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17. 06. 2004 - MEISTERKURS

"Keine Angst vor Gefühlen"

Als Zaungast bei Hochschullehrer Thomas Quasthoff

von Josef Tutsch

 
 

Prof. Thomas Quasthoff
Foto: Hübner

Thomas Quasthoff
* 1959 in Hildesheim, seit 1988 als Bassbariton im internationalen Musikgeschäft:
Lied, Oratorium und seit neuestem auch Oper,
Hochschullehrer in Detmold, ab Herbst 2004 in Berlin


Selbstaussage: "einer der ganz frühen Contergan-Fälle,
1.34 Meter groß, kurze Arme, sieben Finger - vier rechts, drei links -, großer, relativ wohl geformter Kopf, braune Augen, ausgeprägte Lippen"



„Nun legen Sie doch Ihr Oratoriengesicht ab“, meint Thomas Quasthoff. Unterdrücktes Lachen im Publikum, der Student schaut verwirrt: Soll der Bassist in Bachs Matthäus-Passion etwa fröhlich dreinschauen? „Was singt der Bass denn da: ‚Der Friedenschluss ist nun mit Gott gemacht, denn Jesus hat sein Kreuz vollbracht.’ Das ist eine frohe Nachricht!“ Nachdenkliche Gesichter: Da hat man Jahr für Jahr in der Karwoche diese Verse singen gehört und den Sinn der Worte ganz einfach nicht zur Kenntnis genommen.

Genau hinhören: Das ist es, was Quasthoff den jungen Sängern in seinem Meisterkurs nahe bringen will. Anderer Student, anderes Programm: Carl Loewe, „Odins Meeresritt“, eine Schauergeschichte aus der nordischen Mythologie. „Die Atmosphäre ist mysteriös. Finden Sie, dass Sie so singen?“ Oder, wiederum mit einem anderen Studenten, Schumanns „Belsazar“. „Sie singen wirklich schön, aber die Stimmung in dem Gedicht ist schaurig, Sie singen zu schön. Und wenn der König dann anfängt zu lästern – Sie lästern viel zu nett!“

Bloß schön zu singen, reicht eben nicht. Jedenfalls reicht es Thomas Quasthoff nicht und auch nicht dem Publikum, das er sich vorstellt. „Dieser Belsazar hat etwas von Edgar Wallace, Sie müssen das den Zuhörern bin in die 15. Reihe nahe bringen. Stellen Sie sich doch vor, dass Sie die Gruselstory einem Elfjährigen erzählen.“ Keine Angst vor Gefühlen, sagt Quasthoff wieder und wieder. Da liegt wohl ein Manko des heutigen Sängernachwuchses – immer weniger Mut zum emotionalen Ausdruck, zuviel „coolness“. Quasthoff macht deutlich, dass er dann schon lieber eine kleine technische Unvollkommenheit, einen angeknacksten Ton in Kauf nehmen würde.

Nicht dass Äußerlichkeiten für Quasthoff gar keine Rolle spielen würden. Etwa die „H-Singerei“, wie er das ausdrückt: „Ich weiß gar nicht, warum einige prominente Kollegen immer singen ‚Ich will Je-hesum se-helbst begra-haben’.“ Grinsen beim Publikum: So etwas kennt jeder. Was Quasthoff über andere „Kollegen“ zu sagen hat, die im Fernsehen mit effektbeladenen „Klassik-Interpretationen“ Furore machen, bekommen wir diesmal aber nicht zu hören - die Studenten sind alle eher ein wenig zu „cool“. Das umgekehrte Problem – soviel „Edgar Wallace“, dass Belsazar und Schumann und Heine darin ertrinken – spielt in dieser Lehrstunde keine Rolle.

„Ich bin ein Bauchmensch“, sagt Quasthoff über sich selbst und warnt seine Studenten: „Wenn Sänger anfangen zu denken ...“ Aber es handelt sich eben um einen sehr intelligenten „Bauchmenschen“. Übrigens auch einen sehr lebhaften, geradezu quirligen, und man kann sich vorstellen, wenn er beim Vortrag seine Gestik zurücknimmt, dass alle innere Bewegtheit in Stimme umgewandelt wird. In einem solchen Kurs dürfen die Anregungen für die Studenten aber durchaus etwas deutlicher ausfallen, beinahe handgreiflich. Brahms, „Von ewiger Liebe“. „Im Publikum sitzt doch sicherlich jemand, den Sie ein bisschen mögen“, fragt Quasthoff die Sängerin, „holen Sie ihn auf der Bühne, und dann singen Sie so, wie sie sonst mit ihm reden würden. Hören Sie einfach auf Ihr Herz.“ Demnächst wird sie das vermutlich auch können, wenn sie ganz allein dort oben steht.

 


Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied der Agentur scienzz communcation.

 

 

 

 

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