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29.03.2005 - MÄRCHEN
Hässliche Entlein und verkannte Gärtner
Zum 200. Geburtstag von Hans Christian Andersen
von Josef Tutsch
 | | Hans Christian Andersen
(2. 4. 1805 – 4. 8. 1875) | | | "ich will berühmt werden, sagte ich und erzählte meiner Mutter, was ich von merkwürdigen Männern gelesen: Man hat erst gewaltig viel Widerwärtiges durchzumachen, und dann wird man berühmt.“ So oder ähnlich könnte es wohl in den Kindheitserinnerungen vieler Menschen stehen, berühmter und unberühmter. An dem armen Schustersohn aus Odense hat sich der Jugendtraum erfüllt.
Wahrscheinlich haben die Widerwärtigkeiten den jungen Hans Christian Andersen aber doch tiefer getroffen, als er sich das in seiner Autobiographie eingestehen wollte. Im Märchen vom hässlichen jungen Entlein wird der Autor deutlicher: "Es ist zu groß und ungewöhnlich, sagte die beißende Ente, und darum muss es gepufft werden.“ Und das Entlein selbst, als es sich endlich in die Gesellschaft der Schwäne begibt: "Sie werden mich totschlagen, weil ich, so hässlich wie ich bin, mich ihnen zu nähern wage Aber das ist einerlei! Besser von ihnen getötet, als von den Enten gezwackt zu werden ...“
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Vilhelm Pedersen, Illustration zu Des Kaisers neue Kleider
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Die Biographen haben Ander- sens Nöte längst wissen- schaftlich aufbereitet, die ökonomischen und die erotischen, zur Empörung mancher Verehrer. Der Dichter selbst hat das Märchen seines Lebens theologisch gedeutet: "Es gibt einen liebevollen Gott, der alles zum besten führt.“ Bemerkenswert, mit welcher Naivität hier das individuelle Lebensschicksal als "alles“ genommen wird! War sich Andersen des glücklichen Ausgangs eigentlich immer so sicher? "Bedenke“, sagt die Hexe zur kleinen Seejungfrau, "hat du erst menschliche Gestalt bekommen, so kannst du niemals wieder eine Seejungfrau werden! Du kannst niemals wieder durch das Wasser zu deinen Schwestern und zum Schlosse deines Vaters heruntersteigen. Und gewinnst du die Liebe des Prinzen nicht, so bekommst du keine unsterbliche Seele!“
In der Literaturwissenschaft hat sich, vor allem in Bezug auf die Erzählweise Thomas Manns, der Begriff der "doppelten Optik“ eingebürgert. Das könnte man auch auf Andersens Märchen anwenden: Es sind Märchen für Erwachsene, die sich ebenso gut für Kinder eignen, oder auch umgekehrt. "Für Kinder erzählt“, behaupteten die ersten Märchenhefte von 1835 bis 1841 im Titel. Die Absicht war jedoch immer, Vater und Mutter zugleich etwas "zum Nachdenken“ zu geben.
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Günter Grass, Illustration zu Die Prinzessin auf der Erbse |
Zum Beispiel im Märchen von der "Schneekönigin“: Den Anfang bildet die Allegorie von dem teuflischen Spiegel, "welcher die Eigenschaft besaß, dass alles Gute und Schöne, was sich darin spiegelte, fast zu nichts zusammenschwand, aber das, was nichts taugte und sich schlecht ausnahm, das trat recht hervor und wurde noch ärger“. Daraus entwickelt sich die Erzählung vom kleinen Knaben, dessen Herz zum Eisklumpen wurde, und vom kleinen Mädchen, dessen heiße Tränen den Klumpen auftauen. Zum Schluss die Moral von der Geschichte, die einer Predigt schon recht nahe kommt: "Die Großmutter saß in Gottes hellem Sonnenschein und las aus der Bibel vor: Werdet ihr nicht wie die Kinder, so werdet ihr nicht in das Himmelreich gelangen!“
Andersens Aussage ist unmissverständlich: Die Eltern mit ihrem Verstand sollen den Schluss ziehen, dass es das Gefühl ist, das den Zugang zum Göttlichen eröffnen kann – und gerade nicht die kalte Abstraktion. Eine Meinung, die der Dichter nicht nur in den Märchen, sondern auch in seinen Bühnenstücken, Romanen und Reisebüchern zum Ausdruck bringen wollte. Vor allem mit dem "Improvisator“, einer halb autobiographischen Geschichte vom armen Kind, das durch Talent und Glück seinen Weg macht, 1835 zugleich mit den ersten Märchen erschienen, hat sich Andersen als Begründer des realistischen dänischen Romans einen Namen gemacht.
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| Kopenhagen, Kleine Meerjungfrau | Dennoch haben ihn außerhalb seines Heimatlandes die Märchen, an deren literarischen Wert er selbst wohl nicht so recht glauben wollte, unsterblich gemacht. Eines der letzten Stücke der Sammlung, "Der Gärtner und die Herrschaft“, bringt eine Variante zum hässlichen Entlein drei Jahrzehnte zuvor: Der Gärtner wird mit seiner Kunst überall anerkannt, nur nicht von der Herrschaft, die prachtvolle, scheinbar exotische Früchte und Blumen von außerhalb bevorzugt – welche in Wahrheit aber doch aus dem eigenen Garten sind, gezogen vom eigenen Gärtner. Darin spiegelt sich Enttäuschung wider: Im eigenen Land sah sich Andersen viel weniger beachtet als etwa in Deutschland. Ob Andersen, was das Märchen seines Lebens anging, am Ende vielleicht doch ein wenig desillusioniert war?
Mehr im Internet: Hans Christian Andersen
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Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur. Mitglied der Agentur scienzz communcation. |
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