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kultur

02.03.2011 - ETHNOLOGIE

Eine Lizenz zu Narrheit und Ausschweifung

Der Karneval im Streit der Weltanschauungen

von Josef Tutsch

 
 

Briefmarke von 2000 (Entwurf:
E. Kößllinger) - Bild: Wikipedia

"Trinken, lärmen, scherzen und Würfel spielen, Festkönige wählen, die Sklaven bewirten, nackt singen und mit Ruß bestrichen in einen kalten Brunnen getaucht werden“: So beschrieb der griechische Satiriker Lukian im 2. Jahrhundert nach Christus seine Erlebnisse in Rom beim Fest zu Ehren des Gottes Saturn. Eine durchaus realistische Schilderung. Die Festleiter, bestätigt Lukians römischer Kollege Martial, forderten die Teilnehmer dazu auf, dem Wein kräftig zuzusprechen und nackt ein Lied anzustimmen oder leicht bekleidete Flötenspielerinnen durchs Haus zu tragen und anschließend in einen Wasserbottich zu werfen.

Kein Wunder, dass immer wieder der Verdacht aufgekommen ist, die Karnevalsbräuche, wie sie in Europa seit dem späten Mittelalter belegt sind, müssten von den römischen Saturnalien herzuleiten sein. In diesem Punkt waren sich, aller sonstigen Differenzen ungeachtet, sogar katholische und protestantische Theologen einig, etwa der bayerische Lutheraner Thomas Naogeorgus und der Mailänder Erzbischof Karl Borromäus. Bereits 1509 war der Philosoph Erasmus von Rotterdam, nachdem er in Siena den Karneval gesehen hatte, zu dem Schluss gekommen, er enthalte "Spuren alten Heidentums“.

Noch grundsätzlicher ging 1890 der schottische Ethnologe James George Frazer in seinem monumentalen Buch "Der goldene Zweig“ die Frage an: Alle Frühlingsbräuche hätten ursprünglich einen magischen Sinn gehabt, nämlich den Winter auszutreiben und dem Frühling den Weg zu ebnen. Feierliche Kulthandlungen also, "von deren pünktlicher Abwicklung das Wohl und selbst das Leben der Allgemeinheit abhing“. Später, mit dem Abstreifen magischer Vorstellungen, seien sie "zu einfachen Aufzügen, Maskeraden und Kurzweil herabgesunken“, endlich "der müßige Zeitvertreib von Kindern geworden“.

Ein halbes Jahrhundert später erklärten nationalsozialistische Ideologen Karneval, Fastnacht und Fasching für Überreste alten, germanischen Heidentums, die durch christliche Überlieferungen inzwischen arg verfremdet worden seien. Eine Vereinnahmung, die den Münchner Erzbischof Michael Kardinal Faulhaber zu einem scharfen Protest herausforderte: Der Karneval sei vielmehr "eine Vorfeier der kirchlichen Fastenzeit“, eine "Verabschiedung der Fleischkost“. Eigentlich "als Irrläufer und ohne inneres Recht“ werde er auch von jenen mitgefeiert, die das Fasten der Kirche nicht mitmachen wollten.

Kampf zwischen Karneval und Fasten, von
Pieter Bruegel d. Ä., 1559 (Kunsthistori-
sches Museum Wien) - Bild: Wikipedia
Nun, das mit dem "inneren Recht“ mag dahingestellt bleiben. Aber was den historischen Hergang angeht, muss die moderne Forschung dem Kardinal Recht geben. Entgegen allen Mutmaßungen, die seit Erasmus über vorchristliche Ursprünge des Karnevals angestrengt wurden, ist es bislang nicht gelungen, eine solche Kontinuität nachzuweisen. Die Ähnlichkeit beschränkt sich auf diesen einen Punkt: Mit allerlei Schabernack wird der Winter verabschiedet und der Frühling begrüßt. Da sind die Bezüge zum christlichen Festkalender viel konkreter. Bereits der Termin ist nur von Ostern her verständlich: Vierzig Jahre musste das Volk Israel vor seinem Einzug in das Gelobte Land in der Wüste verbringen, vierzig Tage dauert vor dem Fest der Auferstehung die Fastenzeit.

Oder eigentlich sechsundvierzig Tage. Im Mittelalter bürgerte sich der Brauch ein, an den sechs Sonntagen zwischen Aschermittwoch und Ostern das Fasten auszusetzen, diese sechs Tage wurden deshalb vorgezogen. Nur in Basel ist es bei der alten Rechnung geblieben; das erklärt, warum dort die "Fasnacht“ erst gefeiert wird, wenn Aschermittwoch schon vorbei ist. Fast sieben Wochen "Fleischverbot“ also, im doppelten Sinn des Wortes. Der Münchner Brauchtumshistoriker Dietz-Rüdiger Moser hat in seinem Buch über den Ursprung unserer Feste und Bräuche im kirchlichen Festkalender darauf hingewiesen, wie genau die Messtexte des Sonntags zuvor darauf abgestimmt waren. "Seht, wir ziehen hinauf nach Jerusalem“, sagt Jesus im Evangelium dieses Tages zu seinen Jüngern, "dort wird alles in Erfüllung gehen, was die Propheten über den Menschensohn geschrieben haben.“

Der Karnevalssonntag deutete also auf Karfreitag und Ostern voraus. In der Gegenwart jedoch, so erzählt das Lukasevangelium weiter, sitzt ein Blinder an Jesu Weg und bittet darum, sehend zu werden. Natürlich haben die Prediger diese Blindheit gern symbolisch ausgedeutet: als Blindheit gegenüber der Erlösung und Verfallenheit an die sündige Welt, in der nicht die christliche Liebe regiert, "caritas“, sondern die Fleischeslust, "cupido“. "Wenn ich die Sprache der Menschen und der Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz und eine klingende Schelle“ – diese Stelle aus dem 1. Korintherbrief wurde ebenfalls in der Messe zum Karnevalssonntag gelesen.

"Eine klingende Schelle“ ... Ist es ein Zufall, dass die Schelle zum närrischen Musikinstrument par excellence wurde? Zu ihrem Klang und unter der Narrenkappe lassen sich im Karneval heute noch Dinge sagen, die sonst grob ungehörig wären. Aus dem Mittelalter sind an vielen Orten Narrenfeste belegt, die kirchliche Zeremonien parodierten. Die Schwankliteratur des 15. und 16. Jahrhunderts lässt vermuten, dass man dabei besonders gern über die Habgier und die Sexsucht lachte, die den "Pfaffen“ unterstellt wurde. Als Narr verkleidet durfte man sogar aussprechen, was der Psalmvers vorgegeben hatte: "So spricht der Narr in seinem Herzen: Es ist kein Gott!“

Hopfennarr aus Tettnag, Württemberg
Bild: Andreas Praefcke/Wikipedia
Noch ein Satz aus der zu Karneval verlesenen Passage des Paulusbriefs: "Jetzt sehen wir wie durch einen Spiegel, rätselhaft, dann aber von Angesicht zu Angesicht.“ Und dieser Spiegel durfte eben auch ein Zerrspiegel sein. Freilich – es gab, nicht anders als heutzutage bei allzu provokanten Büttenreden oder Umzugswagen, immer wieder Versuche, die Narren an die Kandare zu nehmen. In Augsburg geschah es einmal, dass Jugendliche an einer Ziege das heilige Sakrament der Taufe vollzogen. In diesem Fall wurden die "Sünder“ bestraft; offenbar sahen die kirchlichen Oberen jene Schranke verletzt, die aller irdischen Narrheit ein für allemal gesetzt sein musste: dass die Perspektive auf den Glauben und die Erlösung immer gegenwärtig blieb.

Aber vor der Fastenzeit, die auf Ostern hinführte, sollte, man kann es gar nicht anders ausdrücken, noch einmal kräftig die Sau heraus gelassen werden. Der Karneval als eine Lizenz zur Narrheit und zur Ausschweifung ... An diesem Sonntag pflegten die Prediger – halb mahnend, halb nachsichtig – ihren Schäflein den Sinn des Fastnachtstreibens theologisch zu erläutern. Moser zitiert einen Bischof von Cadiz, der 1744 unter dem Titel "Fastnachtszeit hat zwei Wege“ schrieb: "Welch unterschiedliche Wege gehen heute die Kinder Gottes und die Kinder der Welt! Wo geht heute Christus hin, wohin geht die Welt? Christus geht nach Jerusalem! Die Welt aber geht nach Babylon.“

"Babylon“ war eine Kurzformel für die Welt der Narrheit und der Sünde, die im Karneval repräsentiert wurde. Der Kirchenvater Augustinus hatte in seinem Buch vom Gottesstaat dem lasterhaften, von Fleischeslust beherrschten Treiben dieser Welt das Idealbild der christlichen Gemeinde entgegen gestellt, in der die Liebe regieren sollte. So war es durchaus konsequent, dass zum Beispiel 1520 in Gent ein Fastnachtskönig den Namen "Nebukadnezar“ trug. Aber vielleicht ist auch das optische Erscheinungsbild vieler Narren aus theologischen Erwägungen heraus zu erklären. Die "Fleckleshäs“, die im Alemannischen so beliebt sind, deuten unmissverständlich auf "fleischliche“, will sagen: sexuelle Befleckung hin. Paulus im Römerbrief: "Das Trachten des Fleisches ist feindlich gegen Gott.“

Davon zu schweigen, dass die Unmäßigkeit im Essen und Trinken fester Bestandteil der Karnevalsbräuche ist, unmittelbar vor Beginn der Fastenzeit. Volksetymologisch wurde die "Fastnacht“ denn auch gern als "Fassnacht“ gedeutet, im Zeichen des Weingottes Bacchus. Hinter diesen Unmäßigkeiten und Ausschweifungen steht ein pädagogisches Konzept, das uns heute schwer eingehen will. Den Frommen sollte eine "verkehrte Welt“ vorgeführt werden, die man erst einmal durchleben musste, bevor man sich in der Vorbereitung auf das Osterfest davon abwenden konnte. Pieter Brueghels berühmtes Gemälde vom "Kampf zwischen Karneval und Fasten“, um 1559 entstanden, das heute im Kunsthistorischen Museum Wien hängt, ist keineswegs künstlerischer Phantasie entsprungen. Solche Schaukämpfe wurden damals tatsächlich vorgeführt. Zum Beispiel 1506 ist eine solche Inszenierung in Bologna belegt. Am Ende wurde der "Karneval“ besiegt und symbolisch hingerichtet.

Rosenmontag in Köln 2006
Bild: Rolf Hahn/Wikipedia
Mit ähnlicher Symbolik wurden bereits Anfang des 13. Jahrhunderts bei einem Spiel vor dem Papst in Rom die Todsünden "getötet“. "Man tötete einen Bären, den Teufel, das heißt den Versucher unseres Fleisches; man tötete junge Ochsen, das heißt die Eitelkeit unseres Genusses; man tötete einen Hahn, die Eitelkeit unserer Lenden.“ Warum das alles? "Damit wir von nun an keusch und nüchtern leben sollen im Kampf um die Seele, um an Ostern den Leib des Herrn in Empfang zu nehmen.“ Oder, wie es der Franziskanermönchs Geiler von Kaysersberg im 15. Jahrhundert in einer Fastnachtspredigt ausdrückte: "Die Kirche erlaubt eine ehrliche Wolllustbarkeit, damit ihre geistlichen Kinder desto williger seien, das heilige Fasten zu halten.“

Am Aschermittwoch musste mit der Narretei unwiderruflich Schluss sein. "Christen, denkt an euer Gewissen während dieses Karnevals, denkt daran, dass jeder Buße tue“, mahnte ein Domherr 1673 in Südfrankreich, "verlasst die Schenke und den Ball, der Tod steht schon bereit für eine ganz andere Maskerade!“ Bis dahin allerdings ... Noch Mitte des 18. Jahrhunderts wandte sich Papst Benedikt XIV. mit allem Nachdruck gegen Eiferer in den eigenen Reihen: Es liege ihm völlig fern, gegen den Karneval vorzugehen. Die Reformatoren waren viel rigoroser gewesen. Martin Luther sah in dem kollektiven Fasten vor Ostern einen frevelhaften Versuch des Menschen, sich aus eigener Kraft vor Gott rechtfertigen zu können.

Wenn aber die Fastenzeit keinen Sinn hatte, dann um so weniger die Ausschweifung zuvor. Und, vielleicht ebenso gravierend: Luther misstraute der Fähigkeit des Menschen, sich die Lüste des Fleisches vorübergehend und ein wenig zu Gemüte zu führen, also mit innerer Distanz, ohne ihm gänzlich und auf Dauer anheim zu fallen. An die Stelle des zeremoniellen Nacheinanders von Fastnacht und Fastenzeit – von "Babylon“ und "Jerusalem“, wenn man so will – sollte die dauernde Bußbereitschaft treten, ohne jene äußeren Zeichen, die bis dahin die eine wie die andere Zeit geprägt hatten, die aber nun, ebenso wie zum Beispiel die Heiligenbilder, als Hindernisse in der unmittelbaren Beziehung zu Gott galten. 1522 veranstaltete Ulrich Zwingli in Zürich am ersten Fastensonntag ein öffentliches Wurstessen – eine wohlkalkulierte Provokation gegen den katholischen Fastenbrauch.

Und dass die Fastnachtsbräuche unübersehbare Ähnlichkeiten mit den Saturnalien im alten Rom hatten, gab den protestantischen Eiferern willkommene Gelegenheit, ihre katholischen Gegner als "Heiden“ zu brandmarken. 1675 legte der englische Theologe Joshua Stepford sein gelehrtes Werk "Pagano-Papismus“ vor, übersetzt etwa: "Die Päpste als Heiden“. Im Grunde tat Stepford nichts anderes als die These des Erasmus von Rotterdam über die "Spuren alten Heidentums“ auszuformulieren. Ähnlichkeiten konnten freilich auch die katholischen Theologen nicht leugnen, die den Karneval im Prinzip doch verteidigen wollten. So bemühte sich etwas Carlo Borromeo, Erzbischof von Mailand, den Brauch von "Auswüchsen“ zu reinigen, die des Heidentums oder auch bloß der Sittenlosigkeit verdächtig waren.

Festwagen beim Karneval in Rio de Janeiro
Bild: Sergio Luiz/flickr
im Rückblick erscheinen sowohl Reformation wie Gegenreformation als Teile einer ideengeschichtlichen Bewegung, die der Kulturhistoriker Peter Burke mit den Worten "Wohlanständigkeit, Fleiß, Ernsthaftigkeit, Bescheidenheit, Ordnung, Klugheit, Vernunft, Selbstkontrolle, Nüchternheit und Sparsamkeit“ umschrieben hat. Und dazu gehört eben nicht zuletzt der Kampf gegen die karnevalistische Volkskultur, die sich im Laufe des Mittelalters in Anknüpfung an die damals üblichen Frömmigkeitsformen entwickelt hatte. Der Höhepunkt war 1737 erreicht. Johann Christoph Gottsched, Professor der Poetik in Leipzig, verbannte den "Hanswurst“ in aller Form von der komischen Bühne. Auch das Theater sollte nun "ernsthaft“ werden. Gottsched argumentierte nicht religiös und nicht einmal moralisch, sondern im Namen des "guten Geschmacks“: Nur der "unterste Pöbel“ finde Vergnügen an solchen "Narrenspossen“.

Es dauerte allerdings nur wenige Jahrzehnte, bis die gebildeten Schichten Europas diese verachtete Volkskultur wiederentdeckten, zu schätzen lernten und oft auch wiederbelebten. Was wir heute als Karnevalsbräuche vorfinden, geht eben in der Regel nicht direkt auf das späte Mittelalter zurück – und schon gar nicht auf die alten Römer oder Germanen –, sondern auf die Zeit der Romantik. Natürlich hatten auch die Romantiker die Aussagen des Erasmus und seiner Zeitgenossen über den Karneval im Gedächtnis. Sie übertrugen das Wort von den "Spuren alten Heidentums“ in die Moderne.


Mehr im Internet:
Karneval - Fastnacht - Fasching, Wikipedia
scienzz Dossier Karneval und Fastenzeit


Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

 

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