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kultur

16.04.2005 - EINSTEIN

Teufel, Bombe und Statistik

Physiker und Dichter - zum 50. Todestag am 18. April

von Josef Tutsch

 
 

Albert Einstein (14.03.1879-18.04.1955)

"Dass man mich jemals sagen hörte, ich sei gegen den Krieg, ist dumm, dieweils ein dummer Satz war. Nämlich ein halber. Wollte ich doch sagen: Ich sei drum gegen Krieg, weil er viel Ungemach für mich und andre brächte. Drum wär, hätt ich es so gesagt, gefolgt, ich sei für Krieg, wenn Frieden je mehr Ungemach als Krieg für mich und andre brächte." Unverkennbar vom späten Bertolt Brecht, aber aus welchem Stück? Da dürften sich auch eifrige Theatergänger schwer tun.

1955, nachdem er die Nachricht von Albert Einsteins Tod erhalten hatte, plante Brecht ein Drama "Leben des Einstein", analog zu seinem großen Erfolgsstück "Leben des Galilei". Im Mittelpunkt sollte der Konflikt stehen, den Einstein selbst mit den Sätzen umschrieben hatte: "Meine Beteiligung bei der Atombombe bestand in einer einzigen Handlung: ich unterzeichnete einen Brief an Präsident Roosevelt, in dem

   Ernst Busch in der Rolle
   von Brechts Galilei

die Notwendigkeit betont wurde, Experimente im großen anzustellen zur Untersuchung der Herstellung einer Atombombe. Ich war mir der furchtbaren Gefahr wohl bewusst, die das Gelingen dieses Unternehmens für die Menschheit bedeutete. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass die Deutschen am selben Problem mit Aussicht auf Erfolg arbeiten dürften, hat ich zu diesem Schritt gezwungen. Es blieb mir nichts andere übrig, obwohl ich stets ein überzeugter Pazifist gewesen bin."

Das Thema stand bereits im Hintergrund des Galilei-Dramas: Eine Zeitungsnachricht, dass die Spaltung des Uran-Atoms gelungen sei, hatte Brecht die Idee eingegeben, den Begründer der modernen Physik auf die Bühne zu stellen. Das Problem, dass Wissenschaft – Originalton Einstein – "ein mächtiges Werkzeug" ist, auch ein "Werkzeug militärischer Massenvernichtung", war nicht zu ignorieren. Andererseits konnte Brecht, der sich mit Marx in den Traditionen der Aufklärung sah, der Hoffnung auf den Fortschritt nicht absagen. Wie die verschiedenen Fassungen des Stückes zeigen, hatte der Dichter Schwierigkeiten, mit dem Konflikt umzugehen. In der Version aus den 30er Jahren erstellt Galilei, dem die Inquisition Schweigen auferlegt hat, heimlich eine Abschrift seiner Forschungsergebnisse und lässt sie ins Ausland schaffen; in den 40ern und 50ern muss der Held eine quälerische Selbstanalyse demonstrieren. "Hätte ich widerstanden, hätten die Naturwissenschaftler etwas wie den hippokratischen Eid der Ärzte entwickeln können, das Gelöbnis, ihr Wissen einzig zum Wohle der Menschheit anzuwenden."

  Albert Einstein im Kollegenkreis (1935)

Die Frage, ob darin eine Lösung für die ethischen Probleme von Naturwissenschaftlern und Technikern liegen kann, hat seitdem ein beliebtes Thema gymnasialer Besinnungsaufsätze abgegeben. Den Marxisten Brecht, der damals, halb und halb skeptisch, seine Hoffnungen auf die Sowjetunion setzte, muss am Fall Einstein noch ein zweites Moment gereizt haben: Die USA, denen das "Werkzeug" ausgehändigt wurde, standen im Verdacht, sich in ihrer Weltpolitik auch nicht gerade von pazifistischen Motiven leiten zu lassen. 1964 hat Heiner Kipphardt die Diskussion fortgeführt. "In der Sache J. Robert Oppenheimer" rollt den Gewissenkonflikt des Titelhelden auf: "... ob wir Physiker unseren Regierungen nicht zuweilen eine zu große, eine zu ungeprüfte Loyalität gegeben haben, gegen unsere bessere Einsicht ... Wir haben die Arbeit des Teufels getan, und wir kehren nun zu unseren wirklichen Aufgaben zurück."

Merkwürdig, dass die Frage, was es mit den "besseren Einsichten" und "wirklichen Aufgaben" der Wissenschaft eigentlich auf sich hat, beiseite bleibt. Ludwig Wittgenstein stellte in seinem "Tractatus logico-philosophicus" die kühle These auf, "dass selbst, wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind". Ein Gefühl, das anscheinend weder Brecht noch Kipphardt gekommen ist. Einstein wird es bewusst gewesen sein. Er hatte einen

   Albert Einstein und Thomas Mann

klaren Blick für die Unvollkommenheit menschlicher Moralanstrengungen, als Praktiker der Wissenschaft wäre er auch kaum überrascht gewesen von dem, was in Kipphardts szenischem Bericht ein Mitarbeiter Oppenheimers ausspricht: dass brillante Ideen gar nicht an einzelnen Personen gebunden, sondern "organisierbar" geworden sind.

Also eine Kapitulation der Moral? Diese Folgerung hätte Einstein keineswegs eingeleuchtet, eher schon die groteske Radikalisierung, die Friedrich Dürrenmatt 1962 in seinen "Physikern" dem Problem der Verantwortung gegeben hat: Der geniale Wissenschaftler Möbius, der die Weltformel gefunden hat, sieht nur noch eine einzige Möglichkeit, sie vor der militärischen Nutzung zu sichern: Er setzt sich die Narrenkappe auf. Es gelingt ihm sogar, die beiden Agenten zu überzeugen, die ihn verfolgen: "Entweder wir bleiben im Irrenhaus, oder die Welt wird eines." Alles vergeblich, eine verrückte Irrenärztin hat die Manuskripte längst kopiert. Fazit: "Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden."

Anscheinend hat Bertolt Brecht in seinem "Einstein"-Fragment mit dem Gedanken gespielt, den entscheidenden dramatischen Konflikt nicht so sehr in der wissenschaftlichen Erkenntnis selbst als in deren Anwendung zu suchen: "Einstein sieht seine besten Schüler sich von der Frage des Warum zur Frage des Wie wenden", heißt es in einer Notiz. Der theoretische Kopf Einstein sollte mit der jüngeren

 Aus Einsteins Brief an Präsident 
 Roosevelt, 2- August 1939
 

Physikergeneration konfrontiert werden, die bereit war, die Bombe zu konstruieren, und die sich zugleich – der Notiz ist in Klammern das Wort "Quantenphysik" angefügt – in der Frage der Determination mit bloßer Wahrscheinlichkeit, mit Statistik, begnügen wollte. So jedenfalls musste die allerneueste Physik dem Dichter vorkommen, der gewohnt war, Natur in Kausalbegriffen zu denken.

Bekanntlich hatte der Physiker Einstein parallele Schwierigkeiten mit der Quantentheorie. "Gott würfelt nicht", kommentierte er unwirsch. Genau das hätte, ohne die theologische Begrifflichkeit, auch Brecht sagen können: Der Indeterminismus der neuen Mikrophysik schien den Geschichtsablauf in Frage zu stellen, das Kommen der klassenlosen Gesellschaft. Ob Brecht, wenn er nicht bereits gut ein Jahr nach dem Physiker gestorben wäre, all diese Probleme in eine logisch und künstlerisch schlüssige Form hätte bringen können?



Mehr im Internet:
Homepage des Einsteinjahres 
scienzz artikel Deutsche Literatur des 20. Jahrhunderts
scienzz artikel Kultur in der Literatur

 

 




Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied der Agentur scienzz communcation.

 

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