21.02.2005 - BRUSTKREBSFRÜHERKENNUNG
Gut gemeint und schlecht gelungen
Viele Infobroschüren zur Brustkrebsfrüherkennung informieren nicht
Bettina Jahn
 | | | | | Seit Januar 2005 werden Frauen zwischen 50 und 69 Jahren in Deutschland zum kostenlosen Mammografie-Screening (Früherkennung von Brustkrebs) eingeladen. Die Aufklärung durch Ärzte oder Broschüren ist jedoch fast immer ungenügend, zeigte eine Studie am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung (MPIB) in Berlin. Nun ist eine Broschüre erschienen, die die Empfehlungen des Psychologen Prof. Dr. Gerd Gigerenzer berücksichtigt.
Teilnehmen oder nicht, diese Frage stellt sich nun allen Frauen über 50, die seit diesem Jahr regelmäßig zur Früherkennung eingeladen werden. Sie haben aber wenig Gelegenheit, sich vorher gründlich zu informieren, zeigt eine Studie von Dr. Stephanie Kurzenhäuser: Sie analysierte 27 Broschüren zum Thema Brustkrebsfrüherkennung und wertete aus, welche Informationen gegeben und welche zurückgehalten werden. Außerdem testete sie, wie Frauen die vorhandenen Aussagen verstehen. Ihre Arbeit ist Teil des Forschungsbereichs Adaptive Behavior and Cognition (ABC), der menschliche Rationalität und Entscheidungsfindung untersucht und von Prof. Dr. Gerd Gigerenzer geleitet wird. "Informationen über Nutzen und Risiken werden verzerrt dargestellt und wichtige Informationen verschwiegen, so werden Frauen teilweise absichtlich in die Irre geführt," fasst Gigerenzer die Ergebnisse der Studie zusammen. Nur wenige Broschüren nennen überhaupt konkrete Zahlen, und diese auch nur zum Nutzen und dann in einer Form, die Frauen zumeist missverstehen, nämlich in Form von Wahrscheinlichkeiten in Prozent. Zu möglichen Risiken fanden sich keine konkreten Angaben.
Irreführend war zum Beispiel folgende Aussage: Das Risiko an Brustkrebs zu erkranken wird durch die Teilnahme am Mammografie-Screening um 25% verringert. Bedeutet dies, dass das Leben von 25% der untersuchten Frauen gerettet werden kann? Keineswegs, denn die 25% beziehen sich nicht auf alle Teilnehmerinnen am Screening, sondern nur auf die kleine Gruppe von Frauen, die tatsächlich an Brustkrebs erkrankt sind und sogar daran sterben. Um die Aussage anschaulich zu machen, empfiehlt Gigerenzer das Problem mit natürlichen Zahlen zu veranschaulichen, zum Beispiel so: 1.000 Frauen nehmen an der Brustkrebs-früherkennung teil. Ohne diese Untersuchung würden vier Frauen an Brustkrebs sterben. Mit Untersuchung sterben nur drei Frauen an Brustkrebs, das Risiko reduziert sich also um 25%. Bezogen auf die 1000 Frauen, die am Screening teilnehmen, wird also eine davon nicht an Brustkrebs sterben. Das absolute Risiko vermindert sich nicht um 25% sondern um 0,1%.
Nun könnte man argumentieren, dass die Rettung eines Menschen-lebens unter 1000 Teilnehmerinnen doch ein genügender Grund für den Aufwand sei. Aber ob wirklich eine Frau gerettet wird, ist vollkommen unklar. In der Vergleichsgruppe einer groß angelegten Serie von Studien starben genau so viele Frauen in der Gruppe, die am Screening teilnahmen wie in der Kontrollgruppe, die nicht teilnahm. In der Screening-Gruppe starb zwar eine Frau weniger an Brustkrebs, dafür aber eine mehr an einer anderen Ursache. Woran gerade diese Frau starb, ist ungewiss. Vielleicht sogar im Verlauf der weiteren Behandlungen, die auf die Mammografie folgten?
Gigerenzer hat in vielen Studien untersucht, wie oft auch erfahrene Mediziner, Juristen und andere Experten bei der Interpretation von Zahlen zu falschen Ergebnissen kommen. Zahlenblindheit ist auch unter Experten weit verbreitet, teilweise mit fatalen Folgen. In seinem preisgekrönten Buch: "Das Einmaleins der Skepsis" (Berlin Verlag) führt er vor, wie diese Zahlenblindheit behoben werden kann, so dass selbst Menschen ohne statistische Vorbildung Risiken besser verstehen und Wahrscheinlichkeiten richtig deuten können.
Wenigstens eine der jetzt neu erschienenen Brustkrebsbroschüren hat die Empfehlungen von Gigerenzer nun umgesetzt und informiert Frauen sachlich und vollständig über Nutzen und Risiken der Mammografie zur Früherkennung von Brustkrebs. Die Medizinerin Prof. Dr. Ingrid Mühlhauser, die als wissenschaftliche Beraterin die Broschüre mit konzipiert hat, ist mit Gigerenzers Arbeiten gut vertraut und hat dafür gesorgt, dass Frauen auch über das Risiko der falsch-positiven Diagnosen Bescheid wissen. Denn jede Frau muss letztlich selbst entscheiden, an welchen Maßnahmen sie teilnimmt, findet Gigerenzer: "Viele Menschen erwarten von Ärzten noch Anweisungen und sichere Informationen - aber von der Illusion sollten sie sich schnell verabschieden. Der mündige Patient kann auch mit Ungewissheiten umgehen - man muss die Informationen nur in verständlicher Form zur Verfügung stellen."
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