Zeit nämlich waren die Weisen längst zu Königen geworden. Diese Tradition kam bereits im 3. Jahrhundert auf, die Benennung als Caspar, Melchior und Balthasar vermutlich im 7. Jahrhundert. Oft werden sie als Vertreter der drei Lebensstadien Alter, Reife und Jugend und der drei Weltteile Europa, Asien und Afrika angesehen,
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Flucht nach Ägypten (Bartolomße Estéban Murillo, 1667)
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etwa seit dem 13. Jahrhundert Balthasar deshalb als Mohr dargestellt
Ganze Bibliotheken füllt die allegorische Literatur zu den drei Geschenken. Wenn man den Gesta Romanorum, geschrieben um 1300, folgen will, bezeichnet das Gold die Weisheit der Könige, der Weihrauch das ergebungsvolle Opfer und die demütige Milde, die Myrrhe die Kraft der Selbstbeherrschung. Und bereits die Spätantike spürte das Bedürfnis, auch nach dem Verschwinden der "Magier“ aus der biblischen Geschichte noch etwas wissen zu wollen. Um 400 brachte Johannes Chrysostomos die Nachricht auf, der Apostel Thomas hätte die drei getauft und zu Bischöfen geweiht. Zu Johannes’ Zeit wurden wohl schon auch die Reliquien verehrt: Die Kaiserin Helena sollte die Leichname der drei Weisen gefunden und nach Konstantinopel gebracht haben, von wo sie über Mailand nach Köln gelangten.
Mehr im Internet: scienzz artikel Rund um das Weihnachtsfest scienzz artikel Heilige
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Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur. Mitglied von scienzz communcation.
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