17.03.2005 - FRÖMMIGKEIT
Äbtissinnen, Künstlerinnen, Mystikerinnen
Kunst aus mittelalterlichen Frauenklöstern -
eine Ausstellung in Bonn und in Essen
von Josef Tutsch
 | | Der Maltererteppich aus
Freiburg (um 1315)
| | | Im Jahre 1370 wurde eine gewisse Elisabeth von Nassau zur Fürstäbtissin von Essen gewählt. Mit dem Ansinnen, ihr, der neuen Landesherrin, zu huldigen, stieß sie beim Rat der Stadt jedoch auf Granit: Essen strebte nach Unabhängigkeit, wie so manche andere Stadt unter geistlicher Herrschaft auch. Zwar erhielt Elisabeth 1372 von Kaiser Karl IV. eine Urkunde, die ihr die Hoheitsrechte über die Stadt beurkundete; aber fünf Jahre später ließen sich die Bürger eine Urkunde ausstellen, die ihre Unabhängigkeit vom Stift erklärte. Anscheinend ging es in der Hofkanzlei nicht so recht ordentlich zu ...
Der Streit zog sich hin, wurde noch heftiger, nachdem sich die Stadt im 16. Jahrhundert der Reformation zugewandt hatte. 1568 brachte Äbtissin Irmgard von Diepholz die Sache vor das Reichskammergericht, das gut 100 Jahre später, 1670, zugunsten der Abtei entschied. Das folgende Revisionsverfahren kam niemals an ein Ende. 1803 wurde das Stift aufgelöst.
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Klarissenkloster in Köln
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Die Mühlen der Justiz mahlen oft sehr langsam. Andererseits: Frauenklöster ermöglichten gelegentlich weibliche Karrieren, die man den vormodernen Zeiten ansonsten gar nicht zutrauen würde. Vom 19. März an ist in Bonn und in Essen eine große Ausstellung zu sehen, die sich den Frauenklöstern vom 6. bis zum 16. Jahrhundert widmet. Der Essener Ausstellungsteil ist dem frühen und hohen Mittelalter gewidmet, der Bonner Teil gilt dem späten Mittelalter mit seinen vielfältigen Reformversuchen.
Der Bogen ist weit gespannt: Neben den politischen, rechtlichen und ökonomischen Bedingungen kommt das Leben der „Religiosen“ zu seinem Recht – im Sinne des christlichen Mittelalters der eigentliche Zweck solcher Einrichtungen. Und natürlich die Werke, die von und für Nonnen oder Stiftsfrauen angefertigt wurden. „Der Anteil von Frauen an der Kunst des Mittelalters – als Künstlerinnen wie als Auftraggeberinnen – war viel umfangreicher, als allgemein angenommen wird“, versprechen die Veranstalter.
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Paradiesgärtlein (vom Meister des Paradiesgärtleins, um 1410)
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Insgesamt 600 Exponate werden zu sehen sein, darunter viele Ensembles, die nach Auflösung der Klöster – mit der Reformation im 16. Jahrhundert oder auch erst durch die Säkularisierung Anfang des 19. Jahrhunderts – in alle Welt zerstreut wurden: von liturgischen Geräten – deren Handhabung den Priestern, also geweihten Männern vorbehalten war – bis zu Gegenständen des Klosteralltags.
Dabei ist immer mitzube- denken, welche Rolle den Frauen in der mittelalterlichen Kirche zugewiesen war: das Kloster- oder Stiftsleben als einzige Alternative zum Dasein als Ehefrau und Mutter, aber vom Priesteramt – und damit von einer höheren kirchlichen Laufbahn – prinzipiell ausgeschlossen. Mit Ausnahme eben der Position von Äbtissinnen. Und da gab es gelegentlich Streit, ob und inwieweit die hohe – männliche – Geistlichkeit an der Wahl zu beteiligen war. Allein die Geschichte des Essener Damenstifts verzeichnet drei solcher Streitigkeiten, in einem Fall, 1426, mündete der Fall in einen veritablen Kleinkrieg zwischen den Familien, die hinter den Kandidatinnen standen.
Die amerikanische Mittelalter-Spezialistin Caroline Walker Bynum hat vermutet, dass sich gerade aus dieser
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Heimsuchung (Maria und Elisabeth, ca 1310) | institutionellen Einschränkung des Frauendaseins im späten Mittelalter eine spezifisch weibliche Form der Frömmigkeit entwickelte: „Die ekstatische Hingabe an Leib und Blut Christi in der Eucharistie war wohl eine Alternative zur Autorität des Priester- amtes.“ In der Tat erlebten in der Hauptsache Frauen während der Messe, dass ihnen die Kommunion von Christus selbst oder von Engeln gespendet wurde. Auch die Stigmatisation, das wunderbare Auftreten der Wundmale Christi am eigenen Körper, betraf überwiegend Frauen.
Der Amtskirche kamen diese Visionen durchaus gelegen: Sie waren der handgreifliche Beleg, dass das Göttliche, entgegen den „dualistischen“ Behauptungen vieler Ketzer, wirklich und wahrhaftig in die Materie eingehen konnte. Vielleicht gibt die Ausstellung in Essen und Bonn ja näheren Aufschluss über die religiösen Vorstellungen des Mittelalters, die dem modernen Blick oft so befremdlich erscheinen. So gab es im 14. und 15. Jahrhundert die Bildform der „Schreinmadonnen“: Marien, die ihr Kind säugten, und wenn man die Statue öffnete, fand sich darin die göttliche Dreifaltigkeit.
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Wappen des Damen- stifts Essen | Krone und Schleier – Kunst aus mittelalterlichen Frauenklöstern 19. März bis 3. Juli 2005 Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn und Ruhrlandmuseum in Essen
Mehr im Internet: Krone und Schleier
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Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur. Mitglied der Agentur scienzz communcation. |
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