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16. 06. 2004 - CHINA

Als Dekan nach Hangzhou

TU-Professor baut Fremdsprachenunterricht auf

von Josef Tutsch

 
 

Deutsch als Wissenschafts- sprache kommt weltweit außer Gebrauch? So pauschal stimmt das vielleicht doch nicht. Die Zhejiang Universität in Hangzhou, einer Stadt in der Nähe von Shanghai, hat jetzt einen Deutschen als Dekan ihrer Fakultät für Fremdsprachen berufen, in Konkurrenz zu Bewerbern aus Nordamerika, Großbritannien und Australien. Ulrich Steinmüller, Professor für Deutsch als Fremdsprache an der Technischen Universität Berlin, soll Forschung und Lehre auf den internationalen Standard bringen. Und nicht zuletzt erhoffen sich die Chinesen, dass ihre angehenden Wissenschaftler in der deutschen Sprache besser ausgebildet werden. „Die deutsche Industrie hat in China einen guten Ruf“, meint Steinmüller, „ebenso wie die Ingenieurwissenschaft der deutschen Universitäten. Das gilt vor allem für Verkehrstechnik, Chemie, Lebensmittelwissenschaft und Informationstechnik. Wenn jemand in der Wirtschaft oder auch im diplomatischen Dienst Karriere machen will, ist es bestimmt nicht verkehrt, Deutsch zu können.“

Das Interesse der Chinesen an deutscher Wissenschaft ist nicht neu; an Steinmüllers „Heimatuniversität“ in Berlin bilden sie nach den Türken längst die zweitgrößte Gruppe unter den ausländischen Studenten (wenn man berücksichtigt, dass von den Türken viele in Deutschland ihr Abitur gemacht haben, sogar die größte). Seit seiner Berufung in die Stadt an der chinesischen Ostküste muss Steinmüller pendeln: während der deutschen Semestermonate in Berlin, ansonsten jeweils für mehrere Wochen in Hangzhou. Für das Tagesgeschäft, vor allem während seiner Abwesenheit, sind ihm sechs Stellvertreter beigegeben – drei aus der akademischen Hierarchie, also Wissenschaftler, drei Parteivertreter. Für europäische Ohren eine recht befremdliche Struktur, „aber die Kompetenzenverteilung war mir vor meinem Antritt bekannt“, sagt Steinmüller zurückhaltend.

Und wenn Steinmüllers Eindruck richtig ist, dann übt sich auch die Partei mehr und mehr in Zurückhaltung. Wissenschaftliche Fragen werden den Wissenschaftlern überlassen, die Partei kümmert sich vor allem um Personalfragen und um die Arbeitsbelastung der Dozenten oder die sozialen Belange der Beschäftigten, großenteils also Fragen, die hierzulande von den Gewerkschaften betreut werden. China ist im Umbruch, und da gibt es eben Schwierigkeiten und Widerstände und natürlich auch Kapazitätenprobleme. Zum Beispiel bei den elektronischen Medien. Innerhalb der Universität haben vorläufig nur die Dozenten einen eigenen Zugang zum Internet, die meisten Studenten sind in Wohnheimen ohne derart moderne Technik untergebracht und müssen sich behelfen, indem sie gelegentlich ein Internetcafé aufsuchen. 

Überheblichkeit ist jedenfalls fehl am Platz: Wer sich daran erinnert, wie es in der DDR bis vor 15 Jahren zuging, wird China als ein relativ liberales Land erleben: In den ganz großen Städten sind auch deutsche Tageszeitungen am Kiosk zu kaufen, am Eingang der Universitätsgebäude wird längst nicht mehr von eifrigen Pförtnern kontrolliert, wer da wen aufsuchen will. Außenstehende, die China nicht kennen, werden fragen, wie es der Partei eigentlich gelingen kann, ihre Alleinherrschaft aufrechtzuerhalten. Steinmüller muss nur einen  kurzen Augenblick nachdenken: „Im Unterschied zur Führung der DDR damals gelingt es der chinesischen Regierung, die elementaren Bedürfnisse zu befriedigen, und zwar auf steigendem Niveau.“ Ob sich das Erfolgsrezept auf Dauer fortschreiben lässt, scheint weniger sicher; zwischen den reichen Provinzen im Osten und den weiten Regionen im Westen öffnet sich die „Wohlstandsschere“ immer mehr, aus den ländlichen Bezirken wandern die Menschen in die Städte ab, trotz aller Ungewissheit, ob sie dort Arbeit vorfinden werden.Konfuzius

Welche Rolle nehmen Chinas Hochschulen in diesem gesellschaftlichen Umbruch ein? Das Ausbildungs- niveau ist sehr differenziert, berichtet Steinmüller: Auf deutsche Verhältnisse übertragen, würde man sagen, es gibt viele „Fachhochschulen“, eine Reihe „Universitäten“ und einige wenige „Eliteuniversitäten“. Aufnahme- und Zwischenprüfungen sollen dafür sorgen, dass die Studiengänge von vornherein nur „qualifizierten“ Studenten offen stehen. „Soweit ich sehe, funktioniert dieses System, fachlich betrachtet, ganz gut“, meint Steinmüller. Schwieriger ist die Frage zu beantworten, wie die Studiengebühren wirken, die, je nach Fach, umgerechnet bis zu 1.000 Euro pro Semester betragen können. Für den Nachwuchs aus der aufstrebenden neuen Mittelschicht vermutlich kein großes Problem; aber ob die Sozialpolitik der Partei eigentlich so weit reicht, dass auch begabte Kinder aus weniger betuchten Familien ihre Chance haben?

Weitreichende Fragen, die ein deutscher Professor, der in China als Dekan amtiert, zum Glück nicht zu beantworten braucht. Steinmüllers Arbeit gilt bescheideneren Zielen, vor allem einer Reform der Lehrmethoden. Dass das Studium stark „verschult“ ist – von akademischer Freiheit keine Rede, die Studenten „kaufen“ mit ihren Gebühren sozusagen ein Kompaktangebot – mag für das Fremdsprachenlernen nicht das Problem sein. „Aber traditionell läuft der Unterricht in China so ab, dass der Lehrer vorn steht und redet und die Schüler hinten sitzen und mitschreiben, nicht anders, als das bei uns bis vor ein paar Jahrzehnten auch war.“ Frontalunterricht also, den in Seminarform aufzulockern weniger eine Frage des Wissens als der Einstellung ist. Das könnte in China, wo die vielhundertjährige konfuzianische Tradition die Ehrfurcht vor älteren und höhergestellten Personen tief eingeimpft hat, noch ein Stück schwieriger sein als hierzulande.

Kontakt: steinmueller@gp.tu-berlin.de

 




Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied der Agentur
scienzz communcation.

 

 

 

 

 

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