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kultur

09.04.2009 - RELIGIONSGESCHICHTE

"Ei, eine treffliche Summe ..."

Die Passionsgeschichte der Evangelien
und ihre Grundlagen im Alten Testament

von Josef Tutsch

 
 

Lovis Corinth, Ecce homo, 1925
Bild: Kunstmuseum Basel

"Judas Iskariot, einer von den Zwölfen, ging zu den Hohenpriestern, um ihn an sie zu verraten. Als sie das hörten, waren sie froh und versprachen, ihm Geld zu geben.“ Über kaum eine andere Frage im Neuen Testament haben Theologen und Historiker so viel spekuliert wie über die Motive, die Judas dahin gebracht haben könnten, Jesus zu verraten. Die Vermutungen reichen von purer Habgier bis zur Enttäuschung eines jüdischen Nationalisten, der einsehen musste, dass sein Herr und Meister keinen Aufstand gegen die römische Besatzungsmacht plante. Albert Schweitzer wunderte sich vor hundert Jahren in seiner "Geschichte der Leben-Jesu-Forschung“, warum kaum jemand die viel näher liegende Frage stellen wollte: Worin bestand eigentlich das Geheimnis, das Judas den Hohenpriestern "verriet“?

Giotto di Bondone, Judaskuss,  um 1305
Bild: Arenakapelle, Padua

Es ging sicherlich nicht darum, den Häschern das Individuum zu bezeichnen, das unter dem Namen "Jesus“ bekannt war und verhaftet werden sollte. Über diese Annahme hat sich bereits Karl Kautsky lustig gemacht: Genauso gut könnte ein Spitzel der kaiserlichen Polizei in Berlin angeboten haben, einen gewissen August Bebel zu verraten. Was aber dann? Eine beliebte Theorie besagt, Jesus habe sich zwar im Jüngerkreis als Messias offenbart, dies vor der breiten Öffentlichkeit aber geheim halten wollen ("er wollte nicht, dass es jemand wissen sollte“, heißt es im Markus-Evangelium). Auch das hat vor der historischen und philologischen Forschung nicht standgehalten.

Vielleicht verspricht ja eine ganz andere Spur Erfolg: Der Verrat des Judas steht im Alten Testament, in Psalm 41, "Auch mein Freund, dem ich vertraute, der mein Brot aß, tritt mich mit Füßen.“ Tatsächlich lassen die Evangelien Jesus beim Abendmahl mit einem Zitat aus diesem Psalm weissagen: "Einer unter euch, der mit mir isst, wird mich verraten.“ Die Geldsumme stammt jedenfalls aus dem Propheten Sacharja: "Und sie wogen mir den Lohn dar, dreißig Silberlinge. Und der Herr sprach zu mir: Ei, eine treffliche Summe, deren ich wert geachtet bin von ihnen!“

Selbstmord des Judas (15. Jahrhundert)
Bild: Universitätsbibliothek Heidelberg

Frühere Jahrhunderte sahen in diesen Übereinstimmungen einen Beleg, dass sich die Prophezeiungen der jüdischen Bibel im Leben Jesu erfüllt haben mussten. Heute hat sich die Perspektive umgekehrt: Die historische und philologische Wissenschaft vom Neuen Testament geht davon aus, dass die Autoren versucht haben, aus jenen Passagen der Heiligen Schrift, die sie als Weissagung auf den Messias verstanden, das Leben Jesu zu rekonstruieren – andere Nachrichten (also solche, die wir als historisch, biographisch anerkennen würden) lagen ihnen kaum noch vor.

So besteht denn auch die Passionsgeschichte, immerhin der älteste Teil in der Erzählung der Evangelien, über weite Strecken aus Worten des Alten Testaments. Das beginnt beim Einzug in Jerusalem als Erfüllung dessen, was der Prophet Sacharja verheißen hat: "Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin.“ Anscheinend konnte der Verfasser des Matthäus-Evangeliums mit dem Stilmittel der Verdoppelung in diesem hebräischen Satz nichts anfangen, er berichtet, dass die Jünger Jesus gleich zwei Tiere brachten, "die Eselin und das Füllen, und er setzte sich darauf“ – wie immer man sich das vorzustellen hat.

El Greco, Tempelreinigung, um 1573
Bild: Institute of Arts, Minneapolis

Das geht weiter mit der Tempelreinigung, entsprechend dem Propheten Jesajas: "Mein Haus wird ein Bethaus heißen für alle Völker.“ Die Flucht der Jünger bei der Gefangennahme macht wiederum eine Aussage aus Sacharja wahr: "Ich werde den Hirten schlagen, und die Schafe werden sich zerstreuen.“ Beim Todesurteil des Hohen Rates soll sich der Leser an einen Psalm erinnern: "Sie halten Rat miteinander über mich und trachten danach, mir das Leben zu nehmen.“

Geißelung und Verspottung führen eine Passage des Jesajas aus: "Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel.“ Das Verhalten der Kriegsknechte, als Jesus für die Kreuzigung entkleidet wird, reflektiert einen Psalm: "Sie teilen meine Kleider unter sich und werfen das Los um mein Gewand.“ Wiederum eine Missdeutung des poetischen Stils im hebräischen Alten Testament, diesmal durch das Johannes-Evangelium: Der Autor, der in dem Psalmvers zwei getrennte Vorgänge beschrieben sah, suchte nach einem Grund, warum mit dem Gewand anders verfahren wurde als mit den Kleidern. "Das Untergewand war aber ungenäht, von obenan in einem Stück gewebt. Da sagten sie untereinander: Lasst uns das nicht teilen, sondern darum losen, wem es gehören soll.“

Caravaggio, Dornenkrönung, um 1603
Bild: Kunsthistorisches Museum Wien

Noch zwei Stellen der Kreuzesszene. Aus den Psalmen: "Alle, die mich sehen, verspotten mich, sperren das Maul auf und schütteln den Kopf.“ Im Zusammenhang mit den beiden Schächern, die an Jesu Seite hingerichtet werden, aus Jesajas: "Er hat sein Leben in den Tod gegeben und ist den Übeltätern gleichgerechnet, hat die Sünde der vielen getragen und für die Übeltäter gebeten.“. Den Sinn dieser ganzen Zitatenflut lässt das Markus-Evangelium den römischen Hauptmann aussprechen: "Wahrhaftig, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!“ Dieselbe Aussage bieten der Spott der Soldaten: "Sei gegrüßt, König der Juden!“ und die Aufschrift am Kreuz: "Jesus von Nazareth, König der Juden“.

Bleibt die Frage, was "eigentlich“ in diesen letzten Tagen Jesu geschehen ist. Der Neutestamentler Hans Conzelmann hat den "historischen Befund“ in einem einzigen Satz zusammengefasst: "Ein politisch Verdächtiger wurde unter Mitwirkung jüdischer Kreise von den Römern hingerichtet.“ Von den Römern oder genauer von der römischen Besatzungsmacht: Inwieweit die jüdische Obrigkeit damals überhaupt an Todesurteilen mitwirken konnte, ist bis heute umstritten; jedenfalls war die Kreuzigung eine römische, keine jüdische Art der Exekution. Als politisch Verdächtiger: Rein religiöse Fragen interessierten den römischen Statthalter nicht. Die Atmosphäre in Palästina und Jerusalem wird derart aufgeheizt gewesen sein, dass die Besatzer wenig Neigung zeigten, zwischen wirklichen Aufrührern und bloß Verdächtigen nach Kriterien eines modernen Rechtsstaates zu unterscheiden.

Grünewald, Kreuzigung Christi,
vom Isenheimer Altar, um 1510
Bild: Musée d'Unterlinden, Colmar

Und unter Mitwirkung jüdischer Kreise: Ob das in Form eines Verhörs vor dem Hohen Rat abgelaufen ist ("Der Hohepriester fragte ihn: Bist du der Sohn des Hochgelobten? Jesus aber sprach: Ich bins, und ihr werdet den Menschensohn sitzen sehen zur Rechten der Allmacht und kommen auf den Wolken des Himmels“), scheint dabei nicht einmal sicher: Auch diese Darstellung dient dazu, Jesus als den Messias zu verkündigen. Jedenfalls hatte sich Jesus mit seiner Predigt vom Gottesreich bei keiner der rivalisierenden Gruppen im Judentum Rückhalt verschafft: Weder bei den Sadduzäern, die vor allem auf ein gutes Einvernehmen mit den Besatzern bedacht waren, noch bei den nationalistischen Zeloten noch bei den streng gesetzestreuen, sozusagen unpolitischen Pharisäern. In der heilsgeschichtlichen Sicht der späteren christlichen Gemeinde bedeutete das: Das auserwählte Volk Israel hatte das Eintreffen der alttestamentlichen Verheißungen verkannt und zurückgewiesen.


Mehr im Internet:
Passion - Wikipedia
 

Scienzz Dossier Rund um Osterm

 



Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz.communcation

 

 

 

 

 

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