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10. 05. 2004 - PAPSTTUM

Avignon - der Weg zum päpstlichen Absolutismus

Berliner Nachwuchswissenschaftler zeichnet neues Bild von Papst Clemens VI

von Josef Tutsch

 
 

BILDUNTERSCHRIFTEN

- Avignon Anfang des 15. Jahrhunderts

- Wappen Clemens' VI.

- Papst Clemens VI. mit Kaiser Karl IV.

Seit Dante in seiner Hölle mehreren Päpsten begegnete, wissen wir, dass auch höchste kirchliche Würden nicht vor jenseitiger Strafe schützen. Heutzutage übernehmen gelegentlich wissenschaftliche Nachschlagewerke die Funktion des Dichters. Papst Clemens VI. (1342-1352) - Provence-Reisende werden sich erinnern: der Erbauer des Neuen Palastes in Avignon -  war „bei aller Anerkennung seiner Fähigkeiten und Leistungen ein Unglück für Papsttum und Kirche“, schreibt kurz und bündig das renommierte Lexikon des Mittelalters.

Woher dieses Verdammungsurteil, hat sich der junge Mediävist Ralf Lützelschwab von der Freien Universität Berlin gefragt. Seine Antwort: Das schwarze Bild geht auf eine einzige Quelle zurück - den Dichter Francesco Petrarca, der sich damals am päpstlichen Hof in Avignon aufgehalten hat. Ein paar Sätze aus seinen Briefen kennen werden mit genüsslicher Schlüssellochperspektive in jedem Reiseführer zitiert: „Diese Stadt ist eine Abfallgrube, in der sich aller Unrat der Welt sammelt. Man verachtet Gott und bietet statt dessen Geld an. Alles atmet Lüge: die Luft, die Erde und vor allem die Schlafzimmer.“ Leopold von Ranke hat dieses Urteil in die moderne Geschichtswissenschaft übertragen: „ein sehr weltlicher Herr, nach Weibern, Ehren und Macht begierig“.

„Es ist schon richtig“, meint Lützelschwab, „der Pontifikat Clemens’ VI. orientierte sich mehr an fürstlicher Hofhaltung als an einem Avignonfranziskanischen Armutsideal; aber dass sich diese zehn Jahre auf irgendwelche Schlafzimmeraktivitäten konzentriert hätten, ist frei erfunden.“ Die Seelsorge allerdings, fügt er hinzu, stand auch nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit: Clemens war vor allem Politiker, vollauf damit beschäftigt, die Machtstellung seiner Kirche zu sichern. Und um die stand es reichlich prekär: Bereits seit 1309 residierten die Päpste in Avignon, in unmittelbarer Nachbarschaft des französischen Königreiches, das die stärkste Macht Europas war - die Berücksichtigung französischer Interessen bildete die Grundlage, um überhaupt kirchliche Politik betreiben zu können. Das wiederum brachte die Kurie in Konflikt sowohl mit dem englischen als auch mit dem deutschen König. Und am verlassenen Papstsitz in Rom versuchte eine Volksbewegung, die kirchliche Herrschaft durch eine Republik nach antikem Vorbild zu ersetzen.

Das einzige Mittel des Heiligen Stuhls, zwischen diesen weltlichen Mächte eine eigene Position zu behaupten, war auch damals schon die Diplomatie, und die lief in erster Linie über das Kardinalskollegium. Offenbar nicht zur rechten Befriedigung dieser Kardinäle: Als Clemens gestorben war, gab es so etwas wie „nachgeholten Ungehorsam“; das Kollegium wollte vor der Wahl eines Nachfolger eine Kirchenverfassung festschreiben, um die Allmacht des Pontifex maximus zu beschneiden. Durchaus verständlich, meint Lützelschwab, der Clemens’ Zusammenarbeit mit den Kardinälen in seiner Dissertation einer ausführlichen Analyse unterzogen hat: „Der Papst, der sich nach außen hin genötigt sah, zwischen den europäischen Mächten zu lavieren, verstand es im Innern, die Kardinäle unter seinen Willen zu zwingen. Clemens verlangte bedingungslosen Gehorsam.“ Ähnlich „absolutistisch“ hatte von Clemens’ Vorgängern nur Bonifaz VIII. (1294-1303) agieren können, der es sogar wagte, zwei Kardinäle ihres Amtes zu entheben. Danach, im frühen 14. Jahrhundert, ging die Tendenz in Richtung auf eine „kollegiale“ Herrschaft der Kardinäle, eine „Oligarchie“, wenn man so will.. 

WappenNun war vielmehr Willfährigkeit angesagt, und die hatte ihren Preis: Die Kardinäle erhielten höchst einträgliche Pfründen, und einige Male beglich der Papst ihre Schulden mit Geld aus der eigenen Tasche - er wusste eben sehr genau, worum es ging, wenn er in seinen Ernennungsansprachen die neuen Kardinäle vor materiellen „Versuchungen“ warnte. Fast die Hälfte der „Neuen“ stammte übrigens aus Clemens’ näherer Verwandtschaft - eine Strategie, die aber nicht zur Mehrung des Familienreichtums eingesetzt wurde, sondern zur Stärkung der Amtsgewalt. Auf der anderen Seite pflegte Clemens, wenn die Kardinallegaten von einer diplomatischen Mission zurückkehrten, in einer Begrüßungs-„predigt“ vor dem gesamten Hofstaat Zeugnisse zu verteilen. Der Tonfall war im 14. Jahrhundert übrigens genauso „diplomatisch“ wie heutzutage auch: Schlechte Noten wurden nicht offen ausgesprochen, die Zuhörer mussten sie aus den Auslassungen erschließen. Die Kopien aus dem Briefwechsel, die in der Kurie erhalten sind, reden Klartext: Dieser Papst war schwer zufrieden zu stellen.

„Andererseits war die internationale Lage zu schwierig, um dem Papsttum eine unabhängige Machtstellung zu Papst und kaiserermöglichen“, meint Lützelschwab im Rückblick. Ein wenig stand sich wohl Clemens mit seinem Streben nach absoluter Kontrolle auch selbst im Wege: Die Kardinäle wurden in einem Maße an aktuelle Weisungen aus Avignon gebunden, dass sie vor Ort kaum noch frei agieren konnten; mehrmals baute der Papst neben den Kardinallegaten mit Bischöfen niederen Ranges noch ein zweites diplomatisches Netz - eine Parallelstruktur, die das Ansehen der päpstlichen Politik insgesamt wohl eher geschwächt hat; kein Wunder, dass in den Chroniken mehrfach berichtet wird, Kardinäle hätten um ihre vorzeitige Abberufung gebeten .... Dennoch die Frage: Warum ist Clemens VI. bei der Nachwelt derart in Verruf geraten? „Er war die glanzvollste Gestalt unter den Päpsten in Avignon“, antwortet Lützelschwab, „und im kirchengeschichtlichen Rückblick steht eben diese ganze Epoche unter Bann: als eine ‘babylonische Gefangenschaft’ des Papsttums.“


Mehr im Internet:
Clemens VI
Ralf Lützelschwab, FU Berlin, Mail: luetzel@zedat.fu-berlin.de

 


 


Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied der Agentur scienzz communcation.

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