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kultur

27.01.2005 - AUSSTELLUNG

Im Konflikt mit der Moderne

Wiener Skandale um 1900 -
eine Ausstellung der Schirn-Kunsthalle Frankfurt am Main

von Josef Tutsch

 
 

Das Looshaus am
Michaelerplatz (1910)

"Einzelne schrien in das Spiel hinein, begehrten, das man aufhöre. Nachher verlangten die Störenfriede, das man den Saal lüfte, damit er wieder würdig sei, das Harfen-Quartett Beethovens, das nächste Stück, in seinen Wänden aufzunehmen. Man hörte fast mehr die Katzenmusik der Beleitung als das Werk. Und einige Zeitungen berichteten darüber in der Spalte Unglücksfälle und Verbrechen.“ Die Uraufführung von Schönbergs zweitem Streichquartett in Wien im Dezember 1909.

Die Reaktion des Publikums ist auch heute, fast hundert Jahre später, nachzuvollziehen. Erstmals hatte Arnold Schönberg die Regeln der europäischen Harmonik konsequent missachtet. Nach 400 Jahren Gewöhnung an Dur und Moll musste das schräg klingen. "Nicht weitersingen! Schluss! Wir haben genug!“, wurde protestiert, als die Sopranistin Stefan Georges Verse "Ich fühle luft von anderem planeten ...“ anstimmte, in "freier Atonalität“, wie man diese Schaffensphase später genannt hat.

Schönberg
Arnold Schönberg,
Selbstportrait (1910)


Einer von vielen Kunstskandalen im Wien der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Eine Gesellschaft im Konflikt mit der Moderne – ab 28. Januar 2005 wird die Schirn-Kunsthalle in Frankfurt am Main sich diesem Kapitel der Kulturgeschichte widmen. Es war die Zeit von Franz Lehár (die "Lustige Witwe“ wurde 1905 uraufgeführt), aber eben auch von Arnold Schönberg. Oder von Sigmund Freud – kann man sich vorstellen, wie sehr das Bürgertum durch die Feststellung verschreckt war, dass seine unschuldigen Kinder so etwas wie Sexualität haben sollten?

Im Mittelpunkt der Ausstellung steht die bildende Kunst. Vielleicht war das Wiener Publikum der Jahrhundertwende nicht
Schiele
 Egon Schiele, Zwei Frauen (1915)
einmal konservativer, als man das sonst gewöhnt ist; aber es gab wohl mehr Grund zu erschrecken. In den siebziger und achtziger Jahren hatte sich die kaiserliche und königliche Residenz, soeben erst durch Bismarcks Preußen politisch gedemütigt, mit der Ringstraße ein prachtvolles architektonisches Gewand umgelegt. Im Stadtbild dominierten die historischen Stile – ein hellenistisches Parlamentsgebäude, ein gotisches Rathaus, Oper und Neue Hofburg in Renaissance mit Barockformen ... Da baute Adolf Loos 1910 sein "Haus ohne Augenbrauen“: so genannt, weil man die Fensterüberdachungen vermisste, eine Inkunabel der "funktionalen“ Architektur. Schon der Standort gleich gegenüber der Hofburg war eine Provokation.

Natürlich wollte Loos provozieren. "Ornament ist Verbrechen“, verkündete er mit kämpferischem Gestus. Das Haus war nicht nur eine Kampfansage an den späten Historismus, der von Thronfolger Franz Ferdinand offen unterstützt wurde, ähnlich wie in
Makart
    Hans Makart, aus dem 
    Zyklus der
    Fünf Sinne (1879)
Deutschland von Kaiser Wilhelm; Loos wandte sich auch gegen die "Secession“, die Wiener Variante des Jugendstils. Traditionell gestimmte Gemüter hatten bereits diese Formexperimente ohne historische Anlehnung reichlich verstört. Angeblich wies der greise Kaiser Franz Joseph seinen Chauffeur an, nicht an Gebäuden vorbeizufahren, wo es sezessionistische Kunst zu sehen gab. Als 1907 Otto Wagners Kirche Am Steinhof eingeweiht wurde, heute ein Wallfahrtsort aller Jugendstil-Liebhaber, soll er dennoch, wie es seine Gewohnheit war, höflich gesagt haben: "Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut.“

Im Rückblick sehen die Historiker die Brüche in der Kunstentwicklung nicht ganz so dramatisch. Moderne, "funktionale“ Architektur findet ihre Wurzeln tief im 19. Jahrhundert, in den Diskussionen historistischer Baukünstler über Materialgerechtigkeit. Auch Schönbergs Atonalität war über Jahrzehnte vorbereitet: Bereits Richard Wagner hatte die alte harmonischen Gesetze mit seinem Tristan-Akkord bis an ihre Grenzen gespannt. Ähnlich in der Malerei. Egon Schieles Frauendarstellungen haben ihm jahrzehntelang den Ruf eines Pornographen eingetragen. Aber die üppig-dekorativen Gemälde eines Hans Makart drei Jahrzehnte zuvor, die damals den Geschmack prägten: Mit unserem heutigen, an der Psychoanalyse geschulten Blick wäre zu fragen, ob das viele nackte Fleisch auf diesen Bildern eigentlich weniger "obszön“ ist.

Klimt
  Gustav Klimt, aus dem
  "Beethoven-Fries" (1902)
"Orgien der Nacktkultur“, "sensationshungrige Verrücktheiten“, "gemalter Wahnsinn“: Als eine Art Chefpornograph war im Wien der Jahrhundertwende Gustav Klimt verschrien – Gemälde, unter deren ornamentaler Oberfläche eine raffinierte Sinnlichkeit knistert, wie man sie sonst in den Dichtungen eines Arthur Schnitzler oder des jungen Hugo von Hofmannsthal spürt. 1903 entspann sich um Klimts letzten Staatsauftrag, drei Bilder für die Wiener Universität, eine wahrhafte juristische Posse: Der Staat weigerte sich, die Gemälde vertragsgemäß zu kaufen, wollte sie aber wegen ihres "anstößigen Inhalts“ auch nicht herausgeben ...


Karl Kraus, der die Leser seiner "Fackel“ von 1899 an mit Sprachkritik zur Weißglut reizte, hatte schon Recht: "Der Skandal fängt an, wenn die Polizei ihm ein Ende macht.“ Vor Überheblichkeit gegenüber dem
Secession
  Joseph Maria Olbrich,
  Ausstellungsgebäude der
  Wiener Secession, 1898
Wiener Publikum der Jahrhundertwende sei jedoch gewarnt. Österreich, stellte Robert Musil im "Mann ohne Eigenschaften“ Jahrzehnte später fest, ist bloß "ein besonders deutlicher Fall der modernen Welt“.

 





"Die nackte Wahrheit – Klimt, Schiele, Kokoschka und andere Skandale“,
28. Januar bis 24. April 2005 in der Schirn-Kunsthalle Frankfurt am Main


 

Mehr im Internet:
Schirn-Kunsthalle
scienzz artikel Kunst des 20. Jahrhunderts
scienzz artikel Mitteleuropäische Regionen

 



Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied der Agentur scienzz communcation.

 


 

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