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08. 06. 2004 - KOPIEREN

Antiken für ein breites Publikum

In Lauchhammer wurde der Eisenhohlguss erfunden

von Josef Tutsch

 
 

In einer Florentiner Gemäldegalerie ist das Portrait eines jungen Mannes zu sehen, gemalt etwa 1540, der neben sich auf dem Schreibtisch ein Tintenfass stehen hat. Name und Beruf des Darge- stellten sind unbekannt, jedenfalls war er von der Antike begeistert: Das Tintenfass ist mit einem „Dornauszieher“ kombiniert, einer kleinformatigen Nachbildung jener berühmten Bronzefigur aus dem 2. Jahrhundert vor Christus.

Selbst in diesem kleinen Format müssen solche Nachbildungen in Marmor oder Bronze eine kostspielige Liebhaberei gewesen sein, erst recht natürlich, wenn die Kopie die Größe des Originals haben und für eine Aufstellung im Freien, etwa als Gartenschmuck, geeignet sein sollte. Erst das späte 18. Jahrhundert fand eine Lösung, die dergleichen „Antiken“ in großer Zahl auch für den niederen Adel und das gebildete Bürgertum erschwinglich machte. Seit den 1770er Jahren ließ der sächsische Graf Detlev Carl von Einsiedel auf seinem Gut in Lauchhammer mit dem Metall experimentieren, das vor Ort gefunden wurde, mit Eisen, und 1784 war es soweit: Erstmals wurde eine antike Statue in Eisenhohlguss nachgeformt. Es war eine „Bacchantin“ aus der Skulpturensammlung des Königs von Sachsen in Dresden, streng genommen eigentlich keine Kopie, sondern eine „barock vollkommen umgestaltete Antike“, wie Charlotte Schreiter von der „Arbeitsgruppe Lauchhammer“ an der Berliner Humboldt-Universität erläutert.

Wer heute den kleinen Ort im südlichen Brandenburg besucht, findet im Kunstgussmuseum Zeugnisse dieser frühen industriellen Revolution in Deutschland: Produkte der Eisengießerei und vor allem die Gipsabgüsse, die damals als Vorlage dienten. Man darf über die Abweichungen nachdenken: In vielen Fällen waren bereits die Vorlagen ungenau, gingen oft - als Abgüsse von Abgüssen - auch nur indirekt auf das Original zurück; aber zweifellos hat sich auch zeitgenössisches Stilempfinden, mehr oder weniger unbewusst, in diesen „Kopien“ bemerkbar gemacht. Erst recht natürlich, wenn ein antiker Torso um fehlende Teile ergänzt wurde.

Übrigens war das Lauchhammer Eisen durchweg farbig gefasst, einerseits um den Eindruck von Marmor oder Bronze oder Basalt oder Lauchhammerauch Gold zu erwecken, andererseits aber auch aus konservatorischen Gründen: Ungefasstes Gusseisen, „von Natur“ aus grau, färbt sich in kurzer Zeit rostrot. Alles in allem muss viel Glück dabei gewesen sein, dass ein solcher „Eisenhohlguss“ überhaupt gelingen konnte: Über einem Lehmkern wurde zunächst die Statue in Wachs nachgebildet und darüber nochmals ein Lehmmantel gelegt; im Ofen konnte dann das Wachs ausgeschmolzen und der Hohlraum mit dem flüssigen Eisen gefüllt werden. Entscheidend war offenbar, dass den Lauchhammern das „richtige“ Erz zur Verfügung stand: phosphorhaltig und daher sehr dünnflüssig.

Ein paar Jahrzehnte lang hatte das gräfliche Gießwerk ein Monopol auf diese Technik und belieferte halb Europa mit eisernen „Antiken“ und bald auch mit originalen Neuschöpfungen ohne antikes Vorbild. Dabei gab es durchaus Konkurrenz: Seit den 1780er Jahren bot eine Weimarer Firma Statuen, Vasen und Bauplastik aus Terrakotta, also „gebrannter Erde“, an - haltbar auch im Freien und nochmals ein Stück „billiger“ als Eisen. Ganz vorn bei diesem Preiskampf lag aber die Ludwigsluster Papiermachéfabrik: Die Statuen wurden aus geleimtem Altpapier hergestellt und mit einer wetterfesten Schutzschicht überzogen. Es muss ein Geschmackswandel gewesen sein, der im Laufe des 19. Jahrhunderts all diese im Klassizismus so geschätzten „Ersatzmaterialien“ ästhetisch abgewertet hat und uns das Urteil „Kitsch“ leicht und schnell über die Lippen gehen lässt.



Der Niedergang für Lauchhammer kam aber schon mit den „Befreiungskriegen“: Sachsen musste die Hälfte seines Territoriums an Preußen abtreten; den künstlerischen, technischen und ökonomischen Kapazitäten der Königlichen Gießerei in der neuen Hauptstadt Berlin war Lauchhammer bald nicht mehr gewachsen. Mit der Parole „Gold gab ich für Eisen“ hatte die preußische Regierung bereits mitten im antinapoleonischen Kampf das Eisen zum eigentlich patriotischen Material erklärt und über diesen Umtausch einen Großteil ihrer Kriegskosten decken können. Unter dem Etikett „fer de Berlin“ wurden gusseiserne Produkte aus Berlin - nunmehr durchweg schwarz gefärbt - zur ganz großen Mode, auch im Ausland. Heute konzentriert sich das Lauchhammer Werk auf den Guss von Glocken. An die große Zeit um 1800 erinnert das Kunstgussmuseum, und wer weiß,  wie lange noch: Außer den Zinsen aus einem Stiftungsvermögen gibt es keinerlei verlässliche Finanzquellen mehr.




Das Kunstgussmuseum in Lauchhammer (Grünhauser Straße 19) ist geöffnet Dienstag bis Sonntag von 12 bis 17 Uhr. Nähere Info: www.technikmuseen.de/lauchhammer/noframe/inhalt.htm.
Im westlichen Sachsen, unweit von Chemnitz, wartet der Park des Einsiedelschen Schlosses Wolkenburg auf seine Wiederherstellung; Höhepunkt des Eisengussensembles: eine Nachbildung des „Apoll von Belvedere“ aus dem Vatikan in der originalen Höhe von 220 cm. Die Alte und die Neue Wolkenburger Pfarrkirche zeigen Beispiele von „original“ Lauchhammer Kunst, die nicht auf antiken Vorbildern beruhen.

 

Der Begleitband zu einer Auswahlausstellung, die im Frühjehr 2004 in der Abgusssammlung antiker Plastik der Freien Universität zu sehen war (Heft 5 der Reihe Pegasus - Berliner Beiträge zum Nachleben der Antike), kostet 15 Euro.

 

 




Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied der Agentur scienzz communcation.

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