| |
08.03.2005 - TOURISMUS
Reisen zur sittlichen Besserung
Die Kavalierstour - ein Blick ins adlige Erziehungsprogramm des 17. und 18. Jahrhunderts
von Josef Tutsch
 | | Pflichtpunkt der meisten
Kavalierstouren: der Hof
des Sonnenkönigs | | | Reisen geht ins Geld, das war schon im 18. Jahrhundert nicht anders. Um 1715 reiste Graf Heinrich I. Reuß nach Frankreich und sein Bruder gleichzeitig nach Italien. Die Kosten wurden auf 20.000 Reichstaler geschätzt – eine Summe, die mancher hohe Beamte selbst an den großen Höfen der Zeit kaum in seinem ganzen Leben verdient haben wird. Als sich der für Finanzen verantwortliche Regierungsdirektor der winzigen Grafschaft eine besondere "Reisesteuer" einfallen ließ, kam es zu Protesten, Soldaten wurden eingesetzt, 15 Jahre lang prozessierten wohlhabende Bauern gegen die gräfliche Familie beim Reichshofrat in Wien.
Reisen junger deutscher Adelsherren in den Westen oder Süden Europas waren offenbar nicht das reine Privatvergnügen. Waren sie
 |
Ein Kavalier in Rom (Francesco Villamena, 1623) |
überhaupt in erster Linie ein "Vergnügen"?. Wie der Nachwuchshistoriker Martin Leibetseder in seiner Dissertationsschrift an der Technischen Universität Berlin festgestellt hat, besaßen diese "Kavalierstouren" einen sehr ernsthaften Erziehungszweck: Die jungen Reisenden erschlossen sich das "kulturelle Gedächtnis", ohne das die Kommunikation in der "guten Gesellschaft" – sei es an den Höfen, sei es in den Städten – nicht möglich war. Die "Fremde" diente dem deutschen Adel auch dazu, sich von der breiten Bevölkerung abzusetzen: Man lernte höfische Manieren und legte die "Ungeschicklichkeit und Unanständigkeit in der äußeren Aufführung“ ab, die damals den Deutschen allgemein unterstellt wurde. Nicht zuletzt die Förderung der eigenen Karriere: Kandidaten mit Welterfahrung hatten im Regierungsdienst die besseren Chancen.
Leibetseder hat Erziehungsreisen des deutschen Adels zwischen dem Dreißigjährigen Krieg und der Französischen Revolution unter die Lupe genommen. Wenn in seiner Arbeit von Wein, Weib und Würfelspiel kaum etwas zu lesen ist, dann liegt das wohl auch an den Quellen: vor allem Briefwechsel und Reiseberichte aus den Archiven von Familien des Landadels und des Nürnberger Patriziats sowie der reichsunmittelbaren Grafen von Reuß. Ihre gelegentlichen Eskapaden werden die jungen Leute nicht gerade in den Berichten an den Vater niedergelegt haben. Umgekehrt geht aus den Quellen klar hervor, wie sehr die Väter bemüht waren, den Reiseablauf von fern zu steuern,
 |
Beliebt auch bei Protestanten: der päpstliche Segen (G. Bella, um 1785) |
vor allem durch den Erzieher, der immer dabei sein musste, manchmal aber auch durch direkte briefliche Weisungen.
Gelegenheit dazu gab es reichlich: Leibetseder hat kaum einen Brief gefunden, in dem Hofmeister oder Söhne nicht um neue Geldsendungen baten. Nur in einem einzigen Fall ist belegt, dass ein Teil der Reisekosten als "Taschengeld" ausgesetzt war. Aus dem Begleitbrief geht hervor, dass der Vater es für Kleidung verwendet sehen wollte. Anscheinend bestritt der junge Max Emanuel von Törring-Jettenbach davon jedoch seine Versuche im Glücksspiel ... Das pure Laster muss auch das nicht gewesen sein: Manchmal wiesen die reisenden Kavaliere ihre Väter darauf hin, dass sie in der Gesellschaft gar nicht um die Teilnahme an solchen Spielen herumkamen, sofern sie sich nicht "ridicule" machen wollten.
Vor allem pietistische Elternhäuser wollten noch anderen Versuchungen vorbeugen. Mehrfach wurden junge Reisende durch ein energisches Veto davon abgehalten, die Route spontan zu ändern und nach Italien zu reisen: Das katholische Land galt nicht nur als
 |
Für manchen jungen Kavalier verboten: Karneval in Venedig (G. Bella, um 1785) |
Sündenpfuhl, sondern hätte auch die Glaubensfestigkeit erschüttern können. Ein Graf Friedrich Ulrich zu Lynar zeigte allerdings im späten 18. Jahrhundert selbst vor dem Papst seinen widerspenstigen Geist: "Wir hätten billig das auf dem rotsamtenen Pantoffel von Gold gestickte Kreuz küssen sollen, einige von uns taten es auch, ich und andere aber neigten uns nur gegen den Fuß."
Zum Glück war eine Vorstellung beim Heiligen Vater in Rom für den protestantischen Adel kein sonderlich wichtiger Bestandteil der Kavalierstour. Dagegen bildete die Präsentation vor dem französischen König in Versailles für ein halben Jahrhundert die zentrale Zeremonie, jedenfalls für den Landadel, während sich die Nürnberger Patrizier oft mit einem Mitglied der königlichen Familie begnügen mussten. Es gab sogar einen festen wöchentlichen Termin: mittwochs am frühen Morgen bei der königlichen Zeremonie des Aufstehens, an der Seite der ausländischen Gesandten. Dennoch mussten zum Beispiel die Grafen Reuß und Lynar 1731 volle fünf Wochen auf den erhebenden Moment warten, der dann auch noch reichlich prosaisch ablief: der König sei "vor jedem eine Weile stehen geblieben, habe sie von oben bis unten angesehen, auch eine gar gnädige Miene gemacht, dabei aber seiner Gewohnheit nach kein Wort gesprochen".
Handfestere Ergebnisse brachte vermutlich das Studium, das oft zum Programm solcher Kavalierstouren gehörte. Man studierte
 |
Wichtiges Erziehungsziel: die Kunst des Reitens (Friedrich August in Dresden) |
"cavalièrement", das heißt nicht etwa oberflächlich, sondern vielmehr standesgemäß. Dazu gehörten neben Fachkenntnissen (vor allem in Jura und Staatswissenschaft) auch Fremdsprachen und "Exerzitien" in der Nachfolge alter Rittertugenden, also Reiten und Fechten. Der alte Feldmarschall von Törring-Jettenbach äußerte in den 1730er Jahren die Befürchtung, sein Sohn könne das juristische Studium allzu ernsthaft betreiben – galante Umgangsformen werden nicht weniger wichtig gewesen sein.
Und dazu eignete sich der Verkehr mit standesgemäßen Damen– vielleicht auch nicht das, was junge Leute sich heutzutage unter "Vergnügen" vorstellen würden: Der Verkehr war streng „gesellschaftlich" und nach Möglichkeit mit Damen gesetzten Alters. Es musste nämlich alles vermieden werden, was familiäre Heiratspläne gefährden konnte. Eine solche Kavaliersreise diente eben nicht zuletzt dazu, die Stellung der eigenen Familie im überregionalen Netzwerk zu stärken. Nach der großen Tour, hofften die Eltern, würden ihre Kinder zu vollwertigen Mitgliedern der Führungsschicht gereift sein. Ein Gedanke, der in der Aufklärung des 18. Jahrhunderts nicht standgehalten hat: "Die Zuversicht, dass der Reisende unterwegs wie von selbst eine sittliche Besserung erfährt, ging verloren", zieht Leibetseder das Fazit. Der aufgeklärte Absolutismus setzte denn auch mehr und mehr auf ein Fachbeamtentum, ohne aristokratische Ideale, dafür mit streng akademischer Qualifikation.
Neu auf dem Büchermarkt: Mathis Leibetseder, Die Kavalierstour. Adlige Erziehungsreisen im 17. und 18. Jahrhundert, Böhlau Verlag 2004 (ISBN 3-412-13003-1), 34,90 Euro
 |
Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur. Mitglied der Agentur scienzz communcation.
|
|
|