| |
09.05.2005 - KLASSIK
"Das Materielle durch Ideen beherrschen"
Friedrich Schiller und seine moralische Anstalt -
zum 200. Todestag des Dichters
von Josef Tutsch
 | | Friedrich Schiller
10. November 1759 - 9. Mai 1805 | | |  "Das Theater glich einem Irrenhaus", berichtet ein Augenzeuge, "rollende Augen, geballte Fäuste, stampfende Füße, heisere Aufschreie im Zuschauerraum". Auf der Bühne wird es nicht viel gemäßigter zugegangen sein, Schillers Text wimmelt von Regieanweisungen wie "schäumend auf die Erde stampfend" und "rennt wild gegen die Wand". Was Wunder, zu Freunden soll der Autor, als er an den "Räubern" schrieb, gesagt haben: "Wir wollen ein Buch machen, das durch den Henker absolut verbrannt werden muss!"
Zwei Jahrzehnte später war Schiller Hofmann – und "höflich" geworden. Das letzte Drama, der "Wilhelm Tell", sollte nur noch "die Bühnen von Deutschland erschüttern". Bescheidenheit? Eher eine kühle Kalkulation der Mittel. Der Dichter war sich seiner Sprachgewalt bewusst geworden – was ihn nicht davon abhielt, gelegentlich zu opernhaften, ja filmischen Effekten zu greifen: "Der Himmel ist von einem rosigen Schein beleuchtet", das Schlusstableau der "Jungfrau von Orleans".
 |
"Die Räuber" 1926 in Berlin, unter Piscator
|
Heinrich Mann hatte schon Recht, als er seinen Gymnasiasten im "Professor Unrat" von der "wenig bedenklichen Natur des Künstlers" schreiben ließ. Im Alter von 21 beschloss Schiller seine medizinische Ausbildung mit einem "Versuch über den Zusammenhang der tierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen" – und lieferte seinem "durchlauchtigsten Herzog" "untertänigst-gehorsam" eine Szenenanalyse aus den "Räubern": "Der von Freveln schwer gedrückte Moor, der sonst spitzfindig genug war, die Empfindungen der Menschlichkeit durch Skelettisierung der Begriffe in nichts aufzulösen, springt bleich, atemlos, den kalten Schweiß auf seiner Stirne, aus einem schrecklichen Traum auf."
Da ist sie, die "Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet". Der ältere Kollege Goethe witterte darin etwas "Gewaltsames" – die "übergroße Anstrengung", mit der Schiller arbeitete, die Reflexion, mit der dieser seine Effekte sprachlich und szenisch kalkulierte, war ihm, wie er gelegentlich eingestand, "ein Greuel". Bis in Goethes späteste Gespräche ist im höchsten Respekt auch ein Quentchen Unwillen zu spüren: Es sei "betrübend, wenn man sieht, wie ein so außerordentlich begabter Mensch sich mit philosophischen Denkweisen herumquälte, die ihm nichts helfen konnten".
 |
Adele Sandrock als Maria Stuart, um 1895
|
Thomas Mann hat Schillers zwiespältige Empfindungen in dieser Konkurrenz einfühlend nachgezeichnet, den "Stachel dieses unvermeidlichen Gedankens an ihn, den anderen, den er mit einer sehnsüchtigen Feindschaft liebte ..." Ohne das Phänomen Goethe hätte Schillers wohl auch sein theoretisches System anders konzipieren müssen: Der "griechische Geist, in diese nordische Schöpfung geworfen", zwang ihn, das Gegeneinander von naiv und sentimentalisch weniger als historische Abfolge (griechisch-modern) denn als Nebeneinander von immer und allezeit möglichen Typen aufzufassen.
Schwiegertochter Ottilie erlaubte sich Goethe gegenüber einmal das Eingeständnis, Schiller langweile sie. Da wurde der alte Herr aber doch sehr unwirsch: "Ihr seid viel zu armselig und irdisch für ihn!" "Zum Höchsten hat er sich empor geschwungen", dichtete Goethe im Epilog zu Schillers "Glocke". Dass gerade in diesem überlangen "Lied" von der segensreichen Ordnung des bürgerlichen Lebens (nicht nur dort) so mancher Vers sich auch sehr komisch lesen lässt, ist bereits den Zeitgenossen aufgefallen: "Und drinnen waltet die züchtige Hausfrau, die Muter der Kinder, und herrschet weise im häuslichen Kreise ..." Nun ja, auch an Schiller erfüllte sich das Moralistenwort, dass vom Erhabenen zum Lächerlichen nicht mehr ist als nur ein Schritt.
Das Erhabene, das war Schillers Sphäre. Und eine Diskrepanz zum Publikum war in seinem Begriff von "sentimentalischer" Dichtung bereits mitgedacht. "Unser Gefühl für Natur" – Schiller meinte sich selbst, im Gegensatz zum "naiven" Dichterkollegen Goethe - gleicht der Empfindung des Kranken für die Gesundheit". "Alle jene Blüten sind gefallen ...", klagt das frühe philosophische Gedicht über die Götter Griechenlands.
 |
"Wilhelm Tell" als Oper, von Gioacchino Rossini
|
An eine Rückkehr in den Naturzustand oder in die Antike konnte er im Ernst aber doch nicht glauben, auch nicht an eine revolutionäre Änderung in der Zukunft. "Wenn sich die Völker selbst befrein, da kann die Wohlfahrt nicht gedeihn", heißt es, für unsere Ohren befremdlich, in der "Glocke". Dem Fortschrittsoptimismus seiner Zeit setzte er eine skeptische Analyse der Unkosten entgegen, manche Passagen in den ästhetischen Schriften lesen sich wie eine "Dialektik der Aufklärung".
Aber war der junge Stürmer und Dränger nicht doch ein Revolutionär? Versuchen wir, uns der Wirkung des theatralischen Genies für einen Augenblick zu entziehen: Kühle Reflexion zeigt, dass die Ordnung, der sich der Räuberhauptmann Karl Moor am Ende unterwirft, um keinen Deut besser ist als jene, gegen die er fünf Akte zuvor rebelliert hat. Und Posas Forderung nach Gedankenfreiheit im "Don Carlos" verliert sich in der Familienintrige. Ist womöglich auch der "Wilhelm Tell" zwei Jahrzehnte später ein Märchen?
"Die Kraft, womit das niederländische Volk handelte, ist auch uns nicht versagt, wenn die Zeitläufte wiederkehren und ähnliche Anlässe uns zu ähnlichen Taten rufen", schrieb der Historiker Schiller. In der Druckfassung wurde dieser Satz gestrichen. Da mag Rücksicht auf die Zensur eine Rolle gespielt haben; aber vielleicht fühlte der Geschichtsschreiber selbst sich nicht ganz sattelfest, wenn er politisch werden wollte. Er setzte auch nicht viel Zuversicht in das politische Talent seiner Landsleute, und zwar aus einer subtilen Art von Patriotismus: "Zur Nation euch zu bilden, ihr hofft es, Deutsche, vergebens; bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus", schrieb er gemeinsam mit Goethe.
 |
| Wallenstein im Gemälde, Karl Theodor von Piloty |
Dass diese Spaltung von Humanität und Nationalität sich dann ganz anders auswirken würde, hat Schiller nicht geahnt. Was wäre ihm wohl zu den Worten eingefallen, mit denen Wilhelm Raabe 1859 ihn zum hundertsten Geburtstag auf den "Schild" hob? "Um einen Führer scharen sich die Stämme, die Schranken fallen ein, zerbrochen sind die Dämme ..." "Der Freiheit Sänger" nannte ihn Raabe. Das Etikett bestimmt bis heute unser Schillerbild – und macht es vieldeutig. "Dass derjenige noch nicht reif ist zur bürgerlichen Freiheit, dem noch so vieles zur menschlichen fehlt", kommentierte Schiller die Französische Revolution.
Schillers Größe, wenn man das so konservativ benennen darf, liegt in der Kraft, diese Spannung auszuhalten: zwischen einem unbarmherzigen Realismus einerseits, dem utopischen Prinzip andererseits, und das gelegentlich eben auch auf Kosten konsequenter Terminologie und Argumentation. Es ist paradox, dass andererseits gerade die "fiktionalen" Texte, die Dramen und die Gedichte, für die Nachwelt zum Fundus eindeutiger und abrufbarer Lebensanweisungen geworden sind: "Drum prüfe, wer sich ewig bindet ...", "Die Axt im Haus erspart den Zimmermann ...", "Gehorsam ist des Weibes Pflicht auf Erden ..." usw. usf.
Dass die zitierten Bruchstücke dann als bare Autorität genommen werden, ohne Kritik und ohne Rücksicht auf den poetischen Zusammenhang (etwa das berühmte oder eher berüchtigte "Mehrheit ist der Unsinn, Verstand ist stets bei wenigen nur gewesen" aus dem "Demetrius") – ja, das ist wohl das Schicksal von Texten, die zu einer Art von heiliger Schrift erklärt werden. "Heilig" hat sich dieser Dichter aber zweifellos nicht verstanden. Die Vorrede zur "Braut von Messina" lässt keinen Zweifel, wie die "moralische Anstalt" Theater eigentlich wirken sollte: "die sinnliche Welt in ein freies Werk unseres Geistes verwandeln und das Materielle durch Ideen beherrschen".
Schillers Leben und Werk
 |
Die "Dioskuren" Goethe und Schiller, vor dem Weimarer Nationaltheater |
1759 am 10. November in Marbach am Neckar geboren 1780 "Räuber" 1782 "Fiesko" 1783 "Kabale und Liebe" 1787 "Don Carlos" 1788-1795 philosophische Gedichte, historische und philosophische Schriften 1794 das "Bündnis" mit Goethe 1795 "Über naive und sentimentalische Dichtung" 1798/99 "Wallenstein" 1800 "Lied von der Glocke", "Maria Stuart" 1801 "Jungfrau von Orleans" 1803 "Braut von Messina" 1804 Wilhelm Tell" 1805 am 9. Mai in Weimar gestorben
 |
Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur. Mitglied der Agentur scienzz communcation.
|
|
|