06.06.2005 - TRAGÖDIENTHEORIE
Unser Vergnügen am Grausigen
Berliner Philologen bemühen sich um ein neues Verständnis des Aristoteles
von Josef Tutsch
 | | Immer noch aktuell:
Aristoteles' Tragödientheorie
| | | Ein griechischer Halbsatz nur, aber jedes der drei Hauptwörter ist in seiner Bedeutung umstritten und die grammatische Konstruktion erst recht: Bedeutet "eleos" Mitleid oder eher Jammer? Meint "phobos" Furcht oder Schrecken oder Schauder? Und was besagt eigentlich das Wort "katharsis", das vielleicht mit Reinigung oder Läuterung zu übersetzen wäre? Schließlich: wollte Aristoteles sagen, dass diese Affekte beim Zuschauer irgendwie geläutert werden? oder vielmehr – die griechische Grammatik würde beide Deutungen offen lassen - , dass der Zuschauer von diesen Affekten gereinigt, sozusagen befreit wird? Und wieso eigentlich das alles mit Hilfe dieser Affekte, wie es wenige Wörter zuvor heißt? Soll das ganze ein moralischer oder ästhetischer oder physiologischer Vorgang sein?
Zweieinhalb Jahrtausende lang haben sich Europas Philosophen und Literaturtheoretiker mit diesem einen Halbsatz der aristotelischen Tragödienlehre abgemüht. Jetzt wollen die Klassischen Philologen der Freien Universität Berlin einen neuen Anlauf nehmen. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft unterstützt das Projekt, das von Prof. Bernd Seidensticker geleitet wird, bis 2006 mit 378.000 Euro.
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Dionysos, Gott der Tragödie
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Ob es weiterhelfen würde, wenn wir neben jenem Satz über die Wirkung der Tragödie die parallele Darstellung zur Komödie lesen könnten? Seidensticker vermutet, dass Aristoteles auch hier eine Art von Katharsis angesetzt hat – alles weitere wäre jedoch pure Spekulation, die Komödienschrift ist verloren. "Durch Umberto Ecos Klosterroman ahnen wir immerhin, wo sie geblieben sein könnte", meint Seidensticker lächelnd.
Offenbar handelt es sich bei der aristotelischen "Poetik" um eine Art Gedankenabriss, den der Philosoph seiner Vorlesung zu Grunde legte; wie er seine Meinung mündlich erläutert haben könnte, vermögen wir nicht einmal zu ahnen. "Wenn wir der abendländischen Tradition gerecht werden wollen", meint ein Mitarbeiter des Projekts, der Gräzist und Germanist Martin Vöhler, "dann müssen wir bedenken, dass Corneille oder Lessing oder Goethe im Grunde ja keine Aristoteles-Exegese liefern wollten. Sie wollten vielmehr ihre eigene Konzeption vom Theater auf die Autorität des Aristoteles stützen. Oft mussten sie sich auch auf lateinische Übersetzungen beziehen."
So glaubte Lessing, die natürlichen Leidenschaften "Furcht und Mitleid" sollten durch die Tragödie in "Tugenden" verwandelt werden. Fast 200 Jahre später dachte der Altphilologe Wolfgang Schadewaldt ganz im Gegenteil daran, dass die schrecklichen Geschehnisse auf der Bühne beim Zuschauer Gänsehaut und feuchte Augen hervorrufen und er am Ende dennoch wohlig erfrischt nach Hause geht.
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Das Grausige im Mythos: Orestes und die Erinnyen
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Die Probleme sind auch heute noch ungelöst. "In letzter Zeit hat es eine Rückwendung zu Lessing gegeben", berichtet Seidensticker. "Man sieht wieder, dass die Katharsis eine intellektuelle und moralische Komponente haben muss, dass ein Theaterbesuch in der hochzivilisierten athenischen Gesellschaft nicht bloß mit medizinischen oder physiologischen Kategorien erfasst werden kann."
Offenbar hat Aristoteles den Katharsis-Terminus, der zuvor bereits in biologischem, medizinischem, psychologischem, religiösem und kultischem Kontext gebraucht wurde, auf den Theaterbesuch übertragen. Gemeint war in all diesen Zusammenhängen, dass ein Zustand, der in Unordnung geraten war, wieder in Ordnung gebracht werden sollte; wie Aristoteles seine Analogie konzipiert hat, ist aber noch weitgehend ungeklärt.
Außer mit Aristoteles selbst wollen sich die Forscher auch mit der neueren Interpretationsgeschichte befassen. Da lässt sich so mancher kaum bekannte Zusammenhang finden. Wer weiß schon, dass für Sigmund Freud und Josef Breuer, als sie Ende des 19. Jahrhunderts die Psychoanalyse ausarbeiteten, die Katharsis-Theorie im Hintergrund stand? Das Unbehagliche sollte aus der Seele entfernt werden, Freud berief sich auf seinen Schwiegervater, den Altphilologen Jacob Bernays, der im Widerspruch zu allen idealistischen Illusionen die Katharsis weder moralisch noch ästhetisch verstehen wollte, sondern schlicht medizinisch, als ein urtümliche Therapie. Bernays’ Spuren lassen sich auch beim frühen Nietzsche verfolgen, in der "Geburt der Tragödie" – Nietzsche spricht von einer "pathologischen Entladung".
Das andere Unterprojekt knüpft an Schillers Frage nach dem Grund unseres "Vergnügens an tragischen Gegenständen" an. Im Grunde, sagt die Germanistin Maria-Christin Wilm, erscheint Aristoteles uns heute viel aktueller als zur Zeit des deutschen Humanismus: Damals
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Humanistische Bändigung: Goethes "Iphigenie"
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hatte eine idealistische Theorie alles Hässliche aus der Kunst verbannt, das Vergnügen am Schrecklichen war eine Verlegenheit, "phobos" und "eleos" konnten eigentlich bloß als vorübergehende Phänomene in Frage kommen. Heute dagegen ist die Rede von den "nicht mehr schönen Künsten" beinahe ein Gemeinplatz.
Inzwischen hat sich auch herumgesprochen, dass bereits in der antiken Kunst das Grausige und Hässliche seinen Platz hatte und auch theoretisch reflektiert wurde. Eine von vielen Antworten auf Schillers Frage findet sich etwa in jenen berühmten Zeilen des Lukrez aus 1. Jahrhundert vor Christus: "Süß ist’s, anderer Not bei tobendem Kampfe der Winde auf hochwogigem Meer vom fernen Ufer zu schauen." Wie wenig die idealistische Sicht den Realitäten des klassischen Altertums entsprochen hat, scheint den führenden Theoretikern der Goethezeit durchaus bewusst gewesen zu sein. Vöhler verweist auf Wilhelm von Humboldt, der in einem Brief das Idealbild von der schönen Antike unumwunden als produktive Täuschung entlarvte.
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Moderne Katharsis: S. Freuds Couch
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Und wie steht es heute mit jener "politischen" Kontroverse zwischen Aristoteles und seinen Lehrer Platon? Platon wollte in seinem idealen Gemeinwesen nur "staatstragende" Kunst zulassen, Böses und Schlechtes sollte – Gefahr der Nachahmung! – gar nicht erst dargestellt werden. Aristoteles glaubte dagegen nicht an eine solche Gefahr, vielleicht erkannte er dem Katharsis-Phänomen eine Art Ventilfunktion zu. Die Frage ist so aktuell wie eh und je. Sind von den Gewaltexzessen im Fernsehprogramm, vor allem bei jugendlichen Zuschauern, ähnliche Wirkungen zu erwarten, wie sie der Kirchenvater Augustinus anlässlich eines Zirkusbesuchs in aller Drastik ausgemalt hat? " Sobald er das Blut sah, durchdrang ihn wilde Gier, konnte er sich nicht mehr abwenden. Er schaute, schrie, glühte und nahm seinen Wahnsinn mit nach Hause ..." Eine schlüssige Antwort haben die empirischen Wissenschaften darauf noch nicht gefunden.
Mehr im Internet: Antike Konzepte ästhetischer Erfahrung und ihre moderne Rezeption
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Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur. Mitglied von scienzz communcation.
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