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24. 06. 2004 - TECHNIKGESCHICHTE

"Ein heißer Kang schafft ein warmes Zimmer"

Technikwissenschaftler entdecken den chinesischen Alltag

von Josef Tutsch

 
 

Vor 5.000 oder 6.000 Jahren wurde im Nahen Osten die Technik erfunden, die Felder künstlich zu bewässern, und heute glauben viele Sozialwissenschaftler, dass damit die Grundlage geschaffen wurde für das, was wir Arbeitsteilung und Politik nennen. Bei neueren Erfindungen könnten die Folgen ähnlich weitreichend sein, zum Beispiel beim elektrischen Licht. Kann man sich noch vorstellen, wie das Leben in „vorelektrischen“ Zeiten abgelaufen  ist – mit Kerzen oder Öllampen, um die sich die Familie nach Einbruch der Dunkelheit zusammensetzen musste? In Europa ist die Umstellung schon lange her, aber in China können sich viele Menschen noch erinnern: Außerhalb der Metropolen hat sich elektrisches Licht erst vor 40, 50 Jahren verbreitet.

Eine „Beleuchtungsgeschichte Chinas“: daran arbeitet an der Technischen Universität Berlin die chinesische Ethnologin Wu Xiujie. Wie hat sich das Zeitbewusstsein, wie hat sich die Zeitplanung der Chinesen durch das elektrische Licht verändert? Das ist, wie ein vergleichender Blick auf unseren eigenen Alltag zeigt, keine bloß akademische Frage: Ohne Steckdosen  wäre nicht denkbar, dass jedes Familienmitglied sich bei Bedarf absondern kann. Wu hat in einem ländlichen Gebiet südlich von Peking die Bewohner befragt, wie sie den Wechsel vom Feuerlicht zur Elektrizität erlebt haben; darüber hinaus will sie die Entwicklung bis in die Ära der Ming-Dynastie, also bis in unsere frühe Neuzeit, zurückverfolgen. Damals nämlich wurde in China einerseits die westliche Uhr eingeführt, andererseits kam zu dieser Zeit die „Leselampe“ mit Öllicht in Gebrauch. War das bereits eine „Revolution“, wo der Elektrifizierungsschub partiell vorweggenommen wurde?

Das Dissertationsvorhaben ist Teil eines umfassenderen Forschungsprojekts über „Geschichte und Ethnologie der Alltagstechniken Chinas“, das von der Volkswagenstiftung gefördert wird.  Es geht um die Art und Weise, in der die Menschen in China seit frühester Zeit die Befriedigung ihrer Lebensbedürfnisse organisieren, erläutert die Privatdozentin Mareile Flitsch, die das Projekt leitet: von der Ernährung über Wohnen und Kleidung bis zu Verkehr und Kommunikation. Neben einer Datenbank, um den Stand der - westlichen wie chinesischen - Forschung festhalten zu können, erhalten Nachwuchswissenschaftler die Gelegenheit, sich mit der Arbeit zu Detailfragen zu qualifizieren.

Flitsch selbst hat sich mit der Wohnkultur Nordchinas befasst, genauer gesagt, mit der „Wohnplattform“, auf der sich in China das häusliche Leben vom Arbeiten über Essen und Trinken bis zum Schlafen vollzieht. Diese Plattform, chinesisch „Kang“ genannt, ist aus Lehmziegeln gebaut – eine Technik, die in Europa bereits die Römer für eine solide Fussbodenheizung genutzt hatten, die dann aber viele Jahrhunderte in Vergessenheit geraten war. „Ein heißer Kang schafft ein warmes Zimmer“, sagt ein chinesisches Sprichwort: Ohne diese Heizungstechnik wäre das Leben auf dem Fussboden, das die chinesische Alltagskultur jahrhundertlang geprägt hat, gar nicht möglich gewesen. Erst in jüngster Zeit ist es üblich geworden, in Betten zu schlafen und auf Stühlen zu sitzen.

„Wir wollen solche Alltagstechniken nicht etwa auf ihre ökonomische Effizienz im Vergleich mit moderner High-Tech prüfen“, betont chinesische ArbeiterinnenFlitsch „Wir wollen verstehen, was da gemacht wird, indem wir versuchen, uns in diese Menschen hineinzuversetzen.“ Eine Entzifferungs- und Übersetzungsarbeit also, wenn man so will. Eigentlich, fügt Flitsch an, wäre es sinnvoll, wenn Alltagsforscher aus dem Westen sich gemeinsam mit hiesigen Handwerkern  in China kundig machen würden.

Manchmal will es der Glücksfall, dass beide Kompetenzen zusammenkommen, so bei einem Projekt über die materielle Kultur der „Großen proletarischen Kulturrevolution“: Iris Hopf ist nicht nur Ethnologin, sondern hat auch als Näherin gearbeitet und kann sich allen Kleidungsfragen mithin von der „fachlichen“ Seite her nähern. Dem westlichen Betrachter ist China aus dieser Zeit um 1970 herum als ein Volk der vielen Millionen „blauer Ameisen“ im Gedächtnis geblieben; aber Hopf kann zeigen, wie vielfältig die Alltagskultur, die Selbstdarstellung der Persönlichkeit über ihr „outfit“, trotz aller ideologischen Uniformierung geblieben ist – einschließlich der winzigen Taschen, die damals zum allgegenwärtigen Accessoire wurden, um die obligatorische „Mao-Bibel“ mitführen zu können.

Ein anderes Moment unseres Bildes vom modernen China hat sich Amir Moghaddass Esfehani vorgenommen: das Fahrrad. Vor kaum einem Jahrhundert wurde das Fahrrad in China noch als „fremd“ aufgefasst, als Inbegriff westlicher Lebensart. Dass es inzwischen zum alltäglichen Fortbewegungsmittel geworden ist, bedeutet einen ungeheuren Kulturwandel – es muss ein Schock gewesen sein, zu sehen, wie sich Angehörige der höheren Schichten, die längere Strecken nach alter Sitte bloß in der Sänfte zurücklegten, aufs Rad schwangen, und dann gar noch die Frauen ... Sich in eine fremde Kultur einzufühlen, ihre Äußerungen in die eigene Sprache zu „übersetzen“, das bedeutet eben auch, dass Modernisierung und Emanzipation sozusagen miterlebt werden. In bäuerlichen Kreisen könnte die Aneignung des Fahrrads übrigens leichter gefallen sein: Das „Treten“ entsprach einer jahrhundertealten Übung, allerdings auf der Stelle, zur Bewässerung der Felder. 


Nähere Informationen: www.tu-berlin.de/~alltag-china/de/texte/main.htm


Mehr im Internet:
scienzz artikel Technik


 


Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied der Agentur scienzz communcation.

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