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26.08.2004 - EUROPA

Seine Vergangenheit frei wählen können ...

Kulturwissenschaften in einem interdisziplinären Zentrum der FU

von Josef Tutsch

 
 

Florenz, Baptisterium

Wenn der Venedigtourist sich auf seiner Gondelfahrt den Canal Grande entlang von Norden der Akademiebrücke und der Kirche Santa Maria della Salute nähert, dann taucht auf der linken Seite die "Ca’ del Duca" auf: ein unscheinbarer verputzter Bau, dessen Ecke - durchaus unpassend - zwei Fenster breit aus roh behauenen, weißen Quadersteinen gearbeitet ist, ganz wie man es von florentinischen Palazzi her kennt.

Ein Stückchen Florenz mitten in Venedig? Um die Mitte des 15. Jahrhunderts hatte die Familie Corner an dieser Stelle einen riesigen Palast begonnen, ganz im damals "modernen" Stil, den wir heute als „Renaissance“ bezeichnen. Das Projekt blieb unvollendet liegen, und vermutlich nicht aus Geldmangel: Wie zeitgenössische Dokumente zeigen, gab es eine heftige Architekturdebatte.  Die traditionsbe- wussten Venezianer hatten Vorbehalte gegen derart "antikisierende" Formen. "Die altvenezianische, wir würden sagen: gotische oder mittelalterliche Bauweise nach Art des Markusdoms galt als authen- tischer Ausdruck städtischer Identität", erklärt Stephan Albrecht von der Freien Universität Berlin. Ganz anders in Florenz: Die Taufkirche unmittelbar neben dem Dom stammt zwar erst aus dem 11. Jahr- hundert, enthält aber soviel "antikische" Formelemente, dass etwa Dante sie für einen römischen Tempel, tausend Jahre älter, halten konnte. Kurz und gut: Anders als die Venezianer fanden die Florentiner fanden in ihrer eigenen lokalen Tradition eine Anregung, die Renaissance zu "erfinden".

Albrechts Studie über die Ca’ del Duca ist Teil eines interdisziplinären Zentrums, das die FU zum Thema "Mittelalter - Renaissance - Frühe Neuzeit" eingerichtet hat. "Interdisziplinär" deshalb, weil sich solche umfassenden, allgemein "kulturwissenschaftlichen" Fragestellungen nur von einer Vielzahl von Perspektiven her angehen lassen. Eine vergleichbares Forschungsinstitut hat in Deutschland bislang nur die Universität Göttingen; zu einem Teilaspekt, dem Mittelalter, bietet auch Erlangen-Nürnberg einen Studienschwerpunkt an.

Nicht zuletzt verfolgt die FU mit ihrer Einrichtung ein ehrgeiziges Fi- nanzkonzept: In ein paar Jahren soll das Zentrum sich durch Spen- den unabhängig vom Universitätshaushalt selbst finanzieren können. Dergleichen "Zentren" hat die FU in den letzten Jahren bereits eine ganze Reihe ins Leben gerufen, unter anderem zur Gesellschafts- geschichte des Vorderen Orients. Und gerade mit den Orientwissen- schaftlern aller Disziplinen, vom Maghreb bis nach Japan, erhoffen sich die Mittelalter-Frühneuzeit-Forscher eine fruchtbare Zusammen- arbeit.

Nicht, dass die alte (übrigens auch im Marxismus gepflegte) Vor- stellung, andere Kulturen müssten sich unbedingt in strenger Parallele zu Europa entwickelt haben, noch aktuell wäre; aber gerade aus einem Vergleich der Unterschiede könnten Erkenntnisse resultieren. So forscht Wenchao Li zu den großen Wissenskompen- dien, die chinesische Gelehrte im 15. Jahrhundert zusammengestellt haben - als die Jesuiten zwei Jahrhunderte später ihre ersten Missions- versuche unternahmen, muss die ganz andere Denkart, die darin zum Ausdruck kommt, in Europa viel Verwirrung ausgelöst haben.

Vielleicht ist die abendländische Aufklärung nicht zuletzt durch diese Begegnung mit bewirkt worden - ähnlich wie die Scholastik Kabbaladurch die neu zugänglichen Texte des Aristoteles, die Renaissance durch die wiedererschlossene Tradition Platons? Jedenfalls scheint plausibel, dass eine wachsende Vielfalt von Autoritäten und Traditionen dem Individuum die Möglichkeit eröffnete, sich selbst als autonom zu begreifen. Bei nichts ist eben mehr Umsicht geboten als bei der Auswahl der eigenen Eltern, wie Oscar Wilde in paradoxer Zuspitzung bemerkte - nicht zuletzt diese Freiheit im Verhältnis zur Tradition macht das Selbstbewusstsein des modernen Menschen aus. So ist denn auch die persönliche "Handschrift" des Künstlers eine Neuerung der Renaissance in Florenz, darauf weist der Kunsthistoriker Prof. Andreas Tönnesmann von der ETH Zürich hin, der bei dem FU-Projekt mitarbeitet. Für das Mittelalter war der Rang etwa eines Bildes dagegen durch die Heiligkeit des Dargestellten oder durch den sakralen Ort seiner Aufstellung bestimmt.

Dass beim Aufbruch in die neue Welt der Möglichkeiten die Suche nach der legitimierenden Vergangenheit sich gelegentlich arg verirrte - etwa, wenn deutsche Humanisten die Herkunft ihres Volkes auf das alte Troja zurückführten -, kann nicht verwundern. Der Geburt der spanischen Nation zu Beginn der Neuzeit gehen Nikolaus Böttcher und Bernd Hausberger nach: "Es genügte nicht mehr, sich als Angehöriger eines Standes oder als Abkömmling irgendeiner Region oder bloß als Untertan des Königs zu verstehen; das spanische Volk wurde sozusagen neu erfunden, und zwar als eine einheitliche Abstammungslinie, die sich strikt christlich definierte, also unter Ausschluss der jüdischen und muslimischen Bewohner des Landes." "Reinheit des Blutes" lautete das Schlagwort; die Vorstellung ging dahin, auch durch Konversion könne ein Jude oder Muslim unmöglich zum "authentischen" Spanier werden - man ahnt, es geht um einen logisch verworrenen  (und historisch noch weitgehend ungeklärten) Übergang vom religiös motivierten Antijudaismus des Mittelalters zum rassistischen Antisemitismus der Moderne.

Ähnlich schwer aufzulösen sind die Gedankengänge der „christlichen Kabbala“. Dabei handelt es sich um eine mystische Religions- strömung, die in wilder Logik mit den Motiven der biblischen Offenbarung hantiert, gespeist aus allen Quellen des Neuplatonismus und Neupythagoreismus, wie sie gerade in der Renaissance wiederentdeckt wurden. „Eine zusammenfassende historische Darstellung steht noch aus“, stellt Prof. Wilhelm Schmidt-Biggemann, Philosoph an der Freien Universität, nüchtern fest. Viel Stoff also für die FU-Kulturwissenschaftler. Vielleicht wird die wissenschaftliche Analyse irgendwann einmal auch die mindestens ebenso dunklen Nachwirkungen dieses Denkens in der Romantik und bis heute – Stichwort: Esoterik – zu ihrem Thema machen. Gestehen wir es ruhig ein: Unsere Neuzeit ist nicht so durchweg rational, wie wir uns das gern vorstellen.


Mehr im Internet:
Mittelalter - Renaissance - frühe Neuzeit

 




Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied der Agentur
scienzz communcation.

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