22.06. 2004 - RELIGION HEUTE
Urchristentum in der Gegenwart
Christlicher Fundamentalismus hierzulande
von Josef Tutsch
 | | | Die Wiedertäufer in Münster | | | Man kann nicht elektrisches Licht in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testamentes glauben." Da hat sich der Vordenker der "Entmythologisierungs"-Debatte in der Theologie des 20. Jahrhunderts, Rudolf Bultmann, wohl vergaloppiert. Man kann - und Millionen Christen in aller Welt, die "fundamentalistischen" oder "evangelikalen" Glaubensrichtungen anhängen, tun es. 1909 erschien in den USA eine Schriftenreihe, die unumstößliche Glaubensfundamente propagierte: die Irrrtumslosigkeit der Bibel, die Jungfrauengeburt Christi, sein Tod als stellvertretendes Sühneopfer, seine leibliche Auferstehung und physische Wiederkunft. 1925 gelang es der Bewegung, Darwins Evolutionslehre an den Schulen eines amerikanischen Bundesstaates durch Gerichtsurteil zugunsten der biblischen Schöpfungsgeschichte verbieten zu lassen.
Weltweit wird die Anhängerschaft - mit oder ohne "Antidarwinismus" - auf 150 Millionen Menschen geschätzt, organisiert zum Teil in den großen evangelischen Freikirchen, oft aber auch in einzelnen Gemeinden oder losen "Projekten". Was sich davon in der Bun- deshauptstadt finden lässt, haben jetzt die Religionswissenschaftler der Freien Universität Berlin unter die Lupe genommen. So berichtet Nils Grübel über die "Christliche Gemeinde Mariendorf-Groß- beerenstraße": "Zur Gemeinde gehören ca. 90 Personen. Es gibt keinen Pastor. Mitglied wird man aufgrund persönlicher Entscheidung und auf Vorschlag der Gemeindeleitung. Es wird die Erwachsenen- taufe praktiziert. Grundlage des Glaubens und Lebens ist die als irrtumslos verstandene Bibel." Anders ausgedrückt: Eine historische Kluft zwischen unserer Gegenwart und dem Neuen Testament wird nicht anerkannt; es besteht also auch keine Notwendigkeit, die biblischen Weisungen zu übersetzen und zu "interpretieren".
Intendiert ist eine Wiederherstellung des Urchristentums in der modernen Welt. Das friedliche Bild darf nicht darüber hinweg täuschen, dass sich aus dieser Voraussetzung für die Mitglieder einschneidende Vorschriften ergeben können. Julia Thomas über die "Internationale Missionsgesellschaft der Sieben-Tage-Adventisten": "Die streng nach der Bibel ausgerichtete Lebensführung verlangt Vegetarismus, schlichte Kleidung und lange Haare für die Frauen." Oder die "Zeugen Jehovas", deren Zugehörigkeit zur christlichen Tradition die etablierten Kirchen - wegen Ablehnung der Trinitätslehre - bezweifeln: Bluttransfusionen und Tabakgenuss werden nicht geduldet. Dergleichen wird vor allem bei Jugendlichen zum Konflikt führen. Bei der "Mission Kwasizabantu", einer evangelikalen Freikirche aus Südafrika, konnten die FU-Wissenschaftler ehemalige Anhänger zu den Gründen ihres "Abfalls" befragen: geistliche Tyrannei, permanente Pflicht zu Buße und Beichte, ein rigider Moralkodex, ein sehr konservatives Geschlechterbild.
Parallelen zu jener Militanz, mit der amerikanische Fundamentalisten in der Öffentlichkeit gegen Abtreibung, Pornografie und Homosexualität vorgehen, scheint es hierzulande nicht zu geben, eher einen Rückzug auf die kleine Gemeinde der "Auserwählten", die sich von den naturwissenschaftlichen Einwänden gegen die Wunderberichte der Bibel, von den philologischen und historischen Einsichten zur Entstehung der heiligen Texte und von "unbiblischen" Phänomenen des modernen Lebens nicht beirren lassen. Eine besonders radikale Formulierung der eigenen Glaubensgewissheit hat Thomas bei der "Missionsgesellschaft zur Erhaltung und Förderung adventistischen Glaubensgutes" beobachtet: "Nach ihrer Auffassung sind die letzten Tage vor Jesu Wiederkehr angebrochen, in denen sich der endgültige Kampf zwischen Gott und Satan ereignet. Eine Öffnung zur Ökumene wird als Verrat am Glauben strikt abgelehnt." Moderne Technik gehört in diesem letzten Kampf übrigens nicht unbedingt auf die Seite Satans: Die meisten dieser fundamentalistischen oder evangelikalen Gemeinden werben übers Internet für ihre Positionen.
Noch ein Stück konsequenter wird die Wiederherstellung urchristlicher Lebensformen in den "charismatischen" Gemeinden, bei der "Pfingstbewegung" praktiziert. Nils Grübel: "Das Selbstverständnis führt bei manchen Gemeinden zum Anspruch, auch körperliche Leiden mit Hilfe von Gebeten heilen zu können" - ganz wie es im Neuen Testament von Jesus und den Aposteln berichtet wird. Oft sind auch Trance-Zustände und "Zungenreden", wie beim Pfingstereignis in der Apostelgeschichte, zu beobachten. Das unvermittelt-direkte Verhältnis zu den biblischen Texten verbindet sich manchmal mit einer jugendlichen "Event"-Kultur, und da schleicht sich dann, sozusagen durch die Nebentür, doch wieder eine überraschende Neuinterpretation der Überlieferung ein - etwa wenn die "Jesus Freaks Berlin" das Abendmahl mit Bier statt mit Wein feiern. Ziel der Gruppe, so die Selbstdarstellung: unter jungen Leuten das Bewusstsein zu verbreiten, dass "ein radikales Leben mit Jesus als das Coolste, Feurigste, Intensivste und Spannendste überhaupt" anzusehen ist - Töne und Untertöne, die bei traditionalistisch gestimmten Gläubigen vermutlich Unbehagen auslösen: Ganz so "zeitgenössisch" mag man sich das Leben der Urgemeinde eben doch nicht vorstellen.
Und wie steht es mit jenem Bereich, der im allgemeinen Bewusstein von heute viel eher mit "Fundamentalismus" assoziiert wird als solche christlichen Bekentnisse: mit den islamischen oder "islamistischen" Richtungen, die sich gegen eine Auflösung ihrer tradierten Vorstellungen durch die "Moderne" zur Wehr setzen? Was Stephan Rosiny über die "Islamische Studentenvereinigung an der Technischen Universität Berlin" schreibt, dürfte typisch sein für die aktuelle Situation: "Seit dem 11. September vermeidet der Verein politische Aussagen und konzentriert sich allein auf religiöse und soziale Belange."
Immerhin: Unter dem Stichwort "Euro-Islam" wird seit Jahrzehnten diskutiert, wie Gastarbeiter, Asylbewerber und Kriegsflüchtlinge aus den islamischen Staaten ihr Religionsver- ständnis mit den westlichen Werten von Demokratie, Pluralismus und Menschenwürde in Übereinstimmung bringen könnten. Auch in den islamischen Ländern selbst ist die Auseinandersetzung ja längst entbrannt: Welche Glaubensinhalte und -praktiken sind unverzichtbar, müssen also auch in einer "modernisierten" Welt beibehalten werden, welche resultieren bloß aus kulturellen Traditionen, werden also nur gewohnheitsmäßig mit Religion in Verbindung gebracht? Man erinnert sich: Vor einigen Jahren wollten die Taliban in Afghanistan das Telefon verbieten - diese Form moderner Technik, hatten die Fundamentalisten den Verdacht, könnte die religiöse und ethnische Identität ihres Landes gefährden.
Das Handbuch "Religion in Berlin" von Nils Grübel und Stefan Rademacher ist im Weißensee Verlag erschienen (673 Seiten , ISBN 3-89998-003-4) und kostet im Buchhandel 32 Euro.
Nähere Informationen: gruebel@gmx.de, s.rademacher@gmx.de
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Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur. Mitglied der Agentur scienzz communcation.
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