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19.11. 2004 - HUMANISMUS
Intellektueller mit Jugendsünden
Vor 700 Jahren wurde Francesco Petrarca geboren - in Berlin beschäftigt sich eine Ausstellung mit dem Dichter
von Josef Tutsch
 | | | | | Nein, an Selbstbewusstsein mangelte es ihm wahrlich nicht. „Ich will, dass mein Leser, solange er mich liest, bei mir ist. Ich will nicht, dass er sich zugleich mit Geschäften befasst, ich will nicht, dass er ohne Mühe in sich aufnimmt, was ich nicht ohne Mühe geschrieben habe.“ Ein Schriftsteller, der mit solchem Nachdruck „ich“ sagte und im eigenen Namen, nicht in dem einer höheren Autorität, Forderungen an sein Publikum stellte – das war neu im 14. Jahrhundert.
Was rechtfertigte soviel Selbstbewusstsein? Ein unvollendetes lateinisches Epos, eine allegorische Dichtung in italienischer Sprache, ein paar moralphilosophische Traktate, viele Briefe an Freunde und Zeitgenossen. Und eine Menge italienische Gedichte. Der Vater, ein verbannter Notar aus Florenz, wollte Francesco Petrarca eigentlich zum Juristen bestimmen. Der Sohn, der 1304 in Arezzo geboren wurde, hatte aber anderes im Sinn. Nach dem Tod des Vaters, der inzwischen am päpstlichen Hof in Avignon untergekommen war, warf er das ungeliebte Fach hin und trat in den geistlichen Stand. Den Priesterberuf hat er wohl niemals ernsthaft angesteuert, statt dessen tat er sich in der eleganten Welt von Avignon um und schrieb Gedichte – nicht etwa „mittellateinisch“, in der Kleriker- und Gebildetensprache der Zeit, sondern in der „Volkssprache“ seiner Familie, also italienisch.
Im Freundeskreis um einen römischen Kardinal muss Petrarca sein Interesse für das alte Rom entdeckt haben. Irgendwann hatte er das Hofleben satt, zog sich auf ein kleines Landgut zurück und begann wiederum zu dichten. Petrarca plante ein großes Heldenepos, nach Art des Vergil, und zwar in dessen „originaler“ Sprache, also in klassischem Latein. Das war eine Revolution und der Anfang dessen, was wir heute „Humanismus“ und „Renaissance“ nennen. Das „Africa“-Epos ist niemals fertig geworden; aber das Fragment machte Furore. Am Ostersonntag des Jahres 1341 empfing der Dichter des „Africa“-Fragments auf dem Kapitol in Rom in Gegenwart einer tausendköpfigen Menge die Lorbeerkrone.
Der gekrönte Poet wagte sich in die Politik: ein wenig Engagement für den republikanischen Umsturzversuch in Rom, ein paar Jahre Höflingsdienst bei den Tyrannen von Mailand, der Versuch, Kaiser Karl IV. zum Eingreifen in die italienische Politik zu bewegen ... Bis zu seinem Tod 1374 in der Nähe von Padua waren es drei Jahrzehnte Wanderschaft durch Südfrankreich und Norditalien, immer wieder Irrwege und Enttäuschungen, nur gelegentlich unterbrochen durch das Triumphgefühl, wenn er wieder einmal einen antiken Schriftstellertext aufgestöbert hatte. Petrarca muss sein öffentliches Engagement als Opfer empfunden haben. Die Freiheit eines einsamen Dichterlebens sei ihm mehr wert als Ruhm und Gipfelhöhe des Kaisertums, schrieb er an Karl. Kurzum: Petrarca war, wenn man den anachronistischen Ausdruck nicht scheut, der erste „Intellektuelle“ der Geschichte.
Moralischen Rückhalt gaben ihm – für unsereins heute wohl schwer nachvollziehbar – das römische Altertum und das klassische Latein. „Um die Gegenwart zu vergessen, suchte ich, im Geiste mich in andere Zeiten zu versetzen.". Nicht dass die alten Römer damals neu entdeckt worden wären, sie gehörten von jeher zum Bildungsgut des Mittelalters; aber nun trat die klassische Antike beinahe gleichrangig als Autorität neben die christlich-kirchliche Gegenwart. Petrarca selbst brachte es auf eine provokante Formel: „Uns gilt die Beredsamkeit mehr als das Leben und mehr als die Tugend das Studium des Altertums.“
War es Koketterie, dass Petrarca sich zugleich als traditionellen, wir würden sagen: mittelalterlichen Menschen darstellen konnte? Zum Beispiel in seinem Bericht von der Besteigung des Mont Ventoux in der Provence (nebenbei: das vielleicht früheste Zeugnis eines modernen Tourismus). Petrarca, so jedenfalls schildert er selbst die Szene, blickt vom Gipfel des Berges in die Runde - und schlägt eine Lektüre auf, die er im Handgepäck mitführt, die „Bekenntnisse“ des Augustinus, wo er „zufällig“ die passende Stelle findet: „Und es gehen die Menschen, zu bestaunen die Gipfel der Berge, und haben nicht acht ihrer selbst.“ Der Dichter lebte in zwei Welten: einerseits der Traum vom klassischen Altertum und andererseits die überlieferten Werte von Weltflucht und Weltentsagung.
Die italienischen Gedichte mochten in Petrarcas eigenem Urteil von der einen wie von der anderen Warte aus höchstens als „jugendliche Reimereien“ durchgehen. Sie werden aber heute noch gelesen: die Sonette „auf Leben und Tod der Monna Laura“. Es soll am Karfreitag des Jahres 1327 gewesen sein. Petrarca sieht in einer Avignoneser Kirche eine vornehme Dame und schreibt fortan "Sonette" – zumeist in 14 Versen, zusammengefasst in Gruppen von 2 mal 4 und 2 mal 3, jeder Vers zu elf Silben. Unter dem Namen „Petrarkismus“ wurde dieses Schema, mit vielen Varianten, zur vielleicht hartnäckigsten Mode der gesamten Literaturgeschichte, von Shakespeare über Goethe bis zu George, Rilke und Brecht.
Eine Sinnlichkeit, die ihrer Ziele durchaus bewusst war, sich die Erfüllung aber wegen gesellschaftlicher Schranken versagen musste und in diesem Leidgefühl einen ganz eigenen Genuss fand: damit traf Petrarca den Nerv der Nachwelt. Nicht nur die Dichter, auch viele tausend pubertierende Gymnasiasten taten es ihm nach und drückten im strengen Versschema ihre überschwängliche Freude aus, vor Liebesschmerz in Tränen zu zerfließen. Mehr nebenbei hatten diese Gedichte in der "Volkssprache" aber noch eine ganz andere Wirkung: Gemeinsam mit Dante und Boccaccio begründete Petrarca im 14. Jahrhundert die italienische Dichtersprache.
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Das 141. Sonett in der Nach- dichtung von Horst Heintze So wie der Falter in der Sommerszeit sich in der Sehnsucht nach dem Lichte wiegt und leicht in eines Auges Glänzen fliegt und andern bringt mit seinem Sterben Leid,
so bin auch ich zum blinden Sturz bereit in jene Augen, die mich ganz besiegt durch ihre Süße. Die Vernunft erliegt, Erkennen weicht dem Willen hier im Streit.
Wohl seh ich, wie ich ihnen lästig scheine und wie sie mich bedrohn mit großer Not, weil ich nicht lassen kann, wodurch ich weine;
doch blendet mich so süß Amors Gebot, dass ich statt eignem fremdes Leid beweine und blind die Seele zustimmt ihrem Tod.
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Zur Einführung geeignet: Dichtungen, Briefe, Schriften. Auswahl und Einleitung von Hanns W. Eppelsheimer, Insel-Taschenbuch 486 (ISBN 3-458-32186-1), 8,50 Euro
Eine Ausstellung unter dem Titel "Truimph der Liebe - Dem Dichter Petrarca zum 700. Geburtstag" zeigt die Kunstbibliothek in Berlin vom 19.11.2004 bis 16.01.2005.
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Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur. Mitglied der Agentur scienzz communcation. |
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