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kultur

31.12.2004 - KALENDER

Blick zum Schreibtisch statt zum Himmel

Unsere Zeitrechnung hat sich von den Sternen emanzipiert

von Josef Tutsch

 
 

Hapi, die ägyptische Gottheit
des Nils

Wann ist nächstes Jahr eigentlich Ostern? Bevor Sie jetzt zum Kalender auf Ihrem Schreibtisch greifen: Sinn der Frage war, ob Sie den Termin nicht auch ohne solche Hilfsmittel ausmachen können. Und jetzt werden Sie vermutlich passen. Selbst wenn Sie den letzten Vollmond zur Kenntnis genommen haben und sich noch an das Datum erinnern: Den Mondzyklus von 27 Tagen, 7 Stunden, 43 Minuten und 11,5 Sekunden bis zum Frühjahrsbeginn am 21. März fortrechnen, dann auszählen, auf welchen Wochentag das neue Vollmonddatum fällt und schließlich weiter bis zum nächsten Sonntag - nein, lieber nicht.

Atlas Farnese
   Der "Atlas Farnese" mit den 
   Tierkreiszeichen, 2. Jhdt.
„Den Mondzyklus mit dem Sonnenjahr in Übereinstimmung zu bringen, war in der Geschichte des Kalenders immer eine sehr schwierige Aufgabe“, stellt Prof. Thomas Macho, Kulturwissenschaftler an der Humboldt-Universität Berlin, fest. Die Lösung unseres modernen Kalenders: Es gilt das Sonnenjahr und sonst - beinahe - nichts; einzig der Ostertermin, mit Karneval oder Fasching sieben Wochen zuvor und Pfingsten sieben Wochen danach, liegt wie ein Überbleibsel uralter Faszination durch den zu- und abnehmenden Mond in diesem gleichförmigen Zeitsystem. Und noch mehr: Um das Datum festzustellen, blickt der moderne Mensch weder zur Sonne noch zum Mond auf, er kann die Tage mechanisch abzählen, und selbst diese Zählarbeit hat die Kalenderindustrie uns abgenommen.

Orientierung an der Sonne oder am Mond, die Berechnung der Zeit nach den Phänomenen am Himmel oder bloß nach den Tagen und Jahreszeiten: Macho hat diesen Wechsel über die Jahrtausende zurückverfolgt, bis in den Alten Orient. So basierte der babylonische Mondkalender auf einer hochentwickelten Sternenbeobachtung, die Ägypter richteten sich nach einem ganz ungefähr berechneten Sonnenjahr von 365 Tagen. Woher dieser Unterschied? „Das ägyptische Reich erstreckte sich viele Tagereisen weit am Nil entlang“, antwortet Macho, „und da war ein einheitlicher Kalender durch das mechanische Abzählen von 365 Tagen viel eher zu erzielen als durch den Blick zum Sternenhimmel.“ Auch das Klima drängte die Ägypter auf diesen Weg. Mit großer Regelmäßigkeit trat jedes Frühjahr, nach dem Abschmelzen des Schnees in Äthiopien, die „Nilschwemme“ ein - Voraussetzung für alles Leben in dem schmalen Tal inmitten der Wüste.

Strasbourg
Astronomische Uhr
Straßburger
Münster,16. Jhdt
Wenn man so will, sind wir heute mit unserem Sonnenkalender alle „Ägypter“: es gilt ein streng „arithmetisches“ System der Zeitmessung, ohne jedes Interesse für die wechselnden „geometrischen“ Figuren, die Mond und Sterne uns des Nachts darbieten. Selbst in den islamischen Ländern, wo für den religiösen Bedarf - Fastenmonat Ramadan - nach wie vor ein reiner Mondkalender mit 354 Tagen im Jahr gepflegt wird, benutzt die Wirtschaft das „weltliche“ Sonnenjahr. Zu kulturellem Hochmut besteht da übrigens keinerlei Anlass: Auch in Europa hat es Jahrhunderte gedauert, bis sich die jüngste Kalenderreform, als Papst Gregor XIII. die Schaltjahre neu regelte, allgemein durchsetzen konnte. Die Bauern würden nicht mehr wissen, wann sie ihre Felder bestellen müssten, befürchtet ein protestantischer Flugblattschreiber 1584 und - ob das wohl ernstgemeint war? - sogar die Vögel wären verunsichert, wann sie singen oder abfliegen sollten. Noch 1923 hat sich die orthodoxe Kirche in Griechenland über der Frage gespalten, ob man einem Dutzend Heiligen mit der Übernahme dieses Kalenders ihre Festtage wegnehmen könnte.

Anderen Kulturen (und früheren Generationen) geht es bei der Zeitberechnung eben um viel mehr als bloß darum, den nächsten Osterurlaub - und die nächste „närrische“ Zeit - planen zu können. Im 13. Jahrhundert kritisierte der Philosoph und Theologe Roger Bacon, dass die kirchlichen Autoritäten seiner Zeit es bei der Festlegung des Ostertermins an Sorgfalt fehlen ließen: „Das Osterfest wird nicht zur richtigen Zeit gefeiert, sondern in der gesamten eigentlichen Osterwoche wird noch gefastet. Die Fastenzeit begann acht Tage zu spät, Christen aßen also acht Tage lang Fleisch, als sie eigentlich schon hätten fasten müssen.“ Die richtige Zeit: die konnte sich für den naturwissenschaftlich interessierten Mönch nur aus genauen astronomischen Studien ergeben.

Blick zum Himmel oder Blick in den Kalender auf dem Schreibtisch? Schon aus
Astronomielehrstunde
  Astronomie-Lehrstunde
  (Michael van Muscher, 1671)
ökonomischen Gründen sparen wir es uns heutzutage, auf Sonne, Mond und Sterne zu achten - schließlich ist Zeit doch Geld, wie Benjamin Franklin es kurz und knapp, also zeitsparend, ausgedrückt hat, und Geld darf man nicht verschwenden. Also ist die Astronomie eine Sache für Experten geworden; nur die Astrologie, also die Kunst, den Bildern am Himmel über die Zeitberechnung hinaus einen Lebenssinn abzugewinnen - ja, die blüht nach wie vor, nicht anders als vor 4.000 Jahren im alten Babylon. Die christliche Kirche ist mit ihrem Bemühen, im Namen von göttlicher Allmacht und menschlicher Willensfreiheit den Glauben an Sternbilder und Sternengötter auszurotten, nicht durchgedrungen. Selbst Theologen bemühten sich um eine Gegenargumentation, so im 13. Jahrhundert der Kirchenlehrer Albertus Magnus: Wenn wir astrologisch informiert sind, können wir uns in Freiheit auf das einstellen, was Gott in seiner Allmacht uns ankündigt. Mit ähnlichen Gedanken werden sich wohl auch viele unserer Zeitgenossen beruhigen, wenn sie Tag für Tag ins Zeitungshoroskop schauen.


Mehr im Internet:
Kulturwissenschaftliches Seminar der HU Berlin
 

 




Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied der Agentur
scienzz communcation

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