Berlin, den 25.11.2020 Link Home Link Magazin Link Galerie Link Impressum
Kontrovers
Wissenschaft
Politik
Wirtschaft
Kultur
Kontakt
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
forschung

01.03.2005 - GENDERFORSCHUNG

Das verhandelbare - wandelbare Geschlecht

Antike Geschlechterdefinitionen und Geschlechtergrenzen - ein Kongressbericht

Sophie Bertone

 
 

Antike Statue der Hypatia

Die Geschlechter sind in unserer Welt bipolar und dichotomisch organisiert - ganz so, wie es schon bei den "Alten" war. Aber da "Geschlecht" in antiken Gesellschaften nicht biologisch eindeutig determiniert war, wie f?r uns heute, konnten in Phasen gesellschaftspolitischer Umbr?che die Grenzen zwischen den Geschlechtern verwischen und Dichotomien neu verhandelt werden. Um ?ber diese Fragen gemeinsam zu streiten, trafen sich in der Humboldt Universit?t zu Berlin vergangene Woche Wissenschaftler (weibliche wie m?nnliche!) unterschiedlicher Fachbereiche, die sich der Altertumsforschung auch unter einem gender-spezifischen Blickwinkel widmen. Initiiert wurde der transdisziplin?re wie internationale Austausch namenhafter Altertumswissenschaftler ? es referierten deutsche, ?sterreichische, schwedische, franz?sische und amerikanische Forscher ? von Prof. Dr. Elke Hartmann, Dr. des. Katrin Pietzner und Dr. Udo Hartmann von der Humboldt-Universit?t.

Die biologisch festgelegte Teilung der Geschlechter in m?nnlich und weiblich, wie wir sie heute als unumst??lich hinnehmen, ist eine Erfindung der letzten 200 Jahre. Was von Hippokrates (ca. 460?370) behauptet wurde, entspricht nach Galenos von Pergamon (140?199) - der neben Hippokrates einer der bedeutendsten und einflussreichsten ?rtze in der Antike war - l?ngst nicht mehr der Wahrheit: die Trennung in und die Unterscheidung der Geschlechter nach ihren spezifisch organisch-anatomischen Besonderheiten. In den antiken Vorstellungen ?hnelten sich (sp?testens seit Galenos) Mann und Frau mehr, als dass sie sich unterschieden. Der Historiker Prof. Thomas Laqueur (Uni Berkeley) hat daf?r den Begriff vom "one-sex-model" gepr?gt. Demnach lag der altert?mlichen Wahrnehmung von Mann und Frau nur ein einziges, ein "vollkommenes" Geschlecht zugrunde. Reale Frauen und M?nner waren lediglich unvollkommene Abwandlungen dieses einen, "perfekten" Geschlechts. Das M?nnliche wurde dabei stets als vollkommener angesehen als das Weibliche. Der Mann stand dem Vollkommenheitsideal vom "vir perfectus" um vieles n?her.

Schon Aristoteles (384 ? 322) hatte behauptet, die Frau sei die "minderwertigere" Ausf?hrung des Menschen. F?r diesen gro?en Denker und all diejenigen die ihm folgen sollten, bildete das M?nnliche das Ma? aller Dinge. Bis um 1800 sollte das Gros der Mediziner, Philosophen und sonstigen Gelehrten nicht an dieser Sichtweise r?tteln und auch keine wesentlichen Unterschiede zwischen dem m?nnlichen und weiblichen Sexualapparat monieren. Der herrschenden Meinung nach befand sich beim Mann drau?en, was sich bei der Frau aufgrund ihrer gr??eren "Unvollkommenheit" und geringeren "Hitze" gegen?ber der m?nnlichen Sch?pfung im Bauchinneren verborgen blieb. Das wird auch, so Laqueur, an den medizinisch-anatomischen Fachtermini deutlich. Beispielsweise gab es bis ins sp?te 18. Jahrhundert keinen eigenst?ndigen Begriff f?r den Eierstock: orcheis wird von Galen f?r die Hoden wie die Eierst?cke verwendet, und es muss aus dem Kontext heraus erschlossen werden, wovon gerade die Rede bzw. Schreibe ist.  Erst f?r die Zeit nach dem 18. Jahrhundert wurden am K?rper des Menschen spezifische Unterschiede dingfest gemacht, die das M?nnliche und Weibliche 'biologisch', das hei?t konkret entgegengesetzt definierten.

  Alexander der Gro?e

In den von den Tagungsteilnehmern untersuchten antiken Gesellschaften basierte die Trennung in unter-schiedliche und damit einhergehend unterschiedlich wertvolle Geschlechter auf sozialen Hierarchisierungen, auf den jeweiligen gesellschaftspolitischen Konventionen. Geschlecht war an den Status, an die Rolle der Person in der Gesellschaft, an Funktion und Amt gebunden und somit verhandelbar wie wandelbar. Ein Konstrukt, das die jeweiligen Lebensbedingungen von M?nnern und Frauen sowie deren gesellschaftlich ungleiches St?rke-verh?ltnis in unterschiedlichen Zeitr?umen widerpiegelte. Demzufolge lassen sich keine simplifizierenden, universalistischen Feststellungen treffen, was d a s  Weibliche oder  d a s  M?nnliche in der Antike gewesen sei. Die r?mische M?nnlichkeit z.B., so wies es Johanna Fabricus in ihrem Vortrag anhand von Statuen aus der sp?ten Klassik und des Hellenismus? nach, vereinnahmte f?r sich derart viele Elemente, die vorher traditionell der Weiblichkeit zugeschrieben worden waren, dass das Konstrukt von der bipolaren Geschlechterordnung hier ganz aufzuweichen drohte. Seit Alexander dem Gro?en (356-323) w?re ein neues Sch?nheitsideal zu beobachten, mit einer von der Herrenwelt deutlichen Favorisierung vormals dem Femininen zugesprochener Z?ge: Die M?nner rasierten sich jetzt, legten Wert auf eine glatte, wei?e Haut, auf "Geschmeidigkeit" und "Glanz" durch Salbungen. Selbst ihr Blick und ihre l?ngeren, gelockten Haare sollten diesen "Glanz" tragen. Auch in Habitus und Gestik wird eine Effemination der M?nnlichkeit Mode: Wurden vorher ausschlie?lich Frauen und alte M?nner sitzend dargestellt, trifft dies nun f?r gro?e Herrscher wie Alexander zu. Die Geschlechtergrenzen verwischten sich und bildeten sich neu. Was als weiblich oder m?nnlich galt war in st?ndiger Bewegung, wurde kontinuierlich neu verhandelt.

Die Erforschung antiker Lebenswelten unter gender-spezifischem Blickwinkel ist noch nicht so weit vorangeschritten, dass man schon Universalien oder gro?e Tendenzen aus den bunten, zwischen den Zeiten und Regionen ziemlich divergierenden Informationen extrahieren k?nnte. Au?erdem m?sse man die zur Verf?gung stehenden Materialien einer besonderen Kritik unterziehen. Denn: Arch?ologische Funde, Abbildungen auf ?brigbleibseln wie M?nzen, Geschirr oder Grabschreinen, marmorne Skulpturen oder die ?berlieferte antike Literatur spiegelten nicht eins zu eins antike Wirklichkeiten wieder. Man m?sse daher das Genre, das das Verh?ltnis der Geschlechter "zur Sprache" br?chte, mitreflektieren und bei den R?ckschl?ssen besonders ber?cksichtigen.

D i e  M?nnlichkeit, das wurde aus den zahlreichen Referaten deutlich, konnte es genauso wenig geben wie  d i e  Weiblichkeit. Vasenbilder k?nnen dies veranschaulichen. Die Trinkgef??e dienten auf den Trinkgelagen (symposion) der B?rger (politikos) dem Ausschank alkoholischer Getr?nke, meistens von Wein. Auf ihnen sieht man junge M?nner und Frauen abgebildet, die in ganz ?hnlichem Habitus ?hnliche Aufgaben verrichten. Man schlie?t daraus, dass sie die gleiche Position in der sozialen Hierarchie einnahmen und sich nach einer sozialen Stratifikation auf ein und derselben Ebene befanden. Der freie und m?ndige Mann, der B?rger, war mithin nicht einfach nur m?nnlich und "M?nnlichkeit" bedeutete nicht gleich Mann.

Frauen hatten keinerlei politisch-?ffentliche Rechte in den antiken griechischen und r?mischen Gesellschaften. Auf den Gerichten durften attische Frauen zwar einen Eid schw?ren, aber nicht ?ffentlich reden. Im Falle des Falles wurden sie von ihrem gesetzlichen Vormund, einem m?nnlichen Verwandten, vertreten, der f?r sie sprach. Frauen waren nach jenem Demokratieverst?ndnis weder testierf?hig, noch verf?gten sie in der ?ffentlichkeit ?ber einen Namen oder eine Stimme. Im Kult aber, im Rahmen religi?ser Riten, konnten sie als "Kultb?rger" wichtige Funktionen einnehmen und aus?ben. Im mystischen Bereich wurden sie als Heilige verehrt, waren angesehene  Priesterinnen oder Asketinnen, die sehr wohl ?ber eine Stimme verf?gten.

 Melania die ?ltere

Um sich jedoch in der allt?glichen ?ffentlichkeit, in der politischen Welt, Geh?r zu verschaffen ? Seneca (ca. 4?65) verbot seiner Frau ?ffentlich aufzutreten ? mussten sich Frauen verwandeln. Die wenigen Philosophinnen der Sp?tantike trugen z.B. M?nnerkleidung ? eine Tracht aus Schafs- oder Ziegenfellen (Melote) ?, gingen und bewegten sich wie M?nner, waren so schroff wie sie, sprachen mit tieferer Stimmlage und achteten darauf, ihre Rede "m?nnlich" zu modulieren, erl?uterte Sigrid Mratschek. In der Aus?bung eines lehrenden oder predigenden Amtes mussten Frauen wie M?nner werden. Um in ihrer "m?nnlichen" Funktion ernst genommen und respektiert zu werden, verleugneten sie "weibliche Sch?nheit" und ihre Sexualit?t. Die Aus?bung des Amtes machte sie "h?sslich" und unattraktiv. Plutarch (ca. 45?125) betitelte solche Frauen als besonders "unliebensw?rdige" Gesch?pfe. In der Sp?tantike verweigerten sich Philosophinnen und Asketinnen jeglicher Sexualit?t. Asketinnen wurden daher bisweilen von ihren Zeitgenossen als "m?nnlicher als die M?nner" verspottet. "M?nnliche" Frauen wie die Philosophin Hypatia (ca. 370?415) und die sp?ter in Jerusalem ein Kloster leitende Melania "die ?ltere" (ca. 342?409) etablierten mit ihrer unersch?tterlichen Keuschheit (castitas) jedoch ein Leitbild in den griechischen und r?mischen Gesellschaften, das, so Mratschek weiter, eine wichtige Rolle f?r folgende Generationen spielen sollte. Das Ideal der "Jungfr?ulichkeit" avancierte zur weiblichen Angleichung an das Ideal vom vir perfectus und wurde von christlichen wie nichtchristlichen Frauen als "fortschrittlich" gewertet. Ein "Leben wie die Engel" (bios angelikos) zu f?hren, schien ihnen mit einer zuvor nicht gekannten "gesellschaftlichen Unabh?ngigkeit" verbunden, versprach "ungew?hnliche Autorit?t", vor allem aber den "Respekt der M?nner".

Dennoch war es nur eine "Vollendung" in spiritueller nicht in sozialer Hinsicht. Gelehrte Frauen in der ?ffentlichkeit galten als "Mannweiber" oder "Ungeheuer" (monstrum) ? die, auf die man mit dem Finger zeigte ? weshalb 'normale' Frauen weiterhin eher im Hintergrund wirkten. Wenn sie zu den elit?ren, gebildeten Schichten geh?rten, riefen sie mitunter exklusive, aber "unpolitische" Zirkel ins Leben. So ist zu beobachten, dass sich in der r?mischen Kaiserzeit auch Frauen verst?rkt poetischen Arbeiten zuwandten und als Kulturf?rderer eine Arte "Salonkultur" betrieben.

Die Gender-Studies sind aus der Frauenforschung hervorgegangen, ?bersteigen aber deren feministische Fragestellungen, indem sie die M?nner explizit mit einbeziehen. Es lohne sich, so der Basler Gr?ndungsvaters f?r M?nnerforschung, Thomas Sp?th, nach der Kategorie "Geschlecht" in antiken Gesellschaften zu forschen, weil es die Fragen nach der politischen Macht und dem "Zugang zu politischen Entscheidungsprozessen" f?r die Vergangenheit wie f?r die Gegenwart neu stelle. Im Vergleich k?nnten so neue Einsichten in die Macht-Praktiken zwischen den Geschlechtern gewonnen und heutige Kategorienbildungen von "Geschlecht" ?berdacht und gepr?ft werden.

Literatur zum Thema:
Thomas Laqueur: Auf den Leib geschrieben. Die Inszenierung der Geschlechter von der Antike bis Freud. M?nchen 1996 (aus dem Englischen von H. Jochen Bu?mann).
Tomas Sp?th / Beate Wagner-Hasel: Frauenwelten in der Antike. Geschlechterordnung und weibliche Lebenspraxis. Stuttgart/Weimar 2000.
Elke Hartmann: Heirat, Het?rentum und Konkubinat im klassischen Athen. Frankfurt/New York 2002.

 

 

Mehr im Internet:

HU Berlin - Bereich Alte Geschichte 
Prof. Elke Hartmann 
Prof. Thomas Sp?th 
Prof. Sigrid Mratschek 

 

 


 


_britische Lebens- und Rentenversicherungen 234 un


 

 

 



 <<< 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


forschung


politik


innovation


kultur


campus


kontakt