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01.04.2005 - DEUTSCHE GESCHICHTE
Politische Romantik und Dollargangstertum
Ein Sammelband aus der Humboldt-Universität zur Geschichtspolitik in Deutschland
von Josef Tutsch
 | | Erinnerungspunkte der Geschichte:
Bonn 1949 | | | Am 2. Juli 1966 war es im "Bayernkurier" zu lesen: Die deutsch-deutsche Auseinandersetzung von 1866 sei der letzte "sympathische Krieg" gewesen, zum letzen Mal hätten die Bayern Gelegenheit gehabt, auf die "Preißen" zu schießen ... Auch wenn man dem Artikel ein gehöriges Maß an Ironie unterstellen will: Die Wunden der Bismarckschen Politik waren hundert Jahre später noch nicht verheilt. Dagegen schrieb das "Neue Deutschland", Bismarcks Werk sei eine historische Notwendigkeit gewesen; wenige Jahre zuvor hatte eine andere Zeitung der SED den ersten Reichskanzler noch als "Wegbereiter Adenauers und der NATO-Imperialisten" beschimpft. Eine Ahnenreihe, die auch Kurt Georg Kiesinger aufstellte: Adenauer sei der "größte Staatsmann nach Bismarck" – man darf sicher sein, dass der Geehrte das eher missmutig vernommen hat. Dagegen stand im "Rheinischen Merkur" das Verdammungsurteil, Bismarcks Reich sei "politische Romantik, die nicht wiederkommen darf". Und der Historiker Golo Mann bezeichnete Königgrätz kurzweg als die "erste deutsche Teilung".
Die Beispiele finden sich in dem Sammelband, den der Berliner Historiker Heinrich August Winkler über die "Geschichte der Geschichtspolitik in Deutschland" zusammengestellt hat. "Alle Geschichte ist eine Geschichte von Kämpfen um die Deutung von Geschichte", formuliert Winkler frei nach Marx und Engels: "Je stärker eine Richtung ihre Sicht von Geschichte durchsetzt, desto näher kommt sie dem Zustand der kulturellen Hegemonie." "Richtung" klingt vielleicht zu sehr nach politischer Homogeneität – was etwa
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| Weimar 1919 |
Sebastian Schubert in seinem Beitrag über die 60er, 70 Jahre zusammengetragen hat, lässt nur den Schluss zu, dass damals in allen politischen Lagern das Woher und Wohin sehr gemischt aufgefasst wurde. Grotesk äußerte sich das, als Heinemann 1971 in seiner Gedenkrede zur Reichs- gründung von 1871 dem deutschen Fernsehpublikum verkündete, es bestehe kein Anlass zum Feiern: Der Bundespräsident saß vor dem pompösen Gemälde Anton von Werners zur Kaiserproklamation ...
Der Band gibt einen bunten Reigen solcher Erinnerungsszenarien, angefangen mit der Revolution von 1848. Hilmar Sack zeigt, wie damals 200 Jahre nach dem Westfälischen Frieden, der Dreißigjährige Krieg in den politischen Pamphleten immer wieder beschworen wurde, je nach aktuellen Interessen als Zerschlagung der politischen Einheit als Kampf für den eigenen Glauben und den politischen Fortschritt, als Menetekel des nationalen oder auch revolutionären Krieges. Andererseits gab die Erinnerung an 1848 ein Leitmotiv für das folgende Jahrhundert deutscher Geschichte. Bettina Effner analysiert die Kontroversen zwischen den verschiedenen liberalen Strömungen im Bismarck-Reich: Nationalliberalen, die sich zur "Realpolitik" des Kanzlers bekehrt hatten, und Linksliberalen, die bei ihrer Opposition bleiben wollten. Komplikation der Frontenstellung: Durch den "Kulturkampf" mit der katholischen Kirche wurde der gesamte deutsche Liberalismus in eine Gemeinsamkeit mit der preußischen Regierung gedrängt.
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| Versailles 1871 |
Die Schwierigkeiten, die der doppelte Bezug auf 1848 und 1871 gerade unter Linksliberalen auslöste, zeigen Robert Gerwarth und Daniel Bussenius in ihren Artikeln über die Weimarer Republik: In der Flaggenfrage votierte nur eine Minderheit der DDP gemeinsam mit Mehrheitssozialdemokraten und katholischem Zentrum für Schwarz-Rot-Gold. "Die Partei stand unter permanentem Rechtfertigungsdruck nach rechts", stellt Bussenius fest. Bekanntlich ist sie diesem Druck am Ende erlegen. Sebastian Ullrich macht wahrscheinlich, dass die CDU ihren Erfolg in den frühen Jahren der Bundesrepublik gerade ihrer offen proklamierten Wurzellosigkeit verdankte. Für das Scheitern der ersten deutschen Demokratie konnte sie nicht verantwortlich gemacht werden. Daran änderten auch die wütenden Ausfälle Kurt Schumachers (unter der Führung des "Dollargangsters" Adenauer hätte die CDU "das Bett gemacht, in dem die Reaktionäre der Harzburger Front bereits wieder kräftig schnarchen") nichts.
Bemerkenswert, wie "spartanisch" die werdende Bundesrepublik damals mit symbolischen Verweisen auf die Geschichte umgegangen ist. Claudia Roth weist darauf hin, dass es erst das Vorpreschen der SED in Ost-Berlin war ("Entrollen wir das Banner der deutschen Einheit über dem ganzen Vaterlande"), das den Parlamentarischen Rat bewog, in der Flaggenfrage eine Entscheidung zu treffen. Winkler fasst den Unterschied der beiden deutschen Staaten prägnant zusammen: "In der Bundesrepublik hatte sich eine Staatsnation entwickelt, der nichts fehlte als das offizielle Bewusstsein, eine zu sein. Der DDR hingegen fehlte zur Staatsnation alles außer dem Anspruch der Offiziellen, eine solche zu vertreten."
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| Frankfurt 1848 |
Sehr erhellend sind auch die Ausführungen von Jens Hacke über den Nationalsozialismus. "Geschichtsdeutung" ergab sich auch hier keineswegs von selbst. Einerseits sollten alle revolutionären Traditionen in der Nachfolge von 1789 getilgt werden, andererseits war das Ziel eine grundsätzliche, sozusagen ebenfalls revolutionäre Umkehrung der Verhältnisse. Inflationär wurde der Terminus "Revolution" erst nach der Machtergreifung verwendet – als die "nationalrevolutionären" Bewegungen, die der Partei den Weg mit bereitet hatte, bereits ausgeschaltet waren. Hitler hatte seinen Weg 1930 klar definiert: "Es kann nur eine Revolution geben, die Revolution der Rasse. Keine Wirtschaftsrevolution, keine politische Revolution, keine soziale Revolution."
Neu auf dem Büchermarkt: Griff nach der Deutungsmacht. Zur Geschichte der Geschichtspolitik in Deutschland. Herausgegeben von Heinrich August Winkler, Wallstein Verlag (ISBN 3-89244-710-1), 34,- Euro
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Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur. Mitglied der Agentur scienzz communcation.
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