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14. 06. 2004 - PRÄRAFFAELITEN

Realismus der Imagination

Meisterwerke englischer Malerei des 19. Jahrhunderts

von Josef Tutsch

 
 

John Ruskin und Dante Gabriel Rossetti

Theodor Fontane war sichtlich angetan. „Hier haben wir Keime für die Zukunft und vielleicht einen neuen Silberblick für die Kunst“, berichtete er 1857 aus England von einer Ausstellung der „Präraffaeliten“. Auf dem Kontinent wurde die Künstler- gruppe anderthalb Jahrhunderte lang recht wenig beachtet: Frankreich hatte seine Im- pressionisten, Deutschland hielt sich seine großen Romantiker zugute. Jetzt kommen diese Hauptvertreter der viktoria- nischen Kunstepoche nach Berlin: In Zusammenarbeit mit der Tate Gallery London zeigen die Staatlichen Museen 150 Meisterwerke englischer Kunst aus der Mitte des 19. Jahrhunderts.

1848, als auf dem Kontinent eine Revolution nach der anderen ausbrach, hatten sich im Inselreich sieben junge Maler zur „Präraffaelitischen Bruderschaft“ zusammengetan, etwas geheimnisvoll mit dem Kürzel „P.R.B.“ getarnt. Der Name war Programm: Die Künstler wollten – im Protest gegen den herrschenden „akademischen“ Stil, der sich an Hochrenaissance und Barock orientierte -  zurück zur frühen Renaissance, zu Botticelli oder Perugino oder zum jungen Raffael. Das Ideal, das sie dort zu finden glaubten, hat Oscar Wilde später mit der paradoxen Formel vom „Realismus der Imagination“ umschrieben. Kurz und gut: Seit dem frühen 16. Jahrhundert, so schien es den Präraffaeliten, hatten die Künstler und ihr Publikum das Sehen verlernt.

So war es nur konsequent, dass die jungen Rebellen zunächst einmal alle akademischen Themenvorgaben, Kompositionsregeln und Koloritvorschriften außer Kraft setzten. Gleich zur Einführung der Gruppe in den Londoner Kunstbetrieb präsentierte John Everett Millais Jesus mit seinen Eltern als typische englische Arbeiterfamilie. Das gab einen Skandal, gleichzeitig landete sein Kollege William Homan Hunt mit einem Missionar, der von Druiden verfolgt wird, einen ersten großen Erfolg. „Nichts ablehnen, nichts auswählen“, hatte der Kunstgelehrte John Ruskin als Devise vorgegeben. So ist denn manches Sujet durchaus auch bei anderen Malern des 19. Jahrhunderts vorstellbar, eher jedenfalls als bei den alten Meistern. Zum Beispiel Millais’ „Ophelia“ als Wasserleiche: zweifellos eine präzise gemalte Naturstudie, aber eben auch ein sehr romantisches Stück Todesverklärung.

Es muss dieses „Zwischen“ sein, das kunstvolle Balancieren auf einer Grenzlinie, das uns auch heute noch an den Präraffaeliten fesselt. Das Bemühen um Wiedergabegenauigkeit im Detail, manchmal vielleicht wirklich nach fotografischer Vorlage, Millais, Opheliadas Streben nach einer Verbindung von Kunst und Wissenschaft (übrigens durchaus nach Art der Frührenaissance, die mit der Zentralperspektive ja ein streng mathematisches Modell in die Malerei eingeführt hatte) - und zugleich die visionäre, traumhafte Auffassung des Ganzen. Schwer zu sagen, inwieweit den Künstlern selbst ihre historische Stellung bewusst geworden ist – in den religiösen Bildern eines Dante Gabriel Rossetti spricht sich eher der vage Mystizismus des 19. als die naive Frömmigkeit des 15. Jahrhunderts aus.

Noch deutlicher könnte dieser Aspekt bei Rossettis jüngerem Malerkollegen Edward Burne-Jones werden. Die Ausstellung weicht dem jedoch ein wenig aus: Gerade die theatralisch und mythologisch drapierten, betont „schönen“ Frauenkörper, mit denen Rossetti und Burne-Jones bis heute dem breiten Publikum bekannt sind, bleiben weitgehend ausgespart. Das Berliner und Londoner Gemeinschaftsprojekt interessiert sich mehr für das sozusagen kunsttheoretische Problem, das auch heute noch ungelöst scheint: Schönheit in einer „sachlich“ gewordenen Welt, Malerei im Zeichen der fotografischen Technik, die in der Naturnachahmung doch so viel genauer ist, künstlerische Qualität angesichts der industriellen Massenproduktion. Sind die Präraffaeliten da so etwas wie ein Abend mit Goldrand? Jedenfalls ein bemerkenswertes und hierzulande kaum beachtetes Kapitel Malereigeschichte.

Altes Museum am Lustgarten, Bodestraße 1-3, 10178 Berlin-Mitte; geöffnet Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 22 Uhr


Mehr im Internet:
scienzz artikel KUnst des 19. Jahrhunderts

 


Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied der Agentur scienzz communcation.

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