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07.06.2004 - MÄNNLICHKEIT

Maskeraden - zwischen Spiel und Schicksal

Kulturwissenschaftler stellen Selbstverständlickeiten auf den Prüfstand

von Josef Tutsch

 
 

Hermaphrodit

  "Weiber weiblich, Männer männlich - das ist, wie ihr wisst, einer von Papas Lieblingssätzen. Und nun helft mir erst Ordnung schaffen auf dem Tisch hier, sonst gibt es wieder eine Strafpredigt." Der Leser ahnt bereits auf den ersten Seiten von Theodor Fontanes "Effi Briest": Mit der Geschlechterordnung steht es nicht so selbstverständlich, wie "Papa" sich das wohl gedacht hat. Das war Ende des 19. Jahrhunderts; seit Simone de Beauvoirs Buch über das "andere Geschlecht" 50 Jahre später hat sich herumgesprochen, dass "Frau sein" ein Zivilisationsprodukt ist.

Und "Mann sein" eben auch, was zu akzeptieren wohl noch ein Stück schwerer gefallen ist. "Die Frau war ein Rätsel, was der Mann war, schien so selbstverständlich, dass 'man' darüber nicht nachdenken musste", blickt die Literaturwissenschaftlerin Inge Stephan von der Berliner Humboldt-Universität auf Sigmund Freuds Psychoanalyse zurück. Jetzt sind die Beiträge einer Ringvorlesung, die Stephan gemeinsam mit ihrer Kollegin Claudia Benthien an der HU organisiert hat, in Buchform erschienen. "Männlichkeit als Maskerade" lautet, etwas geheimnisvoll, der Titel des Bandes. Die Anregung fand sich bei der amerikanischen Wissenschaftlerin Judith Butler: Geschlechtsidentität, ob männlich oder weiblich, entsteht durch wiederholte Stilisierungen, also indem das Subjekt sich die sozial vorgegebenen Identitätszeichen anlegt, die mit der Zeit erstarren und so den Anschein von Schicksalhaftigkeit hervorrufen.

"Kulturelle Inszenierungen" verheißt der Untertitel. Der Schwerpunkt liegt nämlich auf Fragen aus Literatur, Kunst und Film - Bereichen, wo Geschlechtertausch, Verkleidung und Maskerade seit jeher zum Motivschatz gehören. Kein Wunder, dass auch Kulturwissenschafter von heute mit Kategorien von Spiel und Theater arbeiten, während ihre Kollegen aus der Soziologie (der Wissenschaft vom "realen" Leben, wenn man so will) eher dazu neigen, diese Einübung von Geschlechterrollen als einen beinahe zwingenden Vorgang aufzufassen.

Entstanden ist ein bunter Strauß von Themen: Der höfische Roman des Mittelalters mit seinem Idealbild vom "richtigen" Verhalten der adligen Männer kommt ebenso vor wie die ästhetische Attitüde, in die sich Männlichkeit bei manchen Figuren des frühen Hugo von Hofmannsthal auflöst, der Vater-Sohn-Konflikt um die Erlösung der Welt im "Krieg der Sterne" wie die Männlichkeitsposen, mit denen Michel Houllebecq in den letzten Jahren Skandal gemacht hat ("man könnte sie auch als eine Parodie auf den feministischen Diskurs lesen", schlägt der Frankfurter Germanist Thomas Borgstedt in seinem Beitrag vor).

"Inszenierungen" also. Die vielleicht konsequenteste Auflösung von Person und Männlichkeit in bloßes Spiel hat ein Autor des vorigen Jahrhunderts vorgelegt, der allgemein eher als konservativ gilt, Thomas Mann. Sein Hochstapler Felix Krull "verkleidet sich täglich, also nie", stellt Rolf-Peter Janz, Literaturwissenschaftler an der Freien Universität, bündig fest. Hinter den wechselnden Masken gibt es gar keine "wahre" Identität; zwischen den Erscheinungsformen ist, mit Krulls eigenen Worten, "ein Ich-selber-Sein nicht bestimmbar, weil tatsächlich nicht vorhanden". Der Leser mag sich fragen, wie Krull mit diesem Lebenskonzept eigentlich alt werden könnte; die Frage bleibt offen, weil der Roman unvollendet abbricht.

Caravaggio, NarzissEine traditionsreichere Figur des abendländischen Denkens hat sich Janz' Kollege Walter Erhart, Greifswald, vorgenommen, den Narcissus. Der schöne Jüngling, erzählte Ovid vor 2.000 Jahren, hatte die Liebe einer Nymphe zurückgewiesen und wurde von den Göttern damit bestraft, sich in sein eigenes Spiegelbild im Wasser zu verlieben; er starb an unstillbarer Sehnsucht. Erhart entfaltet einen ganzen Bilderbogen von Deutungen, die Ovids Erzählung herausgefordert hat. So prangerte ein Theologe des 14. Jahrhunderts die Sünde an, sich selbst im vergänglichen Spiegel der Welt zu bewundern, die Philosophen des 17. Jahrhunderts sahen in der Geschichte umgekehrt die Verurteilung eines unfruchtbaren Lebens fern von der Welt oder, sozusagen medizinisch, die Diagnose einer melancholischen Erkrankung. Für Sigmund Freud war Narziss ein Jüngling, der nicht zur "wahren", zur Objektliebe gefunden hat.

Konstant geblieben wäre demnach immerhin eines: Narziss hat etwas verfehlt - das, was der Deuter jeweils als "Männlichkeit" auffasst. Auch das ist aber keineswegs zwingend. Erhart verweist auf Judith Butler: Jegliche Geschlechtsidentität bringt Melancholie mit sich, als Trauer um all das, was mit dieser Festlegung verloren oder verleugnet wurde. Butlers Konzept betont, dass alles auch ganz anders sein könnte. "Dem Subjekt wird die Möglichkeit eingeräumt, kulturelle geschlechtliche Zuschreibungen nicht allein als von außen aufgezwungene Rollenmuster zu erleben, sondern sie sich zitathaft und ironisch anzueignen, um sie im Vollzug kritisch in Frage zu stellen", erläutert Claudia Benthien von der Humboldt-Universität.

Wieviel von solcher ironischen Distanzierung mag eigentlich "Spider-Man" aufbringen, wenn er sich zum Superhelden verwandelt? Die beiden Kunstwissenschaftler Anne Söll, Dortmund, und Friedrich Weltziehn, FU Berlin, kommen zu dem Fazit: Die Maske, mit der in diesen Superhelden-Filmen "Super-Maskulinität" vorgeführt wird, ist gerade kein Sich-Verkleiden, sondern vielmehr umgekehrt - "der Superheld ist identisch mit seiner Maske und geht in ihr auf." Zugespitzt: Nicht ein lebender Mensch setzt sich die Maske auf, sondern es ist die Maske selbst, die sich, um lebendig zu werden, ein Individuum unterzieht. Das Konzept einer spielerischen "Inszenierung" von Identitäten, Rollen und Masken stößt offenbar nicht erst im "realen" Leben, sondern bereits in den schönen Künsten selbst an Grenzen.Muskelmann

Vielleicht ist manchmal ja gerade umgekehrt die Realität weniger von Zwängen geprägt, als man erwarten könnte. "Männer in Uniform" - so das Thema der Bielefelder Historikerin Ute Frevert. Die Episode des "Hauptmanns von Köpenick" liegt nicht einmal hundert Jahre zurück; seit dieser "Maskerade" muss sich Deutschland enorm verändert haben. "Nur in Ausnahmefällen", bilanziert Frevert, "etwa bei rechtsradikalen Skinheadgruppen oder manchen religiösen Sekten, wird Individualität bewusst negiert." Maskeraden im realen Leben, abseits von Kunst und Karneval - das wäre ein Thema, dem sich demnächst vielleicht die Sozialwissenschaftler in einer Ringvorlesung widmen könnten.

 

"Männlichkeit als Maskerade. Kulturelle Inszenierungen vom Mittelalter bis zur Gegenwart", herausgegeben von Claudia Benthien und Inge Stephan, Böhlau Verlag Köln/Weimar/Wien 2003 (ISBN 3-412-1003-X), 19,95 Euro

 




Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied der Agentur scienzz communcation.

 

 

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