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22.02.2005 - PHILOSOPHIE-GESCHICHTE

Die mangelnde Klugheit der Intellektuellen

Martin Heidegger und sein Bruder Fritz -
biographische Skizzen aus Meßkirch

von Josef Tutsch

 
 

Martin Heidegger (1889-1976)

Für das Sommersemester 1934 hatte Martin Heidegger eine Vorlesung "Der Staat und die Wissenschaft“ angekündigt. Dieses Stichwort lockte die gesamte Nazi-Prominenz von Freiburg in den Hörsaal. Heidegger bahnte sich den Weg zum Katheder. Er habe sein Thema geändert, begann er, er lese über Logik: "Logik kommt von Logos.“

Eine Absage an das Regime? Jedenfalls keine Selbstkritik, eher eine Selbststilisierung. Heidegger war enttäuscht von den Machthabern. "Die Unerbittlichkeit des Einfachen und Letzten duldet kein Schwanken und kein Zögern“, hatte er wenige Monate zuvor bei einer "Kundgebung der deutschen Wissenschaft“ in Leipzig proklamiert. Man fragt sich, was er vom Nationalsozialismus eigentlich erwartete. Keine "blinde Gewaltherrschaft“, heißt es in der Rede ausdrücklich. Was aber dann?

  In der Kirche von
  Meßkirch
Hans Dieter Zimmermann, Literaturwissenschaftler an der Technischen Universität Berlin, muss diese Frage in seinem neuem Buch unbeantwortet lassen: "In seiner Philosophie des Alltags befasste sich Heidegger nicht mit dem Alltag, wie er war, sondern mit einer Abstraktion des Alltags.“

Zimmermann hat den Philosophen mit seinem fünf Jahre jüngeren Bruder Fritz konfrontiert. Also ein Kontrastprogramm zu der Art, wie Heidegger selbst vermutlich seine Philosophie postum behandelt hätte: Martin Heidegger wurde 1889 in Meßkirch geboren und starb 1976 in Freiburg. Kommen wir nun zu seinem Denken ... Während Martin, von der Kirche gefördert, studieren konnte, musste der nicht weniger begabte Fritz die Schule aufgrund eines Sprachfehlers verlassen. Die erhoffte geistliche Karriere blieb ihm versagt, er wurde Bankbeamter in der Heimatstadt Meßkirch. Vor Ort, in der "Provinz“, war er der berühmtere der beiden Brüder. Ab 1938 schrieb Fritz die Manuskripte des Philosophen ab und brachte ihn auch zu allerlei Verbesserungen.

Die "Fasnetsreden“, die der verhinderte Prediger Jahr für Jahr hielt (von einem Sprachfehler war dann plötzlich nichts mehr zu spüren) müssen für jene, die zu hören verstanden, ein Erlebnis gewesen sein. Im Unterschied zu seinem philosophierenden Bruder entfernte Fritz sich jedoch nicht von der katholischen Tradition, sie gab seinem
   Martin und Fritz Heidegger
Humor die Grundlage. 1934: Vom Standpunkt des Todes und der Ewigkeit aus betrachtet, ist "jeder von euch eine Null, eine komplette Null; und wer daran zweifelt, dass er eine Null ist, der ist sogar eine Obernull.“ Soviel über die Faszination, die die braune Bewegung auf manche Zeitgenossen ausübte: Um sich großartig zu fühlen, brauchte man nichts zu leisten; man musste nur der Herrenrasse angehören.

Schade, dass in Zimmermanns Buch nicht längere Passagen aus diesen Reden wiedergegeben sind. Man möchte sie auch heutzutage den Neonazis um die Ohren schlagen. Ein Märtyrer oder Widerstandskämpfer war Fritz Heidegger dennoch nicht, trotz einiger hochgefährlicher Passagen in seinen "Predigten“. Zum Beispiel 1937, als er ein Nazi-Lied zitierte: "Lasst wehen die Fahnen, lasst flattern die Wimpel“, und hinzufügte: "Und wers nicht glaubt, ist auch kein Simpel.“ Der Bruder Martin hatte zeitweise daran geglaubt, nicht gerade an die Fahnen und Winkel, wohl aber an die Möglichkeit, ihre Träger im Sinne seiner Philosophie nutzen zu können. Hannah Arendt hat an Platon erinnert und an dessen Absicht, den Idealstaat unter dem syrakusanischen Tyrannen Dionys verwirklichen zu wollen: "Die Neigung zum Tyrannischen lässt sich theoretisch bei fast allen großen Denkern nachweisen.“

Gerade im Frühjahr 1934 liebäugelte Heidegger mit Plänen zu einer Dozentenakademie in Berlin, einer Art philosophischem Kloster – man
   Widmung von "Sein und Zeit" an
   Edmund Husserl
kann sich denken, wer für die Funktion des Großmeisters ausersehen war. Dass seine Gegner in der Partei das Projekt torpedierten, mag ihn wesentlich zu seinem Rückzug bestimmt haben. Dem Bruder Fritz konnten solche Versuchungen nichts anhaben: Er fand seinen Halt in der Tradition, die ganz so provinziell aber doch nicht gewesen sein kann: nicht nur Bibel und Theologie, sondern auch eine solide philosophische und literarische Bildung von Platon bis Shakespeare, von Cicero bis Goethe.

Immerhin empfand Martin die Notwendigkeit, aus diesem katholischen Milieu auszubrechen. Spätestens Ende der 30er Jahre, bei seinen Nietzsche-Studien, muss ihm das Problem bewusst geworden sein, das Hannah Arendt später in die Feststellung fasste, der Verlust von Transzendenz habe den Menschen nicht auf ein Diesseits, sondern bloß auf sich selbst zurückgeworfen. Auf einer sehr abstrakten Ebene wurde bereits 1926 aus "Sein und Zeit“ deutlich, dass mit der „Fundamentalontologie“ keine faktischen Handlungsanweisungen zu geben waren. In diesem Denken, das so vehement auf „Entscheidung“ drängte, kamen konkrete Entscheidungen nicht vor.

Ob Heidegger diesen blinden Fleck später als Mangel gesehen hat? Unmittelbar nach Kriegsende suchte er, in Angst vor Sanktionen durch die französische Besatzungsmacht, Hilfe beim Erzbischof von Freiburg. Als sie den Philosophen eintreten sah, soll die Schwester des Erzbischofs gesagt haben: "Ach, der Martin isch au mal wieder bei uns. Zwölf Jahre isch er nicht gekomme.“ Und der soll geantwortet haben: "Marie, ich habe es schwer gebüßt. Mit mir ist es jetzt zu Ende.“ Es wäre reizvoll, der Frage nachzugehen, was Heidegger mit "Buße“ gemeint haben könnte; von Reue oder Umdenken war jedenfalls nicht die Rede. Am "Ende“ war Heidegger übrigens auch nicht, die weltweite Wirkung seines Denkens begann erst.

Und damit auch die immer wiederkehrende Diskussion, wie es dazu kommen konnte, dass einer der ersten Philosophen des Jahrhunderts sich wenigstens zeitweise den Nationalsozialisten zur Verfügung gestellt hat. Wer groß denkt, der irrt groß, pflegte sich Heidegger zu
   Heidegger in Todtnauberg
rechtfertigen (oder vielmehr: die Notwendigkeit einer Rechtfertigung abzuweisen). "Ich meine, er hat groß gedacht und klein geirrt“, kommentiert Zimmermann. „Der Kassierer der Kreditkasse von Meßkirch war im Jahre 1933 und danach klüger und mutiger als der Philosoph der Universität Freiburg.“

Moral der Geschichte? "Intelligent sind die Intellektuellen, das gehört zu ihrem Beruf, aber klug sind sie nicht immer“ – vielleicht auch, weil sie in einer arbeitsteiligen Gesellschaft sozusagen den Boden unter den Füßen verloren haben. Der Verfasser versäumt nicht den sympathischen Hinweis, dass auch er selbst sich zu diesen Intellektuellen zählen muss. Wir dürfen an dieser Stelle weiterdenken: An "Klugheit’  könnte es auch dem einen oder anderen jener Philosophiehistoriker mangeln, die sich im "Fall Heidegger“ voller Selbstsicherheit geäußert haben, dass ihnen dergleichen nie und nimmer passieren würde.


Neu auf dem Büchermarkt:
Hans Dieter Zimmermann: Martin und Fritz Heidegger. Philosophie und Fastnacht, Verlag C. H. Beck (ISBN 3-406-52881-3), 17,90 Euro

Terminhinweis:
Buchvorstellung 08.03.2005




 

 

Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied der Agentur scienzz communcation

 

 


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