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kultur

23.04.2011 - KULTURGESCHICHTE

Eierlegendes Säugetier mit neuen Buchstaben

Die Ursprünge des Osterhasen und der Ostereier

von Josef Tutsch

 
 

Bild: scienzz

"Eierlegendes Säugetier mit neun Buchstaben? Zu dieser Jahreszeit muss das wohl der Osterhase sein; Schnabeltier mit elf Buchstaben würde auch gar nicht passen. Wie aber kommt diese Säugetierart eigentlich zum Eierlegen? "Osterhase und Ostereier gehen auf die germanische Göttin Ostara zurück", lesen wir alle Jahre wieder. 1982 war in einer Tageszeitung die "germanische Ostergöttin" sogar im Bild dargestellt, mitsamt ihren "heiligen Tieren" Hase und Storch.

Dabei sind die Brauchtumsforscher längst zu einem anderen Schluss gekommen: Die Germanen feierten kein Osterfest, sie kannten keine Göttin "Ostara" und sie wussten erst recht nichts von einem Osterhasen. Aufgebracht hat den pseudogermanischen Rummel, ganz ohne böse Absicht, vor etwa 1.300 Jahren der englische Theologe Beda Venerabilis. "Der Ostermonat", schrieb Beda, "erhielt seinen Namen nach einer Göttin, der zu Ehren man in diesem Monat Feste feierte." Der fromme Kirchenmann wusste, Generationen nach Einführung des Christentums bei den Angelsachsen, zwar nichts Genaues mehr über das Brauchtum seiner Vorfahren; aber er hatte seine Vermutungen. Wenn zum Beispiel Weihnachten mit einem vorchristlichen Fest zu tun hatte, warum dann nicht auch Ostern?

Ein halbes Jahrtausend später schloss sich der Prediger Berthold von Regensburg Bedas Vermutungen an, indem er den Wortbestandteil "Oster-" in bayerischen Ortsnamen mit der heidnischen Göttin Astaroth in Verbindung brachte, die in der Bibel erwähnt wird. Seit im frühen 19. Jahrhundert die Mode aufkam, alles Gute und Edle auf die alten Germanen zurückzuführen, haben Dutzende von Germanisten und Volkskundlern, angefangen mit Jacob Grimms "Deutscher Mythologie" 1835, Bedas Rekonstruktion von germanischen Frühlingsfesten zu Ehren der Göttin "Ostara" wiederholt. Bei Grimms Nachfolgern erhielt die Göttin dann auch das passende heilige Tier, den Hasen.

Freilich – dass diese Göttin sonst an keiner einzigen Stelle belegt war, machte die Forscher etwas stutzig. Aber noch 1974 schrieb das "Wörterbuch der Deutschen Volkskunde", ein Standardwerk dieser Disziplin, bei aller Unsicherheit dürfe man doch "ein germanisches Frühlingsfest dieses Namens" annehmen. Dabei liegt der wirkliche Ursprung des Osterfests doch offen zutage: das jüdische Passahfest. Am Freitag zuvor hatte den Evangelien zufolge Jesu Kreuzigung stattgefunden, am Sonntag darauf seine Auferstehung. Der Termin, den das Konzil von Nicaea 325 nach Christus festlegte – am ersten Sonntag nach dem Frühlingsvollmond – gilt bis heute.

Von der "Überlagerung" eines alten germanischen Festes durch das christliche Ostern kann also keine Rede sein. Dass in den germanischen Sprachen das Wort "Passah" mit "Ostern" wiedergegeben wurde, erklären die Sprachwissenschaftler heute recht einfach aus dem Brauch, die Osternacht bis zur Morgenröte – althochdeutsch "ostarun" – wachend zu verbringen. Aber was hat es mit den Eiern auf sich? Ostern ohne bunte Eier – vor allem in Familien mit Kindern ist das für viele undenkbar. Auf den paar Quadratzentimetern, die so ein Hühnerei an Oberfläche bietet, hat sich vor allem Mittel- und Osteuropa ein ganzer Kulturzweig ausgebildet. Heute, im Zuge der Globalisierung, ist dieser Brauch dabei, sich über den Erdball zu verbreiten.

Grußkarte, Anf. 20. Jh.- Bild:
Itslassietime/Wikipedia
Die Sitte, zunächst wohl noch ohne Bezug auf Ostern, scheint bis auf das 4. Jahrhundert zurückzugehen. In einem Grab bei Worms haben sich zwei mit Tupfen und Streifen bemalte Eier gefunden. Dass gerade zu Ostern eine große Menge Eier zur Bemalung bereitstand, erklärt sich aus den vierzig Tagen Fastenzeit zuvor. Die Kirche untersagte für diese Zeit den Verzehr des Fleisches von warmblütigen Tieren, und spätestens seit dem 7. oder 8. Jahrhundert fielen unter dieses Verbot auch die Eier, sie galten als "flüssiges Fleisch".

Der Brauchtumsforscher Dietz-Rüdiger Moser hat darauf hingewiesen, dass die Bemalung zu Ostern längst nicht die einzige Methode war, mit der Eierschwemme umzugehen, die sich durch die Fastenzeit ergeben musste. Bis ins 20. Jahrhundert war am Ostermontag in vielen Gemeinden Mitteleuropas das "Eierlesen" oder "Eierlaufen" in Übung. Dutzende oder Hunderte von Eiern wurden an einer Wegstrecke abgelegt und mussten dann um die Wette eingesammelt und in einem Korb abgelegt werden. Was nicht entzwei gegangen war, wurde zum Schluss gemeinsam verzehrt. Vor allem die Jesuiten hatten diesen Brauch in der Gegenreformation propagiert. Denn damit wurde nicht nur der Überschuss verbraucht, sondern auch die Fastendisziplin eingeschärft: Wer bei dem Spiel mithalten wollte, musste zuvor einen gehörigen Vorrat angelegt haben. Und umgekehrt: Wer nicht mithalten konnte, geriet in Verdacht, es mit dem Fasten nicht so genau zu nehmen.

Bereits im frühen Mittelalter war die Sitte aufgekommen, die zeitweise verbotenen Speisen zu Ostern feierlich zu weihen. Moser zitiert eine alte Gebetsformel: "Wir bitten dich, Herr, dass die Gnade deines Segens diesen Eiern, die du gewürdigt hast, die Küken der Hennen hervorzubringen, helfe, dass sie deinen Gläubigen beim Verzehr durch deine Gnade zur heilbringenden Speise werde." Daneben standen auch weniger fromme Sitten. Viele Pachtverträge legten fest, dass die Bauern zu Karneval "Fastnachtshühner" abzugeben hatten, damit die Eierproduktion in den folgenden Wochen gedrosselt wurde.

Durch Martin Luthers Reformation hätte es mit alledem eigentlich vorbei sein müssen. Zu bestimmten Zeiten im Jahr zu fasten, sozusagen auf Kommando, galt nunmehr als frevelhafter Versuch des Menschen, sich aus eigener Kraft vor Gott rechtfertigen zu wollen. "Heidnisch-papistisch", sagte ein protestantisches Pamphlet aus dem Jahr 1661 – gut möglich, dass diese Sprachregelung später auch die Mutmaßungen über einen heidnischen Ursprung der Osterbräuche inspiriert hat. Man müsse Tag für Tag und immerdar "mäßig, nüchtern und züchtig" leben, lehrte Luther. Damit entfielen nicht nur die vierzig Tage Fastenzeit, sondern auch die Karnevalsausschweifungen zuvor und der österliche Eierverbrauch danach.

Oder hätten entfallen müssen – in gemischt-konfessionellen Gegenden wird es protestantischen Eltern schwer gefallen sein, ihren Kindern klar zu machen, dass die bunten Eier für die Katholiken reserviert waren. Eine kindgerechte Erklärung war gesucht, schließlich konnte man die lieben Kleinen nicht mit einer theologisch ausgefeilten Argumentation gegen die "heidnischen" Bräuche der katholischen Nachbarn belasten. Und hier hat der Osterhase als eierlegendes Säugetier seinen Ursprung. "Den Naiveren und den Kindern", schrieb eine Heidelberger Dissertation von 1682, werde eine Fabel eingeprägt, "dass der Osterhase solche Eier lege und in den Gärten, im Grase, in den Obststräuchern usw. verstecke, damit sie von den Kindern um so eifriger gesucht würden."

"Madonnen-Lilien-Ei", 1899
aus der Werkstatt Fabergé
Bild: Stan Shabs/Wiki-
pedia

Eine Fabel, die nur in einem städtischen Milieu aufkommen konnte – Kindern auf einem Bauernhof hätte man dergleichen schwerlich glaubhaft machen können. Dass sich diese neue Mythologie durchsetzen konnte, hängt sicherlich auch mit der Jahreszeit zusammen. Hasen auf dem Feld sind ein recht auffälliges Zeichen des Frühlings. Ostern und der Frühling, das gehört – wenngleich ja eigentlich nur auf der Nordhalbkugel der Erde – zusammen. Und so passt der Hase als Symbol denn auch gut zu den Eiern. Spätestens seit dem Kirchenvater Augustinus sah das kirchliche Schrifttum im Ei ein Sinnbild der Hoffnung, weil aus ihm neues Leben hervorgehe. Osterbildchen aus dem 19. Jahrhundert zeigen ein Osterei als Grab des Gekreuzigten, der am dritten Tage auferstand.

In weniger religiösen Kreisen wurde zu drastischeren Mitteln gegriffen. 1907 meldete jemand den Osterhasen als Patent an. Um einen lebendigen, eierlegenden Hasen herzustellen, brauche man "nur einem Haushuhn, das sich gerade zum Eierlegen anschickt, einen Stoffüberzug, der die Form und Gestalt eines Osterhasen hat, überzustülpen. Die Kinder werden sich hiervon tauschen lassen und annehmen, der Osterhase selbst haben die Eier gelegt." Was die Erwachsenen sich nicht alles einfallen lassen, um ihre sachlich gewordene Welt wenigstens für die  Kinder mit ein wenig Ersatzverzauberung auszustatten ... Kein Wunder, dass neben dem Osterhasen noch eine andere Phantasmagorie in der Neuzeit allgemeine Verbreitung gefunden hat: der Storch als Kinderbringer. Es hat schon seine Logik, wenn er in jener Zeichnung von 1982 zusammen mit dem Hasen als heiliges Tier der Göttin Ostara auftritt. Nur – es war nicht die Logik der alten Germanen.

Zurück zum patentierten Osterhasen. "Da solchermaßen nur weiße Eier gelegt werden können, empfiehlt es sich, am Hintern der Henne ein farbiges Stempelkissen anzubringen." Natürlich kann man sich auch mehr Mühe geben. Längst werden die zerbrechlichen Hühnereier aus Schokolade oder aus Holz, Elfenbein, Glas, Porzellan, Metall und Edelstein nachgebildet. Die Verzierung zeigt nicht mehr nur schlichte Tupfer und Streifen oder religiöse Symbole wie Kreuz, Fisch oder Ähren, sondern komplexe Darstellungen – sowohl aus der christlichen Heilgeschichte als auch etwa aus der modernen Lebenswelt oder aus der griechischen Mythologie, beides nicht so recht zum Osterfest passend. Die Eier, die von der Werkstatt des Juweliers Carl Peter Fabergé in Sankt Petersburg vor hundert Jahren für die Zarenfamilie angefertigt wurden, bilden heute den Stolz großer Museen.

Die Ostereier und der Osterhase ... Für Poeten wie Unsinnspoeten bilden sie eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration. Heinz Erhardt hat eine Rede auf das Ei zu Ostern gehalten: "Wie wichtig das Ei ist, kann man aus der Tatsache ersehen, dass es im Englischen als einzige Vokabel groß geschrieben wird – wie zum Beispiel in dem Satz: I love you, zu deutsch: das Ei liebst du. Lässt der Engländer das Ei fallen, so sagt er: I love you very much, zu deutsch: das Ei liebst du sehr matschig, oder frei übersetzt: du liebst Rührei." Auf die Frage, was der Hase damit zu tun hat, gab bereits Eduard Mörike eine verblüffend einfache Antwort: "Die Sophisten und die Pfaffen stritten sich mit viel Geschrei: Was hat Gott zuerst erschaffen, wohl die Henne, wohl das Ei? Erstlich ward ein Ei erdacht: Doch, weil noch kein Huhn gewesen, Schatz, so hat’s der Has gebracht." Wer wollte dieser Logik widersprechen?


Mehr im Internet:
scienzz Dossier Rund um das Osterfest


Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

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