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14.06.2004 - ALICE-SALOMON-PREIS

Wider das Gesetz des Schweigens

ASFH verleiht Preis an "Ni putes, ni soumises"

von Josef Tutsch

 
 

Rektorin Christine Labonté-Roset übergibt
den Preis an Fadéla Amara (links)
Die Opfer sind selbst schuld. Zumindest pflegen das die Täter zu behaupten, und manchmal glauben sie wohl auch daran. Zum Beispiel jener junge Mann, der am 4. Oktober 2002 in Vitry-sur-Seine unweit von Paris ein 17jähriges Mädchen bei lebendigem Leib verbrannte. Täter und Opfer gehörten zur maghrebinischen Gemeinde in Frankreich, zur zweiten oder dritten Generation der Einwanderer aus dem ehemals französischen Nordafrika. Das Mädchen hatte sich "integriert" und westeuropäische Lebensformen angenommen, der junge Mann sah seine Pflicht darin, die "Hure" zu bestrafen.

Der Kriminalfall hat in Frankreich Geschichte gemacht. Erstmals konnte "Ni putes, ni soumises", eine soeben ins Leben gerufene Organisation von Frauen aus den Einwanderervierteln der französischen Großstädte, ihr Anliegen einer breiten Öffentlichkeit nahe bringen. Bereits ein halbes Jahr später, im März 2003, wurde eine Delegation von NPNS, an der Spitze die Gründerin Fadéla Amara, von Premierminister Raffarin empfangen; die Nationalversammlung verlieh Amara für ihre Publikation den "Prix du Livre Politique". Inzwischen sind in mehreren Städten "Schutzwohnungen" für Mädchen und Frauen, die vor ihrer Familie und aus ihrem Viertel fliehen mussten, zur Verfügung gestellt; in allen Polizeikommissariaten werden nach und nach geschulte Ansprechpartner für diese "Migrantenprobleme" eingesetzt; eine "NPNS-Universität" wird vom Staat finanziell unterstützt. Jetzt findet NPNS auch in Deutschland Beachtung: Am 11. Juni 2004 erhält Fadéla Amara von der Berliner Alice-Salomon-Fachhochschule den "Alice-Salomon-Preis".

Ni putes, ni soumises": das heißt, wörtlich übersetzt, "weder Huren noch Unterworfene". Dass gerade junge Frauen aus den Einwandererfamilien in einen Konflikt geraten zwischen den Möglichkeiten einer selbstbestimmten Lebensführung einerseits, wie die westeuropäische Gesellschaft sie bietet, den Erwartungen ihrer Familie und ihres angestammten Milieus andererseits, ist keineswegs neu. Aber mit der Wirtschaftskrise hat sich die Situation drastisch verschärft: Oft haben die Familienväter, die durch ihre Arbeit an die westliche Gesellschaft herangeführt wurden, ihren Arbeitsplatz und damit auch ihre Autorität verloren; in diese Lücke sind die jungen Männer der zweiten oder dritten Generation hineingestoßen, die zwar auch keine Arbeit haben, sich aber auf anderem Wege Autorität zu verschaffen wissen – als eine Art selbsteingesetzte Polizei, die nach ihren religiösen, moralischen oder kulturellen Vorstellungen für "Ordnung" sorgt. Jenseits aller "political correctness" ausgedrückt: als eine Bande, die die Einwandererviertel kontrolliert und terrorisiert.

Ob es solche Strukturen nicht auch in deutschen Großstädten gibt? In Frankreich jedenfalls ist der Staat zu dem Schluss gekommen, sich gegen solche "Parallelstaatlichkeiten" wehren – und die betroffenen Individuen vor solchen "Ersatzautoritäten" schützen zu müssen. "NPNS fordert nicht mehr und nicht weniger, als dass die französische Republik ihre eigenen Werte von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit für alle Staatsbürger, also auch für Frauen und Mädchen aus Migrantenkreisen, verwirklicht", würdigt Prof. Christine Labonté-Roset, Rektorin der Alice-Salomon-Fachhochschule das Engagement von Fadéla Amara. Ihre Strategie: Das Problem wird "skandalisiert", um in der Mehrheitsbevölkerung überhaupt erst das Bewusstsein zu wecken für das, was da vorgeht; den betroffenen Frauen will sie Mut machen, das Gesetz des "Schweigens", wie es in ihrem Milieu nach Mafiaart gilt, zu brechen. Wie schwierig das ist, weiß Amara, die aus einer algerischen Familie kommt und in Clermont-Ferrand – wichtigster Wirtschaftsfaktor: der Reifenhersteller Michelin – aufgewachsen ist, sehr genau.

Unnötig zu sagen, dass nicht nur Frauen in die Opferrolle geraten können: Man stelle sich vor, dass ein junger Mann seine abweichenden sexuellen Interessen entdeckt oder aus einer kriminellen Bande aussteigen will oder womöglich feststellt, dass er sich seiner angestammten Religion entfremdet hat ... Mehr und mehr findet Amara denn auch männliche Mitstreiter. Von der deutschen Diskussion her vielleicht überraschend: NPNS unterstützt die Entscheidung von Staatspräsident Chirac, das Kopftuch in den Schulen zu verbieten, und zwar nicht nur bei Lehrerinnen, sondern auch bei Schülerinnen. "Frankreich hat es da leichter, zu einer konsequenten Linie zu finden", erläutert Labonté-Roset, "bei uns, wo Staat und Kirchen nicht derart strikt getrennt sind, halten die christlichen Kirchen noch daran fest, dass ihre eigenen Positionen und Symbole auch im staatlichen Raum legitim sein müssten.

Internet: http://www.niputesnisoumises.com

 


Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied der Agentur scienzz communcation.

 

 

 

 

 

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