| |
21.03.2005 - SCIENCE FICTION
Märchen in der technischen Welt
Zum hundertsten Todestag von Jules Verne
von Josef Tutsch
 | | Jules Verne
(7. 2. 1828 - 24. 3. 1905) | | | Erinnern Sie sich noch, wie bei Jules Vernes die Expedition von der Erde zum Mond zustande kommt? Die Veteranen des amerikanischen Sezessionskrieges langweilen sich, sie beschließen, eine geeignete Kanone zu bauen ... Offenbar machte dieser erste Science-fiction-Autor der Weltliteratur sich bereits in seinen frühesten Romanen wenig Illusionen über die Motive des technischen Fortschritts.
Mit den Jahren wurde Verne auch hinsichtlich der Folgen pessimistisch. Kapitän Nemo gehorcht nicht mehr "den Regeln der Gesellschaft, mit der er gebrochen hat. Das ist aus der Perspektive der unterdrückten Opfer des europäischen Kolonialismus (Nemo soll ein indischer Fürst gewesen sein) nachvollziehbar, aber nicht human. Vom Salonfenster seines U-Bootes aus beobachtet Nemo kalt triumphierend, wie Schwärme unschuldiger Menschen in den Fluten versinken.
Bei der Nachwelt hat sich Verne den Ruf eines Propheten erworben. Aber gemach: U-Boote, Luftschiffe, Ballone brauchte er nicht zu erfinden, es gab sie bereits. Mancher Leser des Nautilus-Romans wird sich zu erinnern glauben, dass Verne die Atomenergie vorausgesehen hätte. Der Eindruck ist durch Filme nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden. Im Original läuft die "Nautilus“ mit Batterien und Hebelwerken.
Nein, Jules Verne "erfand“ keine neuen Techniken, er fabulierte Romanhandlungen. Spannende Geschichten: Abenteuer in Afrika mit Stürmen, Hitze, Fieber, wilden Tieren, abergläubischen Eingeborenen ("Fünf Wochen im Ballon“, 1863), vorläufig unrealisierbare Reisen in den Weltraum ("Von der Erde zum Mond“, 1865, und "Um den Mond“, 1870), die Gefangenschaft auf einem künstlichen Seeungeheuer, das von einem rachebesessenen Kapitän gesteuert wird, mit Ausflügen zum Südpol und nach Atlantis ("20.000 Meilen unter dem Meer“, 1870), eine Umrundung des Erdballs, die nach Uhrzeit absolviert werden muss und dann doch durch allerlei "menschliche“ Faktoren gestört wird ("Reise um die Welt in 80 Tagen“, 1872) usw. usf.
Es waren Handlungen auf dem Bewusstseinsstand des späten 19. Jahrhunderts. Das Publikum identifizierte sich am liebsten mit Wissenschaftlern oder Ingenieuren. Der Glaube an den technischen Fortschritt war selbstverständlich, auch das Bedürfnis breiter Lesermassen, nicht nur unterhalten, sondern auch informiert zu werden. Eigentlich ein sehr traditioneller Anspruch an Literatur: Bereits die antike Poetik hatte der Dichtung zwei Aufgaben zugewiesen: Unterhalten und Belehren, Vergnügen und Nutzen. Verne war nach Kräften bemüht, beide Bedürfnisse zu befriedigen: In die aufregenden Abenteuer sind ausführliche Dispute zu Fragen der Geographie, Astronomie oder Verkehrstechnik eingebettet. Ob der Erfolgsromancier die großen Lehrgedichte der Vergangenheit, angefangen bei Vergils "Landwirtschaft“, gekannt hat?
Gelegentlich durchzieht ein schwärmerischer Ton auch die längsten Fakten- und Datenreihen In
der scheinbar immateriellen, offenkundig wunderbaren Elektrizität muss Verne so etwas wie eine "Seele“ des Weltalls gesehen haben. "Den Einsatzmöglichkeiten waren keine Grenzen gesetzt“, heißt es in einem nahezu hymnischen Passus der "Propellerinsel“ von 1895. War der technisch-wissenschaftlichen Geist, den mancher Leser in Jules Verne so bewundert, am Ende ein Mystiker? ein esoterischer Kopf mit Allmachtsphantasien? Hier ist eine historische Erinnerung angebracht: Der Aufschwung, den die europäische Naturwissenschaft 300 Jahre zuvor, zu Beginn der Neuzeit, genommen hat, war ganz wesentlich durch die Hoffnung auf magische Kräfte beflügelt – soweit der technische Fortschritt nicht bürokratisch geplant werden kann, sind Ziele und Grenzen eben nicht von vornherein abzuschätzen.
 |
London, Pall Mall 104, der Ort von Phileas Foggs Wette |
Was Verne an Technik vorfand, setzte er unbekümmert in Handlung um, was ihm noch fehlte, ergänzte er, ebenso un- bekümmert, durch Phantasie. Und am Ende scheinen durch all den wissenschaftlichen oder populärwissenschaftlichen Aufwand – nicht anders als bei den Science-fiction-Filmen unserer Gegenwart – doch immer wieder die alten Märchenmotive durch. Zum Beispiel in der "Reise um die Welt in 80 Tagen“: Im Grunde ist Mr. Fogg, der "als physikalische Masse, angestoßen von einer Wette, einen Kreis um den Erdball nach den Gesetzen der Mechanik“ vollführen will, doch ein kluger und tapferer Prinz, der sich einer Herausforderung stellt, zwischen- durch sein Leben aufs Spiel setzt, um eine Prinzessin zu retten, kurz vor dem glücklichen Ende von widerstrebenden Mächten aufgehalten wird und schließlich durch höheren Beistand gewinnt, nicht nur seine Wette, sondern auch die schöne Prinzessin. Dem Geist des wissenschaftlich-technischen Zeitalters entsprechend handelt es sich bei diesem "Beistand“ um die Kalenderrechnung.
Mehr im Internet: Lebenslauf und seine Werke
 |
Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur. Mitglied der Agentur scienzz communcation
|
|
|