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01.03.2005 - GENDERFORSCHUNG

Das verhandelbare - wandelbare Geschlecht

Antike Geschlechterdefinitionen und Geschlechtergrenzen - ein Kongressbericht

Sophie Bertone

 
 

Antike Statue der Hypatia

Die Geschlechter sind in unserer Welt bipolar und dichotomisch organisiert - ganz so, wie es schon bei den "Alten" war. Aber da "Geschlecht" in antiken Gesellschaften nicht biologisch eindeutig determiniert war, wie für uns heute, konnten in Phasen gesellschaftspolitischer Umbrüche die Grenzen zwischen den Geschlechtern verwischen und Dichotomien neu verhandelt werden. Um über diese Fragen gemeinsam zu streiten, trafen sich in der Humboldt Universität zu Berlin vergangene Woche Wissenschaftler (weibliche wie männliche!) unterschiedlicher Fachbereiche, die sich der Altertumsforschung auch unter einem gender-spezifischen Blickwinkel widmen. Initiiert wurde der transdisziplinäre wie internationale Austausch namenhafter Altertumswissenschaftler – es referierten deutsche, österreichische, schwedische, französische und amerikanische Forscher – von Prof. Dr. Elke Hartmann, Dr. des. Katrin Pietzner und Dr. Udo Hartmann von der Humboldt-Universität.

Die biologisch festgelegte Teilung der Geschlechter in männlich und weiblich, wie wir sie heute als unumstößlich hinnehmen, ist eine Erfindung der letzten 200 Jahre. Was von Hippokrates (ca. 460–370) behauptet wurde, entspricht nach Galenos von Pergamon (140–199) - der neben Hippokrates einer der bedeutendsten und einflussreichsten Ärtze in der Antike war - längst nicht mehr der Wahrheit: die Trennung in und die Unterscheidung der Geschlechter nach ihren spezifisch organisch-anatomischen Besonderheiten. In den antiken Vorstellungen ähnelten sich (spätestens seit Galenos) Mann und Frau mehr, als dass sie sich unterschieden. Der Historiker Prof. Thomas Laqueur (Uni Berkeley) hat dafür den Begriff vom "one-sex-model" geprägt. Demnach lag der altertümlichen Wahrnehmung von Mann und Frau nur ein einziges, ein "vollkommenes" Geschlecht zugrunde. Reale Frauen und Männer waren lediglich unvollkommene Abwandlungen dieses einen, "perfekten" Geschlechts. Das Männliche wurde dabei stets als vollkommener angesehen als das Weibliche. Der Mann stand dem Vollkommenheitsideal vom "vir perfectus" um vieles näher.

Schon Aristoteles (384 – 322) hatte behauptet, die Frau sei die "minderwertigere" Ausführung des Menschen. Für diesen großen Denker und all diejenigen die ihm folgen sollten, bildete das Männliche das Maß aller Dinge. Bis um 1800 sollte das Gros der Mediziner, Philosophen und sonstigen Gelehrten nicht an dieser Sichtweise rütteln und auch keine wesentlichen Unterschiede zwischen dem männlichen und weiblichen Sexualapparat monieren. Der herrschenden Meinung nach befand sich beim Mann draußen, was sich bei der Frau aufgrund ihrer größeren "Unvollkommenheit" und geringeren "Hitze" gegenüber der männlichen Schöpfung im Bauchinneren verborgen blieb. Das wird auch, so Laqueur, an den medizinisch-anatomischen Fachtermini deutlich. Beispielsweise gab es bis ins späte 18. Jahrhundert keinen eigenständigen Begriff für den Eierstock: orcheis wird von Galen für die Hoden wie die Eierstöcke verwendet, und es muss aus dem Kontext heraus erschlossen werden, wovon gerade die Rede bzw. Schreibe ist.  Erst für die Zeit nach dem 18. Jahrhundert wurden am Körper des Menschen spezifische Unterschiede dingfest gemacht, die das Männliche und Weibliche 'biologisch', das heißt konkret entgegengesetzt definierten.

  Alexander der Große

In den von den Tagungsteilnehmern untersuchten antiken Gesellschaften basierte die Trennung in unter-schiedliche und damit einhergehend unterschiedlich wertvolle Geschlechter auf sozialen Hierarchisierungen, auf den jeweiligen gesellschaftspolitischen Konventionen. Geschlecht war an den Status, an die Rolle der Person in der Gesellschaft, an Funktion und Amt gebunden und somit verhandelbar wie wandelbar. Ein Konstrukt, das die jeweiligen Lebensbedingungen von Männern und Frauen sowie deren gesellschaftlich ungleiches Stärke-verhältnis in unterschiedlichen Zeiträumen widerpiegelte. Demzufolge lassen sich keine simplifizierenden, universalistischen Feststellungen treffen, was d a s  Weibliche oder  d a s  Männliche in der Antike gewesen sei. Die römische Männlichkeit z.B., so wies es Johanna Fabricus in ihrem Vortrag anhand von Statuen aus der späten Klassik und des Hellenismus’ nach, vereinnahmte für sich derart viele Elemente, die vorher traditionell der Weiblichkeit zugeschrieben worden waren, dass das Konstrukt von der bipolaren Geschlechterordnung hier ganz aufzuweichen drohte. Seit Alexander dem Großen (356-323) wäre ein neues Schönheitsideal zu beobachten, mit einer von der Herrenwelt deutlichen Favorisierung vormals dem Femininen zugesprochener Züge: Die Männer rasierten sich jetzt, legten Wert auf eine glatte, weiße Haut, auf "Geschmeidigkeit" und "Glanz" durch Salbungen. Selbst ihr Blick und ihre längeren, gelockten Haare sollten diesen "Glanz" tragen. Auch in Habitus und Gestik wird eine Effemination der Männlichkeit Mode: Wurden vorher ausschließlich Frauen und alte Männer sitzend dargestellt, trifft dies nun für große Herrscher wie Alexander zu. Die Geschlechtergrenzen verwischten sich und bildeten sich neu. Was als weiblich oder männlich galt war in ständiger Bewegung, wurde kontinuierlich neu verhandelt.

Die Erforschung antiker Lebenswelten unter gender-spezifischem Blickwinkel ist noch nicht so weit vorangeschritten, dass man schon Universalien oder große Tendenzen aus den bunten, zwischen den Zeiten und Regionen ziemlich divergierenden Informationen extrahieren könnte. Außerdem müsse man die zur Verfügung stehenden Materialien einer besonderen Kritik unterziehen. Denn: Archäologische Funde, Abbildungen auf Übrigbleibseln wie Münzen, Geschirr oder Grabschreinen, marmorne Skulpturen oder die überlieferte antike Literatur spiegelten nicht eins zu eins antike Wirklichkeiten wieder. Man müsse daher das Genre, das das Verhältnis der Geschlechter "zur Sprache" brächte, mitreflektieren und bei den Rückschlüssen besonders berücksichtigen.

D i e  Männlichkeit, das wurde aus den zahlreichen Referaten deutlich, konnte es genauso wenig geben wie  d i e  Weiblichkeit. Vasenbilder können dies veranschaulichen. Die Trinkgefäße dienten auf den Trinkgelagen (symposion) der Bürger (politikos) dem Ausschank alkoholischer Getränke, meistens von Wein. Auf ihnen sieht man junge Männer und Frauen abgebildet, die in ganz ähnlichem Habitus ähnliche Aufgaben verrichten. Man schließt daraus, dass sie die gleiche Position in der sozialen Hierarchie einnahmen und sich nach einer sozialen Stratifikation auf ein und derselben Ebene befanden. Der freie und mündige Mann, der Bürger, war mithin nicht einfach nur männlich und "Männlichkeit" bedeutete nicht gleich Mann.

Frauen hatten keinerlei politisch-öffentliche Rechte in den antiken griechischen und römischen Gesellschaften. Auf den Gerichten durften attische Frauen zwar einen Eid schwören, aber nicht öffentlich reden. Im Falle des Falles wurden sie von ihrem gesetzlichen Vormund, einem männlichen Verwandten, vertreten, der für sie sprach. Frauen waren nach jenem Demokratieverständnis weder testierfähig, noch verfügten sie in der Öffentlichkeit über einen Namen oder eine Stimme. Im Kult aber, im Rahmen religiöser Riten, konnten sie als "Kultbürger" wichtige Funktionen einnehmen und ausüben. Im mystischen Bereich wurden sie als Heilige verehrt, waren angesehene  Priesterinnen oder Asketinnen, die sehr wohl über eine Stimme verfügten.

 Melania die Ältere

Um sich jedoch in der alltäglichen Öffentlichkeit, in der politischen Welt, Gehör zu verschaffen – Seneca (ca. 4–65) verbot seiner Frau öffentlich aufzutreten – mussten sich Frauen verwandeln. Die wenigen Philosophinnen der Spätantike trugen z.B. Männerkleidung – eine Tracht aus Schafs- oder Ziegenfellen (Melote) –, gingen und bewegten sich wie Männer, waren so schroff wie sie, sprachen mit tieferer Stimmlage und achteten darauf, ihre Rede "männlich" zu modulieren, erläuterte Sigrid Mratschek. In der Ausübung eines lehrenden oder predigenden Amtes mussten Frauen wie Männer werden. Um in ihrer "männlichen" Funktion ernst genommen und respektiert zu werden, verleugneten sie "weibliche Schönheit" und ihre Sexualität. Die Ausübung des Amtes machte sie "hässlich" und unattraktiv. Plutarch (ca. 45–125) betitelte solche Frauen als besonders "unliebenswürdige" Geschöpfe. In der Spätantike verweigerten sich Philosophinnen und Asketinnen jeglicher Sexualität. Asketinnen wurden daher bisweilen von ihren Zeitgenossen als "männlicher als die Männer" verspottet. "Männliche" Frauen wie die Philosophin Hypatia (ca. 370–415) und die später in Jerusalem ein Kloster leitende Melania "die Ältere" (ca. 342–409) etablierten mit ihrer unerschütterlichen Keuschheit (castitas) jedoch ein Leitbild in den griechischen und römischen Gesellschaften, das, so Mratschek weiter, eine wichtige Rolle für folgende Generationen spielen sollte. Das Ideal der "Jungfräulichkeit" avancierte zur weiblichen Angleichung an das Ideal vom vir perfectus und wurde von christlichen wie nichtchristlichen Frauen als "fortschrittlich" gewertet. Ein "Leben wie die Engel" (bios angelikos) zu führen, schien ihnen mit einer zuvor nicht gekannten "gesellschaftlichen Unabhängigkeit" verbunden, versprach "ungewöhnliche Autorität", vor allem aber den "Respekt der Männer".

Dennoch war es nur eine "Vollendung" in spiritueller nicht in sozialer Hinsicht. Gelehrte Frauen in der Öffentlichkeit galten als "Mannweiber" oder "Ungeheuer" (monstrum) – die, auf die man mit dem Finger zeigte – weshalb 'normale' Frauen weiterhin eher im Hintergrund wirkten. Wenn sie zu den elitären, gebildeten Schichten gehörten, riefen sie mitunter exklusive, aber "unpolitische" Zirkel ins Leben. So ist zu beobachten, dass sich in der römischen Kaiserzeit auch Frauen verstärkt poetischen Arbeiten zuwandten und als Kulturförderer eine Arte "Salonkultur" betrieben.

Die Gender-Studies sind aus der Frauenforschung hervorgegangen, übersteigen aber deren feministische Fragestellungen, indem sie die Männer explizit mit einbeziehen. Es lohne sich, so der Basler Gründungsvaters für Männerforschung, Thomas Späth, nach der Kategorie "Geschlecht" in antiken Gesellschaften zu forschen, weil es die Fragen nach der politischen Macht und dem "Zugang zu politischen Entscheidungsprozessen" für die Vergangenheit wie für die Gegenwart neu stelle. Im Vergleich könnten so neue Einsichten in die Macht-Praktiken zwischen den Geschlechtern gewonnen und heutige Kategorienbildungen von "Geschlecht" überdacht und geprüft werden.

Literatur zum Thema:
Thomas Laqueur: Auf den Leib geschrieben. Die Inszenierung der Geschlechter von der Antike bis Freud. München 1996 (aus dem Englischen von H. Jochen Bußmann).
Tomas Späth / Beate Wagner-Hasel: Frauenwelten in der Antike. Geschlechterordnung und weibliche Lebenspraxis. Stuttgart/Weimar 2000.
Elke Hartmann: Heirat, Hetärentum und Konkubinat im klassischen Athen. Frankfurt/New York 2002.

 

 

Mehr im Internet:

HU Berlin - Bereich Alte Geschichte 
Prof. Elke Hartmann 
Prof. Thomas Späth 
Prof. Sigrid Mratschek 

 

 


 


_britische Lebens- und Rentenversicherungen 234 un


 

 

 



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