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10.02.2005 - GENRE MALEREI
Alltag mit doppeltem Boden
Das Frankfurter Städel zeigt holländisches "Genre" aus dem 17. Jahrhundert
von Josef Tutsch
 | | Gerard Terborch,
sog. Väterliche Ermahnung, 1654 | | | Das Bild war ein beliebter Wandschmuck für das gutbürgerliche Wohnzimmer, Gerard Terborchs "Väterliche Ermahnung“. Goethe hat es in seinen "Wahlverwandtschaften“ beschrieben: "Einen Fuß über den andern geschlagen, sitzt ein edler ritterlicher Vater und scheint seiner vor ihm stehenden Tochter ins Gewissen zu reden.“ Und die Mutter "scheint eine kleine Verlegenheit zu verbergen, indem sie in ein Glas Wein blickt, das sie eben auszuschlürfen im Begriff ist“.
Für sein doppeltes "scheint“ hatte Goethe nur allzu viel Grund. Terborch hat eine Bordellszene dargestellt. Der würdige Herr, während er auf das junge Mädchen blickt, verhandelt mit der alten Dame über den Preis ... Offenbar wurden die großen holländischen Maler des 17. Jahrhunderts bereits wenige Generationen später nicht mehr verstanden. Die Probleme bleiben, auch wenn wir heute in Kenntnis des Inhalts auf das Bild zutreten. Sehr leicht übersehen wir die Zeichen, die an Scheinhaftigkeit und Flüchtigkeit des Genusslebens mahnen: Spiegel und Kerze.
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| Adriaen Brouwer, Bauer, 1630 | “Der Zauber des Alltäglichen“: Unter diesem Titel präsentiert das Frankfurter Städel ab 10. Februar gemeinsam mit dem Museum Boijmans van Beunigen in Rotterdam einen Rückblick auf das "Goldene Zeitalter“ der holländischen Malerei. Im Mittelpunkt stehen jene Bilder, die herkömmlich als "Genre“ oder "Sittenbild“ bezeichnet werden – ein Verlegenheitsname, der eigentlich nur ausdrückt, dass hier Menschen dargestellt sind, die keine Rolle in der Heilsgeschichte oder in der antiken Mythologie oder in der politischen Historie beanspruchen können: der Bauer in der Schenke, die Frau bei der Hausarbeit, das Mädchen, das einen Brief liest usw. usf.
Ihre Blüte fand die Genremalerei im Holland des 17. Jahrhunderts: Durch die calvinistische Reformation war der Bedarf nach religiösen Bildern für die Altäre entfallen, statt des Adels wurde das Bürgertum zur bestimmenden Gesellschaftsschicht. Das neue Publikum interessierte sich weniger für die hohen Inhalte der Kunst als für das Kleine, Schlichte, Anspruchslose und oft eben auch Anekdotische. Ähnliches hatte es bereits in der hellenistischen Plastik gegeben, für die europäische Malerei lässt sich diese Tendenz bis weit ins Mittelalter zurückverfolgen: Etwa in vielen Passionsdarstellungen oder Heiligenlegenden wird das Geschehen von der Fülle der Umweltdetails überwuchert.
Eine bloß schauende oder anschauende Malerei, ohne jede Symbolik und gedankliche Überhöhung? Daran sind im konkreten Fall durchaus Zweifel erlaubt. Frauen beim Klöppeln oder Spinnen – das Motiv erinnert daran, dass der bürgerliche
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| Jan Vermeer, Milchmädchen, 1660 | Wohlstand auf Fleiß und Arbeit beruht. Eine ökonomische Einsicht, die für den gläubigen holländischen Calvinisten zugleich eine religiöse Wahrheit war. Der Kunsthistoriker Reinhart Schleier verweist auf Bibelverse, die von den Predigern gern zum Lob der tugendhaften Hausfrau zitiert wurden. Sprüche Salomonis: "Sie geht mit Wolle und Flachs um und arbeitet gern mit ihren Händen“, "Sie streckt ihre Hand nach dem Rocken und ihre Finger fassen die Spindel.“
Oder das Motiv der Wäschebleiche: nicht nur Illustration bürgerlicher Haushaltsführung und eines wichtigen Wirtschaftszweiges, sondern zugleich Sinnbild christlicher Tugend. Umgekehrt darf man in den vielen brieflesenden Mädchen dieser Gemälde eine Warnung vor den Gefahren der Liebe sehen und in den weintrinkenden Frauen eine Mahnung zum Maßhalten. Eine sehr diskrete Art der Wahrheitsvermittlung, die auch an der parallelen Gattung des Stilllebens zu demonstrieren wäre. Etwa ein reich gedeckter Tisch mit Spiegel, Uhr, Früchten, Blumen und einer Bibel – dabei mag sich der Betrachter denken, dass alles eitel und vergänglich ist, nur das Wort Gottes ewig bleibt.
Schwer zu sagen, wie wichtig für die Maler selbst oder ihr Publikum solche "moralischen“ Hintergedanken jeweils waren. Zweifellos wurden die Gattungen des "Banalen“ – Genre, Stillleben und Landschaft - damals zum Experimentierfeld malerischer Probleme; der Künstler konnte mit Komposition, Farbe und Licht variieren. Und zugleich beruhte die Faszination solcher Bilder gerade auf ihrer verborgenen Mehrdimensionalität, auf dem Spielraum, den sie der Interpretation eröffneten. Diese Malerei, sagt Schleier, "gibt Hinweise und Anregungen, löst Assoziationen aus und stützt Gedankenbrücken“ – der Betrachter ist sozusagen aufgefordert, mitzuspielen.
Der Zauber des Alltäglichen – Holländische Malerei von Adriaen Brouwer bis Johannes Vermeer 10. Februar bis 1. Mai 2005 im Städel, Frankfurt am Main
Mehr im Internet. Der Zauber des Alltäglichen
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Pablo Picasso, Les Demoiselles d'Avignon, 1907 | Und noch ein Ausstellungshinweis: Die Fortsetzung der Genre-Malerei in der klassischen Moderne zeigt derzeit die Kunsthalle Tübingen, freimütige Boudoir- und Bordellszenen, mit denen vor einem Jahrhundert Cézanne, Degas, Toulouse-Lautrec und Picasso ihre Zeitgenossen schockierten.
Bordell und Boudoir – Schauplätze der Moderne: Cézanne - Degas - Toulouse-Lautrec - Picasso 22. Januar bis 22. Mai 2005, Kunsthalle Tübingen
Mehr im Intenet: Bordell und Boudoir
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Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur. Mitglied der Agentur scienzz communcation. |
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