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30.07.2004 - GALILEI

Als die Astronomie Wissenschaft wurde

Eine neue Sicht auf den Inquisitionsprozess 1633

von Josef Tutsch

 
 

„Und sie bewegt sich doch“, soll Galileo Galilei gemurmelt haben, nachdem die römische Inquisition ihn gezwungen hatte, seiner Lehre vom Lauf der Erde um die Sonne abzuschwören. Das war im Jahre 1633; inzwischen haben wir uns daran gewöhnt, dass der Wissenschaft mehr zu glauben ist als dem eigenen Augenschein. Für zwei Jahrhunderte, bis 1835, stand Galileis Schrift jedoch auf dem Index der katholischen Kirche: Der Satz, nicht die Erde, sondern die Sonne stehe unbeweglich im Zentrum der Welt, galt als ketzerisch.

 

Zyniker könnten hierzu bemerken, die römische Kurie habe bloß abwarten wollen, bis die neue, anstößige Lehre ihrerseits wieder durch ganz neue Erkenntnisse überholt war. Dennoch bleibt die Frage, wie das kirchliche Lehramt dazu kommen konnte, sich derart in eine historische Ecke zu manövrieren. Nicolaus Copernicus hatte seine Schrift bereits 1543 ohne jede Beanstandung veröffentlicht; noch im Jahre 1582 legte Papst Gregor XIII. die kopernikanischen Hypothesen seiner Kalenderreform zugrunde - offenbar waren sie den alten, „ptolemäischen“ Voraussetzungen überlegen. Warum dennoch 1633 der Prozess gegen Galilei?

Richard Schröder, Professor für Evangelische Theologie an der Berliner Humboldt-Universität, hat die zeitgenössischen Quellen neu durchgesehen und ist zu dem Schluss gekommen: Es ging gar nicht um die astronomische Frage; was die Inquisitoren nachhaltig irritierte, war ein viel aufregenderer Vorgang - die Geburt der empirischen Wissenschaft. Zuvor nämlich war die Astronomie keine „Wissenschaft“ gewesen, sondern eine „Kunst“, genau genommen eine Rechenkunst; traditionell diente die Kenntnis der Himmelsbewegungen in erster Linie dazu, den Ostertermin und damit den Jahresablauf festzulegen. Galilei wollte aber etwas ganz anderes: mit Hilfe mathematischer Methoden „richtige“ Aussagen über die Verfassung unserer Welt formulieren. Astronom

Die Vertreter des „alten“ Denkens konnten dem nur mit Unverständnis gegenübertreten: Von ihren theologischen und philosophischen Voraussetzungen her musste dieser Wahrheitsanspruch absurd erscheinen. In der astronomischen Frage zeigten sich die Inquisitoren dagegen prinzipiell aufgeschlossen: „Wenn wahrhaft bewiesen würde, dass nicht die Sonne die Erde umkreist, sondern die Erde die Sonne, dann dürften wir das nicht für falsch erklären“, meinte Robert Bellarmin, der Kardinal, unter dessen Leitung die Behörde gegen Galilei verhandelte. Nur - wenn ein solcher Beweis von vornherein unmöglich sein sollte, dann musste wohl doch gelten, was Augenschein und Tradition nahelegten: „Im Zweifelsfall darf man nicht von der Heiligen Schrift und der Auslegung der Kirchenväter abweichen.“ Rom hatte gesprochen, die Sache war erledigt.

Bleibt die Frage, wie es den evangelischen Kirchen eigentlich gelungen ist, dieser Sackgasse zu entgehen; vermutlich, weil es kein zentrales Lehramt gab, dessen Autorität gefordert gewesen wäre. Der Kirchenvater Augustinus, darauf macht Schröder aufmerksam, hatte bereits mehr als 1.200 Jahre zuvor gewarnt: Aussagen der Bibel über den Umlauf der Gestirne sollten nicht unbedingt wörtlich genommen werden; sonst könnten die Ungläubigen „kaum ihr Lachen zurückhalten“.  Galilei war die Stelle (aus dem Kommentar zur Schöpfungsgeschichte) bekannt. In seinem Dialog „über die beiden hauptsächlichen Weltsysteme“ hat er den Vertreter des geozentrischen Weltbildes  mit Namen Simplicius als einen recht dummen Menschen gezeichnet, eben einen „Simpel“. Die Nachwelt ist auf diesem Weg der Satire weiter geschritten; 1828 erfand der amerikanische Schriftsteller Washington Irving in einer romanhaften Columbus-Biographie die hübsche Geschichte, der kühne Seefahrer sei gewarnt worden: Wenn er immer weiter nach Westen fahre, werde er irgendwann vom Rand der Erdscheibe herunterfallen ...

Richard Schröders Abhandlung "Warum wurde Galilei verurteilt?" ist erschienen in Humboldt-Spektrum 1/2003 (Kontakt: engelbert.habekost@uv.hu-berlin.de)

Josef Tutsch

 




Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied der Agentur scienzz communcation.

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