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kultur

22.03.2008 - BRAUCHTUM

Osterhase und Judaspuppe

Bräuche und Riten rund um das Osterfest

von Josef Tutsch

 
 

Der berühmteste Hase der Welt,
von Albrecht Dürer

Es gibt ihn wirklich, den Osterhasen, zumindest als Patent. 1907 wurde er angemeldet: Um einen lebendigen, eierlegenden Hasen herzustellen, "braucht man nur einem Haushuhn, das sich gerade zum Eierlegen anschickt, einen Stoffüberzug, der die Form und Gestalt eines Osterhasen hat, überzustülpen. Die Kinder werden sich hiervon tauschen lassen und annehmen, der Osterhase selbst haben die Eier gelegt.“ Was die Erwachsenen sich nicht alles einfallen lassen, um ihre sachlich gewordene Welt wenigstens für die lieben Kleinen mit ein wenig Ersatzverzauberung auszustatten ... "Da solchermaßen aber nur weiße Eier gelegt werden können, empfiehlt es sich, am Hintern der Henne ein farbiges Stempelkissen anzubringen.“

   Grünewald, Auferstehung

Wie praktisch, dass sich der Hase als Eierbringer durchgesetzt hat! In früheren Jahrhunderten hatte er noch eine Menge Konkurrenten, unter anderem Auerhahn, Storch, Fuchs und Esel - da wäre der Trick mit dem Haushuhn etwas schwieriger gewesen. Die Ethnologen vermuten heute, dass der Kinderglaube in den konfessionellen Streitigkeiten des 16., 17. Jahrhunderts entstanden ist: In katholischen Familien, die das Fastengebot einhielten, hatte sich in den Wochen vor Ostern ein großer Vorrat von Eiern angehäuft. Ei war nämlich "nichts anderes als flüssiges Fleisch“. Irgendwie mussten die Eier dann aber verwendet werden, zum Beispiel als "Malgrund“. Unter Protestanten dagegen war der Fastenbrauch, wie übrigens auch das Karnevalstreiben, abgelegt. Also hatten die Eltern das Problem, ihren Kindern die bunten Eier der katholischen Nachbarn irgendwie erklären zu müssen. Statt einer theologisch ausgefeilten Polemik wurde das eierlegende Säugetier erfunden.

Nichts also mit einem heiligen Tier der alten Germanen! Als Jacob Grimm 1835 in seiner "Deutschen Mythologie“ von einer germanischen Göttin "Ostara“ schrieb, da konnte er sich einzig und allein auf eine Mutmaßung des englischen Theologen Beda Venerabilis aus dem 8. Jahrhundert nach Christus stützen, und der fromme Kirchenmann wusste, Generationen nach Einführung des Christentums bei den Angelsachsen, auch nichts Genaues über die Glaubenswelt seiner Vorfahren. Man stelle sich vor, in den Jahrzehnten nach der Reformation hätte anstelle des Hasen etwa der Esel als Eierbringer das Rennen gemacht: Wären die romantischen Volkskundler womöglich darauf verfallen, ihn einer Göttin Ostara als heiliges Tier beizugeben? Dass der Esel aus der christlichen Passionsgeschichte stammt – als das Tier, das Jesus bei seinem Einzug in Jerusalem getragen hat – ist doch allzu offensichtlich.

   Osterei von Fabergé

Wahrscheinlich hat auch der polemische Sprachgebrauch der Reformationszeit dazu beigetragen, dass der Osterhase im 19. Jahrhundert als uralt-germanisches Erbe angesehen wurde: Protestantische Polemiker pflegten Karneval und Fastenzeit und Ostereier in Bausch und Bogen als "heidnisch-papistisch“ zu verdammen. So ist belegt, dass im evangelischen Thüringen den Kindern bei Strafe verboten wurde, von ihren Taufpaten Ostereier abzuholen. Geholfen hat es nicht viel. 1682 weiß eine medizinische Dissertation aus Heidelberg von einer "Fabel, die man den Naiveren und den Kindern einprägt, dass nämlich der Osterhase solche Eier lege und in den Gärten, im Grase, in den Obststräuchern usw. verstecke, damit sie von den Kindern umso eifriger gesucht würden“.

Ostereier und Osterhase haben sich auch in unserer säkularisierten, kommerzialisierten Welt erhalten. Längst dürfen die Eier auch aus Schokolade sein oder – wertbeständig – aus Glas, Porzellan, Metall und Edelstein. Die Eier, die von der Juwelierdynastie Fabergé vor hundert Jahren für die Zarenfamilie angefertigt wurden, bilden heute den Stolz großer Museen. Andere Brauchtumsformen sind dagegen zurückgegangen. Am ehesten hält sich in vielen Gegenden wohl noch das Osterfeuer. Das mag die Wiederkehr der "lichten“ Jahreszeit symbolisieren; aber eine Rolle spielt wohl auch das Verbot im Alten Testament, am Sabbat ein Feuer anzuzünden: Durch die Auferstehung Christi am Ostersonntag war das alte Gesetz verabschiedet.

Karwoche in Sevilla
Bild: euradvantage

Im Schwarzwalddorf Grünstetten wird noch Jahr für Jahr das "Judasverbrennen“ praktiziert: Eine lebensgroße Strohpuppe, versehen mit einem Geldsäckchen (dem "Judaslohn“), wird an einen Baum gehängt und verbrannt. Früher ging solchen Hinrichtungen wohl ein regelrechter Prozess voran – der Verräter Jesu als Sündenbock, der alle Unglücke und Verfehlungen des vergangenen Jahren auf sich laden sollte, einschließlich der lästigen Winterkälte. Vor allem in Teilen Oberbayerns sind noch Andachten lebendig, die Jesu Gebetswache am Ölberg szenisch nachstellen. Manche Kirchen haben bis heute ihr "Heiliges Grab“ erhalten, im Mittelalter Aufführungsort solcher Passionsspiele und oft auch ein beliebter Wallfahrtsort. Berühmt ist etwa die Anlage im sächsischen Görlitz, die jetzt ihren 500. Jahrestag feiern konnte.

Berühmtheit rund um den Globus haben sich manche spanischen Städte durch ihre Prozessionen in der Karwoche erworben, die den Weg nach Golgatha möglichst realistisch darstellen wollen. Auch in Mendrisio in der italienischen Schweiz gibt es einen solchen Brauch: Christus mit Dornenkrone und Kreuz, worunter er mehrmals zusammenbricht, voran fackeltragende Legionäre, ihm nach ein beilschwingender Henker, Veronika mit dem Schweißtuch usw. usf. – es darf gerätselt werden, was daran Fortleben von alt-"volkstümlich“ ist und was bloß für die Touristen veranstaltet wird. Eine Frage, die sich wohl nicht stellt bei Karfreitags-Ritualen, wie sie von den Philippinen oder aus Lateinamerika berichtet werden: Gläubige lassen sich, zum großen Unbehagen der Amtskirche, ganz real kreuzigen, um in Jesu Nachfolge zu treten.


Mehr im Internet:
Geschichte des Auferstehungsgedankens, scienzz 05.04.2007
Ostern in Rom, scienzz 15.04.2006
Variationen über das Karfreitagsthema, scienzz 07.04.2006

 




Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation.

 

 

 

 

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