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23.03.2005 - WISSENSKÜNSTE
"Im Auge des Betrachters"
Wissenschaft und Kunst trafen sich im Hambuger Bahnhof
Sophie Bertone
 | | (c) Rineke Dijkstra, aus der
Strandserie | | | Bereits das dritte Mal veranstaltet das Zentrum für Literaturforschung Berlin (ZfL) die Reihe WissensKünste. Am letzten Freitag trafen sich die Künstlerin Rineke Dijkstra (Fotografie), der an der Universität Hertfordshire lehrende Psychologe Mike Page, die Medienwissenschaftlerin Inge Münz-Koenen, die Psychologin Mai Wegener, die Kuratorin von The Welcome Trust London Bergit Arends und Sabine Flach vom ZfL Berlin.
Ziel der Veranstaltungsreihe WissenKünste, die jährlich unter einem wechselnden Thema steht, ist es, die "Differenz der Blicke und Sprachen von Kunst und Wissenschaft produktiv" zu machen, d. h. künstlerische wie wissenschaftliche Kreativität aufeinander treffen zu lassen und im Austausch füreinander fruchtbar zu machen. Es ist der erfrischende Versuch, Kunst und Wissenschaft wieder als eine Einheit zu begreifen, so wie es bis zum Ende des 18. Jahrhunderts in der abendländischen Bildungsgeschichte Usus war. Kunst und Wissenschaft – beide leisten ihren Beitrag zur Analyse unserer Kultur und beide lernen, wie dieser Abend hoffnungsvoll zeigte, wieder miteinander zu sprechen, sich zuzuhören und im Verstehen beiderseitige Horizonte zu erweitern.
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Höhlenmalerei von Lascaux
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Das besondere Forschungs- interesse des Psychologen Mike Page gilt dem menschlichen Gedächtnis. Als Kognitions- biologe referierte er über ahistorische biologische Voraussetzungen und über die historisch gewachsenen kulturellen Grundlagen der Wahrnehmung von Schönheit. Seit der Steinzeit habe sich am Menschen wesenhaft, was die physische Anlage seines Gehirns wie auch andere Körperorgane betrifft, nichts verändert. Niemand wird ernsthaft bezweifeln wollen, dass wir uns heute in unserer Auffassung vom Schönen, nicht von der des Steinzeitmenschen unterscheiden, oder? Aber vielleicht sind die Unterschiede doch geringer als vermutet. Noch heute muten uns die Prozessionen mächtiger Bisonherden und wilder Pferde, die vor ca. 17.000 Jahren an die Wände der Höhlen von Lascaux gemalt wurden als wunderschön an und faszinieren uns.
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Uccello, Die Schlacht von San Romano (1452) |
Worin liegen also die Gemeinsamkeiten und nicht nur die Unterschiede in der Wahrnehmung vom Schönen bei diesen Höhlenmalereien und den Abbildungen prächtiger Prozessionen italienischer Renaissance etwa eines Paolo Uccellos (1397–1475) oder Giovanni Bellinis (1430 –1516)?
Heute haben wir mehr Welt im Kopf, die unsere Auffassung vom Schönen bestimmt. Trotzdem ist es oft schon einfache Symmetrie, die uns fesselt, weil ihre Harmonie Wohlgefühle in uns auslösen kann und weil sie uns anschaut, d. h. direkt Kontakt mit uns aufnimmt. Besonders Entdeckungen, resp. "Erfindungen" wie der Goldene Schnitt und die Zentralperspektive, bestimmen den Blick des Westeuropäers und beeinflussen sein ästhetisches Urteil.
Schönheit passiert im Kopf, ist zu großen Teilen kognitive Illusion. So sind es oft erst die sich einstellenden Aha-Effekte, die uns für das Kunstwerk einnehmen, wenn die physische Attraktion, Sensation und Überwältigung nicht überwiegen. Legen wir uns z. B. flach auf den Rücken unter den Eifelturm: Man fühlt sich zwar ausgeliefert, aber ist angstfrei erregt, wenn man sich der Ästhetik, dieser sich mächtig gebärdenden und doch so filigran wirkenden vielverstrebten Stahlträger, derart hingibt – Auge in Auge, der Symmetrie unterlegen.
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| Picassos Friedenstaube | Manchmal ist es das Pure, die Simplizität, einfachste Formen und Strukturen, die berauschen (wie z.B. bei Picassos Friedenstaube). Ein andermal ist es der zum Ausdruck gebrachte Symbolismus und das Konzept, die uns interessieren und als 'das Schöne' faszinieren. Dann stört es auch nicht, wenn Proportionen nicht stimmen und Symmetrie oder "goldene" Regeln, wie Schnitt oder Zentralperspektive, außer Acht gelassen werden. Wir sind ergriffen aufgrund der Geschichten, die uns das betrachtete Objekt erzählen kann.
Häufig wissen wir nicht, warum uns ein Objekt gefällt, das demonstriert ein von Page erläutertes Experiment recht anschaulich. Dafür hänge man in einen Laden für die Käuferschaft zwei identische Bademäntel (identisch auch im Preis) je an einen linken und einen rechten Haken. Man warte ab und befrage die Kunden nach ihrer Kaufentscheidung, warum sie sich, wie es sich nämlich in der Mehrzahl zutrug, für den rechten und nicht für den linken Bademantel entschieden hätten. Nachdem die meisten zunächst spontan antworteten, dass ihnen dieser wohl besser gefallen habe, rief man ihnen ins Gedächtnis, dass beide Produkte absolut identisch seien. Danach wusste keine der Versuchspersonen mehr, warum ihre Wahl ausgerechnet auf den rechten Bademantel gefallen war.
Last but not least scheinen Faktoren wie Reichtum, Macht und Status erheblichen Einfluss auf die Definition vom Schönen = Attraktiven zu haben. Denn was zum Teufel macht den kleinen, ältlichen Bernie Ecclestone so attraktiv? Immerhin, so möchte man meinen, habe sich seine große, schlanke und nun immer noch verdammt gut aussehende Frau mehrmals für ihn unters Schönheitsmesserchen gelegt.
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(c) Rineke Dijkstra, aus der Strandserie | Die Künstlerin Rineke Dijkstra zeigte anschließend Bilder aus ihren Fotoserien. Dabei konnte der Betrachter all das in Praxis rekapitulieren, was zuvor vom Wissenschaftler theoretisch dargelegt und en Detail auseinander genommen wurde. Eines ihrer Projekte führte Dijkstra an die Strände Hollands, Belgiens, Polens, Dubrovniks, der Ukraine, den USA und Afrikas. Die Portraits die hier entstanden zeigen ausschließlich Kinder und Jugendliche. Sie mochte es, diese Altersgruppe zu portraitieren, weil sie es noch nicht verlernt hätten, ihre Natürlichkeit vor der Kamera zu verbergen.
Dijkstra schärft den Sinn mit Bildern, die gerade nicht das gängige Körper- und Schönheitsideal bedienen. Das Objektiv ihrer Großformatkamera ist auf das Individuelle der Person gerichtet. Ihre Portraitfotos sind Momentaufnahmen, die eine bestimmte Körperhaltung, einen gewissen Blick, das Spiel der Hände – ob mit oder ohne Lack auf den Nägeln und Ringen an den Fingern–, den Ausdruck des Gesichts einfangen. Und all das sagt mehr über Situation, Herkunft und Charakter der abgelichteten Personen als hundert Worte.
Auf die Frage der Wissenschaftler, nach welchem Konzept die Künstlerin beim Fotografieren vorgehe, antwortete Dijkstra, sie habe keines. Sie wolle keine Typen vor klischeehaften Landschaften abbilden. Sie interessiere sich dafür, wie sich der Mensch in seinem ganz persönlichen Ausdruck verändert, wenn er z. B. für längere Zeit den Dienst an der Waffe ausübt, wenn er als Kind aus Bosnien nach Holland übersiedelt und dort groß wird, wenn er sich im Stierkampf der Todesgefahr ausgesetzt oder gerade neues Leben auf die Welt gebracht hat. Ihr Verfahren hätte sehr viel mit Intuition und wenig mit Konzeption zu tun.
Aber was ist Intuition? – so der Einwurf von Page. Friedrich Dürrenmatt schrieb einmal ketzerisch, unter Intuition verstünde man "die Fähigkeit gewisser Leute, die Situation in Sekundenschnelle falsch zu beurteilen". Ein falsches Urteil ist es nicht, eher ein kulturell bestimmtes. Die "Intuition" der Künstlerin offenbart gerade die kulturellen Konzepte, die ihr zugrunde liegen. Wir schauen alle durch eine Brille, die uns von der Kultur aufgesetzt wird, in der wir aufgewachsen sind und mit der wir leben – so selbstverständlich, dass es uns kaum bewusst wird.
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Tibetische Thangka-Malerei auf Leinwand: Tantrischer Yi-dam | Selbst wie wir durch die Brille hindurchschauen ist uns antrainiert. So sieht der Westeuropäer stets alle Dinge, die im Bildhintergrund verschwinden, kleiner als die, die sich im Vordergrund befinden. Das gehe auf die Erfindung der Zentralperspektive in der Renaissance zurück, so Münz-Koenen. Die Asiaten haben dagegen ein anderes Sehen gelernt. Das verlaufe genau umgekehrt, die Blickachse so zu sagen "pyramidal", wobei sich die Spitze "im Auge des Betrachters" befände. Das heißt, im Vordergrund ist alles kleiner und nach hinten hin wird das Abgebildete stets größer.
"Als Baby, sogar noch als kleines Mädchen war ich von einer irritierenden, extravaganten Schönheit. Kein einziges Merkmal in sich stimmig, und dennoch kam, alles
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Große Pilgerflasche, China, Vorbild: Qing-Dynastie | in allem, etwas Einnehmendes heraus. Eine Harmonie aus Versehen. Auch eine Unbeständigkeit, als gäbe es unter meinem sichtbaren Gesicht noch ein anderes, das sich seine eigenen Gedanken machte." Vielleicht trifft diese Formulierung von Jeffrey Eugenides ("Middlesex") eine Definition des Schönen: Eine Faszination die durch Dichotomien ausgelöst wird, aber nicht als solche empfunden werden. Eine Gleichzeitigkeit von Ent- und Anspannung, von Lust- und Unlustgefühlen, von extravaganter Abweichung und herrschender Norm...
Das verdeutlichte der Abend: Die Wissenschaft sucht nach Universalien, und je mehr sie danach sucht, entdeckt sie das Individuelle. Das müsse kein Widerspruch sein, so empfindet es jedenfalls Page. Der Austausch mit und die Rückbindung an die Kunst ist daher sinnvoll und nicht rein zufällig.
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