2. 6. 2004 - VORGESCHICHTE
Als die Götter Gestalt annahmen
Religionswandel in der europäischen Bronzezeit
von Josef Tutsch
Europa, das haben wir aus der griechischen Mythologie gelernt, war eine hübsche Königstochter aus Phönizien. In einer seiner vielen außerehelichen Eskapaden entführte der Göttervater Zeus, nachdem er sich in einen Stier verwandelt hatte, sie übers Meer ...Künstler und Dichter sind seit jeher fasziniert von dem, was die alten Griechen ihren Göttern da so nachgesagt haben; mancher Philosoph und Theologe zeigte sich eher entrüstet. Wie kamen die alten Griechen eigentlich dazu, sich derart in Göttergeschichten zu ergehen? Die Literaturwissenschaftler können zu dieser Frage keine Auskunft geben: Mit den allerersten Dichtungen griechischer Sprache, den beiden Epen des Homer im 8. Jahrhundert vor Christus, tritt die Mythologie voll ausgebildet ins Gedächtnis der Menschheit.
"Es handelt sich um eine gesamteuropäische Entwicklung", antwortet Prof. Bernhard Hänsel, Prähistoriker an der Freien Universität Berlin: "Seit dem 14. Jahrhundert, gut ein halbes Jahrtausend vor Homer, treten Bildwerke auf, in denen die göttlichen Mächte als Personen dargestellt sind." Zum Beispiel ein Wagen aus Ton, der im serbischen Dupljaja gefunden wurde: vorn Wasservögel, die das Gefährt ziehen, oben die Gestalt eines Wagenlenkers, offenbar ein Sonnengott, wie die Form der Räder nahelegt - das Ganze mutet an wie eine Illustration zu einem Fragment des griechischen Lyrikers Alkaios (um 600 vor Christus), wo vom "Schwanenwagen" des Gottes Apollon die Rede ist.
Der Vergleich mit einem älteren Kultgerät aus Trundholm in Dänemark, entstanden um 1500, macht deutlich, dass sich gerade zu dieser Zeit etwas verändert haben muss: eine Sonnenscheibe, die von einem Pferd gezogen wird. Kleine Ösen an Pferd und Scheibe lassen erschließen, dass beide durch Zügel miteinander verbunden waren: Die Sonne, wenngleich noch ganz unpersönlich gedacht, lenkte das Zugtier! Erhalten blieb dieses Meisterwerk bronzezeitlicher Metallkunst nur deshalb, weil es, anscheinend absichtsvoll, an den Rädern beschädigt und im Moor abgelegt wurde. Den Grund vermag Hänsel nicht zu sagen; vielleicht hatte die Kultgemeinde es durch eine "modernere" Darstellung ersetzt?
"Die güldene Scheibe am Himmel wurde zum mächtigen Sonnengott" fasst der Prähistoriker den religiösen Wandel dieser späten Bronzezeit zusammen. Den literarischen Niederschlag finden wir ein paar Jahrhunderte später in den homerischen Epen; für das übrige Europa müssen wir uns mit den "stummen" Zeugnissen der Archäologie begnügen. Und dort taucht vielfach nicht nur der Gott in persönlicher Gestalt auf, sondern auch der anbetende Mensch. So zeigt eine Gürtelplatte aus Radolinek/Floth im westlichen Polen, um 900 vor Christus, Menschen in Gebetshaltung vor der umlaufenden Sonne.
Ob diese Bodenfunde tatsächlich so weitgehende Rekonstruktionen tragen können? Hänsel zeigt sich optimistisch: "Ich weiß, manche meiner Kollegen raten zur Zurückhaltung; aber soll man eigentlich die interessanten Fragen gar nicht stellen dürfen, bloß weil sie so schwer zu beantworten sind?" Jedenfalls kann Hänsel belegen, dass die Personifizierung der Sonne zeitlich und örtlich mit einer archäologisch wohlbekannten Bewegung zusammenhängt, die in der Zeit vom 14. bis zum 9. Jahrhundert vor Christus große Teile Europas von der Nordsee bis zur Ägäis erfasste: der Urnenfelderkultur. Damals verbreitete sich vom Donau- und Theißbecken aus eine neue Bestattungssitte, die Körper der Toten wurden nunmehr verbrannt. Ein wenig, könnte man sagen, hat die griechische - und damit die europäische - Kultur ihren Ursprung dort im heutigen Ungarn, vor über 3.000 Jahren.
Weitere Informationen: http://www.elfenbeinturm.net/archiv/2003/04.html
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Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur. Mitglied der Agentur scienzz communcation. |
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