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kultur

08.06.2004 - THOMAS MANN

Goethe steigt vom Sockel

Zur kommentieren Neuausgabe von "Lotte in Weimar" -
Interview mit dem Herausgeber Werner Frizen

von Josef Tutsch

 
 

Zur Vorgeschichte des Romans "Lotte in Weimar"

1772 Goethe verliebt sich in Weimar in Charlotte Buff, die Verlobte seines Freundes Kestner

1774 "Die Leiden des jungen Werthers" erscheinen, Goethes aus eigenem Erleben gespeister Roman

1816 Charlotte Kestner, geb. Buff, besucht Goethe in Weimar

1939 Thomas Mann schreibt "Lotte in Weimar

Herr Frizen, eine Neuausgabe von "Lotte in Weimar" - soll das heißen, dass wir einen falschen Thomas-Mann-Text im Bücherschrank haben?

In der Tat, alle vorliegenden Ausgaben strotzen von Fehlern. Ein Beispiel: „in dem Dunkel eines zutraulichen Selbstgefühls“, sagt Goethe in den alten Ausgaben in seinem Zwiegespräch mit Lotte. Das hat einen Interpreten wahrhaftig veranlasst, vom Genie zu raunen, dessen Wesen „im Dunkel-Naturhaften“ ruhen soll. Es ist viel einfacher: Bei der Übertragung von der Handschrift in den Druck wurden U-Bogen und Ü-Strichlein verwechselt. Goethe bezichtigt sich eines „Dünkels“. Noch ein Beispiel: Goethe spricht bei der Morgentoilette mit seinem Badeschwamm. In den Drucken ist zu lesen: Du "deuchtest dich groß", dem Schwamm wird offenbar unterstellt, dass er denken könnte. Die Handschrift gibt Aufschluss: du "däutest dich groß", von einem altertümlichen Verbum, das mit "verdauen" zusammenhängt. Der Dichter, zoologisch interessiert, will sagen, dass der Schwamm durch Stoffwechsel gewachsen ist.

Wie konnte so etwas passieren, mitten im 20. Jahrhundert?

Das ist vor allem auf die Exilsituation zurückzuführen. Thomas Manns Handschrift ist, trotz der gepackten Koffer, im ganzen sorgfältig; aber beim Satz, der übrigens in den Niederlanden stattfand, haben sich dann ziemlich viele Versehen eingeschlichen. Das Manuskript lag ein halbes Jahrhundert lang unberührt in der Genfer Bibliotheca Bodmeriana. Bei den Ausgaben nach dem Weltkrieg hat jeder Lektor aufgrund von Mutmaßungen und Vergleichen gearbeitet, an manchen Stellen mit groteskem Ergebnis. Goethe entwirft einen Mummenschanz für "Faust II", darin soll ein Elefant auftreten, der in der Handschrift als "Koloss" bezeichnet, im Erstdruck aber zum "Kloß" verunstaltet wird. Dem Herausgeber der braunen Taschenbuchausgabe von 1967 kam das spanisch vor, er vermutete richtig, dass es "Koloss" heißen müsste, und änderte den Text entsprechend. Sein Nachfolger bei der blauen Ausgabe 1997 konnte diese Abweichung vom Erstdruck nicht verantworten und verschlimmbesserte wieder in "Kloß". Deshalb gab es nur eine sinnvolle Entscheidung: den Roman aus der Handschrift herauszugeben.

Neben dem neuen Text gibt es einen zweiten Band, einen Kommentar von 900 Seiten: Bei einem belletristischen Werk scheint mir das doch etwas übertrieben.

In dem Kommentarband werden vor allem die Quellen, aber auch inhaltlich oder stilistisch aufschlussreiche Varianten aus der Handschrift dokumentiert. Sie müssen sich Thomas Manns Arbeitsweise vorstellen: Es gibt kaum einen Satz im Roman, der völlig frei erfunden wäre. Der Autor erzählt, indem er vorgegebenes Material kombiniert und variiert - ein geradezu "postmodernes" Verfahren, und so raffiniert gemacht, dass man über weite Strecken ganz unbefangen darüber hinweg lesen kann. Wenn erst einmal die Neugier geweckt ist, möchte der Leser das Spiel des Verfassers vielleicht mitspielen - und das geht eben nur, wenn neben dem Text selbst auch die Quellen verfügbar sind. Ich schätze, dass 95 % der Quellen im Kommentar aufgeklärt sind.

Ist dieses "Spiel", wie Sie es nennen, nicht eine sehr altbackene, verzeihen Sie - langweilige Veranstaltung? Bloß etwas für die ausgestorbene Gattung der Bildungsbürger?

Im Gegenteil. Thomas Mann hat eigens eine Figur erfunden, um den Bildungsbürger zu karikieren: den Kellner Mager. Der spricht in lauter Angeberzitaten, die entweder der Situation unangemessen sind oder sein Bewusstsein übersteigen. Im übrigen, bildungsbürgerliche Ehrfurcht kann dieser Mannsche Goethe wirklich nicht erwecken. Erinnern Sie sich an den Anfang des berühmten 7. Kapitels, des "in- neren Monologs"? Goethe ist gerade aufgewacht, und was bemerkt er da?

Ehrlich gesagt, ich weiß nicht ...

Wahrscheinlich haben die meisten Leser das nicht realisiert, weil Thomas Mann es bei Andeutungen belässt. Goethe hat eine morgendliche Erektion, und um der Sache aufzuhelfen, ruft er sich ein Bild aus der griechischen Mythologie in Erinnerung, das er in der Dresdner Galerie gesehen hat. Ein onanierender Goethe, in einem Roman von 1939! Gar nicht auszudenken, was die völkische Literaturbetrachtung in Nazi-Deutschland dazu gesagt hätte; aber damals stand Thomas Mann ja längst unter Bann.

Offenbar ist dieser Goethe nicht gerade das Genie, als das ihn die Deutschen verehrt haben.

Kennen Sie Goethes Ausfälle gegen Newtons Optik, gegen den "Lügenmeister", der das Himmelslicht aus lauter Trübnissen zusammensetzen wollte? Aber Thomas Manns Goethe, noch im Bett liegend, in einer Situation, wo die Seele keine Faxen macht, überlegt, ob Newton nicht Recht haben könnte, ob das Licht womöglich nicht doch aus lauter Dunkelheiten besteht. Genau das ist die Formel für diesen Goethe: Der große Mann ist aus lauter Unreinheiten komponiert. Es geht Thomas Mann gar nicht um Goethe, der Dichter ist ein Symbol für das Problem, das nach Hitlers Machtergreifung bei ihm immer mehr in den Vordergrund getreten ist: das Thema der deutschen "Größe" und ihrer Gefahren.

Also eigentlich ein politischer Roman ...

... und sehr aktuell geschrieben. Nehmen Sie folgende Stelle: Goethe schimpft über die Deutschen, "dass sie die Klarheit hassen, dass sie den Reiz der Wahrheit nicht kennen, dass sie sich jedem verzückten Schurken gläubig hingeben ..." Der Goethe von 1816 spricht einen Kommentar zum Deutschland von 1939!

Oder eigentlich: Thomas Mann lässt ihn sprechen. Heißt das, Goethe ist das Sprachrohr seines Verfassers?

In seltenen Fällen wie hier verletzt Thomas Mann tatsächlich das Gesetz der Fiktion und spricht unmittelbar zu seinem Publikum. In Nazi-Deutschland wurden hektografierte Flugblätter verbreitet, die diese Worte für authentische Goethe-Zitate ausgaben. Nach dem Krieg übernahm sie der britische Chefankläger bei den Kriegsverbrecherprozessen in Nürnberg versehentlich in sein Plädoyer und Thomas Mann musste richtig stellen: die Worte seien nicht die Goethes, aber sie seien in seinem Geiste formuliert, zumindest könnte er sie so gesagt haben.


Das Gespräch mit Werner Frizen führte Josef Tutsch



Werner Frizen ist Deutschlehrer in Köln und Fachleiter am Studienseminar Aachen und bereits durch mehrere wissenschaftliche Publikationen über Thomas Mann hervorgetreten. Nähere Informationen: WFrizen@t-online.de

Thomas Mann, Lotte in Weimar, herausgegeben von Werner Frizen (ISBN 3-10-048335-0), 34,- Euro; zusammen mit dem Kommentarband 78,- Euro. Wer die vielen - gelegentlich auch sinnentstellenden - Druckfehler nicht scheut, kann zur Fischer-Taschenbuchausgabe (ISBN 3-10-048405-3), 9, 90 Euro, greifen.

Mehr im Internet:
scienzz artikel Thomas Mann

 

 


Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied der Agentur scienzz communcation.

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