15.10.2004 - PRÄHISTORISCHE ARCHÄOLOGIE
Taschenkalender für Ackerbauern
Die Himmelsscheibe von Nebra - neue Erkenntnisse zu Material, Technik und Motiv
von Josef Tutsch
 | | | | | Ganz ehrlich, dass die Region um Elbe und Saale, heute als Sachsen-Anhalt bekannt, vor dreieinhalb tausend Jahren ein Zentrum der Weltkultur gewesen wäre, kann sich niemand von uns so recht vorstellen. Als durch eine Raubgrabung die „Himmelsscheibe von Nebra“ an die Öffentlichkeit kam, wurde denn auch gleich der Verdacht einer Fälschung laut. Das Landesamt für Archäologie setzte ein Dutzend hochkarätige Naturwissenschaftler auf die „Scheibe“ an; das Ergebnis wurde am Donnerstag in Berlin bekanntgegeben: Das rätselhafte Stück - gut 2 Kilogramm schwer, mit einem Durchmesser von fast 32 Zentimetern - stammt tatsächlich aus dem 2. Jahr- tausend vor Christus. Und aller Wahrscheinlichkeit nach wurde es genau für die Gegend produziert, wo die Raubgräber es dann auch gefunden haben. „Der goldene Bogen am Rand bezeichnet offenbar den Horizontbereich, den die Sonne vom Aufgang bis zum Untergang maximal abdeckt“, berichtet der Astronom Prof. Wolfhard Schlosser von der Ruhr-Universität Bochum, „und so, wie er auf der Scheibe bemessen ist, passt er nur auf eine geographische Breite, nämlich die, wo auch Sachsen-Anhalt liegt.“
Wenn schon kein Zentrum der Weltkultur, so muss der Raum Halle damals doch ein Kreuzpunkt der Handelswege gewesen sein. Das Kupfer, aus dem die Scheibe gefertigt ist, stammt - so hat Prof. Ernst Pernicka von der Bergakademie Freiberg durch Materialanalysen herausgefunden - vermutlich aus den Ostalpen, vielleicht aus Tirol oder Salzburg, das Gold, mit dem der Mond und die Sterne bezeichnet sind, aus Siebenbürgen. Und die Technik, das Gold in die Bronzescheibe einzulegen, erklärt C.-H. Wunderlich vom Landesamt für Archäologie, hat der Künstler sich aus dem mykenischen Griechenland abgeguckt, allerdings nicht ohne ein bisschen zu schummeln: Die Plättchen wurden nicht kunstvoll eingelegt, sondern ganz einfach eingeklemmt. Nicht mit naturwissenschaftlichen Methoden zu klären war bei diesem metallischen Gegenstand die Frage der Entstehungszeit; zum Glück lagen im selben Grab auch Schwerter und Beile. Ein Stilvergleich mit anderen Waffenfunden in Mitteleuropa führte auf die Zeit um 1600 vor Christus.
Was mag Sinn und Zweck dieser Scheibe gewesen sein? Da weltweit kein vergleichbares Objekt bekannt ist, hätte diese Frage die Archäologen zur Verzweiflung treiben können; aber eine auffällige Häufung von Sternen vor dem Hintergrund des sonst sehr gleichmäßig gestalteten nächtlichen Himmels brachte Schlosser auf eine Spur: Die sieben Sterne neben dem Horizontbogen müssen wohl das „Siebengestirn“ meinen, die Plejaden. Pure Spekulation? Keineswegs, muss Schlosser lächeln: Den Kommentar zur dreieinhalb tausend Jahre alten Scheibe hat er in litauischen Bauernregeln aus unserer Zeit gefunden. „Das Siebengestirn in der Röte, der Ochse in der Furche.“ Übersetzt: Wenn die Plejaden in der Abendröte stehen, wird es Zeit für die Frühjahrssaat. Die Himmelsscheibe von Nebra muss so etwas wie ein Taschenkalender für die Ackerbauern gewesen sein. Ganz so unwissend in Fragen der Astronomie waren die Bewohner dieser Gegend offenkundig nicht. Dass Fürstengräber nach der Sonne ausgerichtet wurden, ist den Archäologen längst eine vertraute Beobachtung.
 Dennoch bleibt natürlich die Frage, warum der Boden der viel älteren Ackerbaukulturen am Mittelmeer und im Nahen Osten ein vergleichbares Instrument bislang nicht hergegeben hat. Da lässt sich allenfalls spekulieren: Mag sein, dass der Kalenderablauf auf vergänglicherem Material festgehalten wurde und den Menschen bereits stärker in „Fleisch und Blut“ übergegangen war. Für Europa jedenfalls hat die Scheibe noch in anderer Hinsicht Epoche gemacht: Neben dem Vollmond, der Mondsichel, den Sternen und dem Horizontbogen ist noch ein zweiter, gefiederter Bogen zu sehen; ein Vergleich mit den Felsbildern Skandinaviens zeigt, dass es sich um ein stilisiertes Schiff handelt. Ein Schiff inmitten der Sterne? Das kann eigentlich nur ein Sonnenfahrzeug sein, wie sie in der mitteleuropäischen Kunst der folgenden Jahrhunderte immer wieder auftaucht. Zum Beispiel der von einem Pferd gezogenen Sonnenwagen, der im dänischen Trundholm gefunden wurde, entstanden um 1500 vor Christus. Harald Meller, dem Organisator der Ausstellung, ist der Stolz anzumerken: „In Halle werden beide Kunstwerke nebeneinander stehen - obwohl schon vor Jahrzehnten festgelegt worden ist, dass dieser Sonnenwagen Dänemark niemals verlassen darf.“
Die Himmelsscheibe von Nebra und ihr kulturelles Umfeld werden vom 15. Oktober 2004 bis zum 24. April 2005 unter dem Titel „Der geschmiedete Himmel - die weite Welt im Herzen Europas vor 3600 Jahren“ im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle gezeigt.
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Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur. Mitglied der Agentur scienzz communcation. |
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