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04.05.2005 - KOLONIALZEIT

Erzieher der Eingeborenen und Kämpfer gegen die gelbe Gefahr

Ein Sammelband zur Kulturgeschichte der Kolonialzeit

von Josef Tutsch

 
 

Hagenbecks Völkerschau, 1886

Ein beleibter Buddha blickt hinunter auf eine brennende Stadtlandschaft, am Horizont verdichten sich Rauchschwaden in Form eines Drachens. Auf einem Felsen links steht unter dem Zeichen des Kreuzes kampfbereit eine Schar von Heroinen, versehen mit den Wappen europäischer Großmächte, an ihrer Spitze der Erzengel Michael.

Europas Kampf gegen die "gelbe Gefahr": Entworfen hat diese Zeichnung – Kaiser Wilhelm II. höchstpersönlich. Die Federlithographie, die ein Kasseler Kunstprofessor nach der Skizze anfertigte, wurde an ausländische Fürsten und Staatsmänner verteilt und in deutschen Amtsstuben aufgehängt. Der Berliner Sinologe Weijian Liu erzählt die Geschichte in dem neuen Sammelband zur "Kulturgeschichte des Fremden in der Kolonialzeit". Der deutschen Kolonialzeit, ist gemeint: mehr als ein halbes Hundert Mosaiksteine von 1869 bis 1918.

 Kampf gegen die gelbe Gefahr, Federlitho-
 graphie nach einer Skizze von Wilhelm II.
Auf den Versuche, daraus ein Gesamtbild zu erstellen, haben die Forscher klug verzichtet. Die beiden Herausgeber, die Literaturwissenschaftler Alexander Honold und Klaus R. Scherpe, geben jedoch in ihrer Einleitung ein paar Hinweise. Wichtig scheint vor allem, dass der Umgang mit "Fremdheit" im Deutschen Reich Bismarcks und der beiden Kaiser Wilhelm andere Formen annehmen musste als in Österreich, das seit 1866 ausgegrenzt war, und erst recht andere als in der Schweiz.

Zweifellos sah man in Berlin eine vordringliche Aufgabe darin, dem jungen Kaiserreich seine "Identität" über eine gehörige Tradition zu verpassen. Honold und Scherpe: "Repräsentative oder symbolträchtige Bauten wurden buchstäblich mit Geschichte ausstaffiert, die Historie beliebte im schwarz-weiß-roten Triumph der Versailler Kaiserproklamation zu enden." Für die eigene Mitte fand das "Reich" eine noch viel überraschendere Lösung: Fragmente archaischer Kulturen wurden im Museum, nämlich auf der Berliner Museumsinsel, neu arrangiert, eine "kulturell drapierte Kulturlosigkeit", wie die Herausgeber das nennen.

Ausgrabungen am Burgberg von Pergamon
Schade, dass diese Problematik in den folgenden Beiträgen kaum weiter ausgeführt wird. Immerhin findet sich einiges über das Selbstbewusstsein, mit dem die Deutschen am Ende dieses "gebildeten" Jahrhunderts an die großen Ausgrabungskampagnen in Griechenland und Kleinasien gingen (mit einer unterhaltsam zu lesenden Schilderung von Manuel Köppen, unter welchen Finessen der Pergamonaltar auf die Berliner Museumsinsel gelangt ist und mit welchem Mummenschanz er dort aufgestellt wurde). "Nächst den Griechen hat kein Volk der Erde das, was es an Kraft besitzt, so zu einem Gemeingut de Menschheit gemacht, wie die Deutschen", argumentierte der Archäologe Ernst Curtius und folgerte: um so bedauerlicher, dass sie sich erst jetzt daran machten, Kolonien in Übersee zu erwerben ...

Ein Großteil der Artikel befasst sich mit diesen kolonialen Bemühungen in Afrika, Südsee und Fernost. Da ist manches zu lesen, was auch mehr als ein Jahrhundert später noch erschrecken lässt. Stephan Besser beschreibt, wie populärwissenschaftlich über das Krankheitsbild des "Tropenkollers" diskutiert wurde: Man suchte eine Erklärung für die Brutalitäten, die sich Repräsentanten Deutschlands in der

"Zivilisation" vermutlich nicht erlaubt hätten. Sven Werkmeister zeigt auf, wie unentwirrbar wohlmeinende Absichten in die koloniale Praxis eingegangen sind: "Wie die Eltern ihre Kinder, so hat das Mutterland die Eingeborenen zu erziehen", stellte ein Pfarrer fest. Nana Badenberg analysiert ein Kartenspiel, das bei der deutschen Jugend Interesse an den Kolonien wecken sollte: "John Prisso", heißt es auf einer der Karten, "wird wegen Aufwiegelung der Stammesgenossen zum Aufruhr gegen die Deutschen zum Tode verurteilt, später jedoch zur Verbannung und Zahlung einer Strafe von 10 Marken begnadigt."

"Ein liebliches Blondköpfchen versucht einen am Boden kauernden, freundlich grinsenden Schwarzen vergeblich weiß zu waschen": Diese Szene wurde 1894 im Leipziger Zoo inszeniert: "10 Männer, 8 Weiber und mehrer Kinder jenes Stammes, der sich am bildungsfähigsten erwiesen hatte", wurden zwei Monate lang auf einer
Ikone des deutschen Kolonialismus:
Carl Peters
"Völkerwiese" zur Schau gestellt. Badenberg hat das Motiv bis in die Äsopischen Fabeln und ins Alte Testament zurückverfolgt. Besser macht darauf aufmerksam, dass solche Schauspiele erst im Lauf des 19. Jahrhunderts populär geworden sind, wohl im Zusammenhang mit der Rezeption von Darwins Entwicklungstheorie. Als 1837 in Basel eine südamerikanische Indianerin in der Menagerie präsentiert wurde, empfanden die Zeitgenossen das als skandalös.

Merkwürdig, mit welchem Gleichmut 1898 das christlich geprägte Publikum in Deutschland die Bilder von Wilhelm II. in Jerusalem aufnahm. Es war "politische Theologie" in hervorragendem Wortsinn: Zwar saß der Kaiser zu Pferd und nicht auf einem Esel (die Kaiserin im vierspännigen Galawagen), aber ansonsten war die Szene dem Bericht der Evangelien vom messianischen Einzug Jesu nachgebildet. Die Menschen, die "das Kaiserpaar  mit unaufhörlichem Jubelgeschrei" begrüßten, winkten mit Palmwedeln ...  Da wirkt beinahe schon beruhigend, dass dieser "letzte Kreuzritter" (so die launige Überschrift von Honolds Artikel) sich in den aktuellen politischen und diplomatischen Wirren verhedderte: Anscheinend spielte der Kaiser mit dem Gedanken, für die europäischen Juden in Palästina die Schutzherrschaft zu übernehmen, wurde aber von seinem Außenminister wieder auf Distanz gebracht.

Ein zwiespältiges Kapitel der Wissenschaftsgeschichte schlägt Thomas Schwarz auf: Der Freiburger Mediziner Eugen Fischer konnte in
   Wilhelm II. beim Einzug in Jerusalem
Südwestafrika erstmals nachweisen, dass die Mendelschen Vererbungsregeln auch beim Menschen gelten. Wenn Fischer ein Vierteljahrhundert später zur "wissenschaftlichen" Kapazität der nationalsozialistischen Rassenpolitik wurde, verdankte er das wohl nicht eigentlich seinen Forschungsarbeiten. Schwarz: "Obwohl sich im empirischen Teils seiner Studie keinerlei entsprechende Belege finden, behauptet Fischer mit Nachdruck die Schädlichkeit von Rassemischungen."

Natürlich ist der Umgang mit "Fremdheit" in der Zeit um 1900 keineswegs ausschließlich als Vorgeschichte des Nationalsozialismus zu lesen. Honold bringt ein hoch instruktives Beispiel, den österreichischen Architekten Adolf
 Adolf Loos (von Oskar Kokoschka)
Loos. Ornamentik, behauptete dieser frühe Vertreter der Moderne, sei ein Zeichen der Zurückgebliebenheit. Wenn "der erste Künstler, um seine Überschüssigkeiten los zu werden", ein Ornament "an die Wand schmierte", mag das also vertretbar gewesen sein, in der heutigen Kultur sei es das nicht mehr. Kurzum: "Ornamentlosigkeit ist ein Zeichen geistiger Kraft", so Loos. Honolds Kommentar: "Die Nähe zum pathologischen Onanie-Diskurs ist unverkennbar."






Neu auf dem Büchermarkt:

Mit Deutschland um die Welt. Eine Kulturgeschichte des Fremden in der Kolonialzeit, herausgegeben von Alexander Honold und Klaus R. Scherpe, Verlag J. B. Metzler (ISBN 3-476-02045-2) 2004, 59,95 €

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scienzz artikel Kolonialismus

 




Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied der Agentur scienzz communcation.


 

 

 


 

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