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kultur

10.06.2011 - RELIGIONSGESCHICHTE

Von der jüdischen Sekte zur Weltreligion

Rund um das Pfingstfest - aus der Urgeschichte des Christentums

von Josef Tutsch

 
 

Pfingsten, Emil Nolde, 1909 (Neue Na-
tionalgal. Berlin) - Bild: Mitman/msu

Es muss alles sehr schnell geschehen sein. Jesus starb wahrscheinlich Anfang der 30er Jahre. Als sich Paulus spätestens im Jahr 35, vielleicht schon 32, bekehrte, fand er bereits heidenchristliche Gemeinden vor. In den wenigen Monaten oder Jahren zwischen diesen beiden Daten war das Christentum, das doch als Sekte innerhalb des Judentums begonnen hatte, aus seiner "Mutterreligion" herausgewachsen. Der Weg zur Weltreligion war beschritten.

In den 90er Jahren zeichnete der Verfasser der Apostelgeschichte diese Ereignisse nach, und im Mittelpunkt seiner Darstellung steht Pfingsten, neben Weihnachten und Ostern heute das dritte große Fest im kirchlichen Kalender. Zu der Frage, wie genau die Entstehung des Christentums in diesen ersten Jahren unmittelbar nach Jesu Tod abgelaufen ist, müssen die Historiker jedoch passen. Die Quellen lassen uns weitgehend im Stich. Zwar steht die Apostelgeschichte literarisch in der Tradition antiker Geschichtsschreibung; aber ihr Verfasser war von den Ereignissen schon weit entfernt. Schwer zu sagen, inwieweit er auf ältere, historisch verlässliche Quellen zurückgreifen konnte. Andererseits sind die Briefe des Apostels Paulus, entstanden in den 50er Jahren, den Ereignissen zeitlich noch recht nah; aber Paulus schrieb als Theologe und nicht als Historiker; nichts lag ihm ferner, als unsere Neugier nach Daten und Fakten zu befriedigen.

So muss die Frage, welches historische Geschehen dem Pfingstfest zugrunde liegt, offen bleiben. Wie auch immer – die Apostelgeschichte hat den Ursprung der christlichen Mission in ein dramatisches Bild gefasst: "Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen zerteilt, wie von Feuer ..." In einem Wunder wurde die babylonische Sprachverwirrung sozusagen aufgehoben, indem die Jünger begannen, "in anderen Sprachen zu predigen, wie der Geist es ihnen eingab" – die Voraussetzung, um den Auftrag Christi zu erfüllen: "Ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem, in ganz Judäa und Samaria und bis an die Grenzen der Erde". Der Anfang war gemacht. "An diesem Tag kamen an die dreitausend Seelen hinzu."

Bereits in dieser Jerusalemer Urgemeinde gab es zwei deutlich unterschiedene Gruppen, Juden mit aramäischer und Juden mit griechischer Sprache und Kultur. Wie die Apostelgeschichte berichtet, wandte sich die Mission bald nach Pfingsten an die Samariter, also eine Gruppe am Rande des Judentums, dann an Heiden, die als "Gottesfürchtige" der Synagoge immerhin nahe standen. Ein Schritt, der für die Jünger Jesu keineswegs selbstverständlich gewesen sein kann. Im Matthäusevangelium ist ein Jesuswort überliefert, das hierzu in merkwürdigem Gegensatz steht: "Nehmet nicht den Weg zu den Heiden und zieht in keine Stadt der Samariter, sondern geht zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel." Nur auf besondere göttliche Offenbarung konnte Petrus sich dazu durchringen, den römischen Hauptmann Cornelius zu taufen.

Und dann wird beinahe beiläufig erzählt, dass das Evangelium in Antiochia auch den "Griechen" – gemeint sind offenbar Heiden ohne besondere Nähe zum Judentum – gepredigt wurde. Als Paulus, der zuvor im Auftrag des jüdischen Hohen Rates die Verfolgung der "Sekte" betrieben hatte, sich bekehrte, war die Heidenmission bereits in vollem Gang. Ob die Entwicklung wirklich derart schematisch abgelaufen ist, wie die Apostelgeschichte sie darstellt, entzieht sich unserer Kenntnis. Der Theologe Francois Vouga von der Kirchlichen Hochschule Bethel hat die These vertreten, die Mission unter den Heiden könnte unabhängig von der Jerusalemer Urgemeinde gleich nach Jesu Tod eingesetzt haben. Pilger aus der Diaspora seien zum Passahfest nach Jerusalem gekommen, hätten dort Jesu Predigt in den letzten Tagen vor seinem Tod gehört und nach ihrer Heimkehr das Christentum verbreitet – auch an Nichtjuden.

Pfingsten, El Greco, um
1610 (Prado, Madrid)
Bild: Wikipedia
Das alles muss spekulativ bleiben. Unvermeidlich gab es heftige Diskussionen, wie die "Heidenchristen" sich zum jüdischen Ritualgesetz zu verhalten hätten. Konnte man ihnen die Einhaltung der Speisevorschriften und womöglich auch die Beschneidung abverlangen? Um 48 nach Christus, auf dem sogenannten "Apostelkonzil", scheint sich Paulus mit den Häuptern der Urgemeinde darauf geeinigt zu haben, den ehemaligen Heiden dürften keine jüdischen Vorschriften auferlegt werden, entsprechend seiner Position, die er im Galaterbrief bündig zusammenfasste: "Wir werden durch den Glauben an Christus gerecht und nicht durch die Werke des Gesetzes." Aber damit war die Frage des Zusammenlebens in einer gemischten Gemeinde nicht gelöst. Judenchristen, die dem mosaischen Gesetz treu bleiben wollten, befürchteten durch die Mahlgemeinschaft eine kultische Verunreinigung. Die Apostelgeschichte ein halbes Jahrhundert später gibt im sogenannten "Aposteldekret" wider, was sich in vielen Gemeinden als praktischer Kompromiss herausbildete: "Enthaltet euch von Götzenopferfleisch, vom Genuss von Blut und Ersticktem und von Unzucht."

amit war der Prozess der Lösung vom Judentum formell abgeschlossen. Das Alte Testament galt weiterhin als Heilige Schrift, wurde aber in seinen kultischen Vorschriften nicht mehr beachtet. Wie schmerzhaft dieser Prozess gewesen sein muss, lässt die Pfingstpredigt des Petrus ahnen, die natürlich kein Redeprotokoll ist, sondern vom Verfasser der Apostelgeschichte frei gestaltet wurde, wie es damals in der Geschichtsschreibung allgemein üblich war: "So wisse nun das ganze Volk Israel, dass Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zum Herrn und Christus gemacht hat." "Den ihr gekreuzigt habt ..." Binnen weniger Jahrzehnte war es in der christlichen Kirche selbstverständlich geworden, sich dem auserwählten Volk Israel, das den ihm verheißenen Messias nicht erkannt hatte, als das neue Gottesvolk entgegen zu stellen. 

Abgrenzung nach außen, Harmonie im Innern. "Sie waren täglich im Tempel einmütig beieinander", heißt es in der Apostelgeschichte weiter, "die Menge der Gläubigen war ein Herz und eine Seele." Man kann fragen, ob dieses Bild nicht mehr ein Ideal war als historische Wirklichkeit. Wenige Sätze darauf folgt ja ein Vermerk, dass es dennoch zu Spannungen kam. Anscheinend fühlten sich die "Griechen" – also die griechisch sprechenden Gemeindeangehörigen – gegenüber den "Hebräern" bei der Almosenverteilung benachteiligt. Aber wahrscheinlich spielten daneben auch theologische Differenzen hinein: Die "Griechen" nahmen zum jüdischen Ritualgesetz vielleicht eine distanziertere Haltung ein, interpretierten es sozusagen "liberaler" als andere Judenchristen – eine Position, die den Weg zur Heidenmission ebnete.

Es scheint tatsächlich so gewesen zu sein, dass viele Gemeindemitglieder in Erwartung der nahe bevorstehenden Wiederkunft Christi zum Weltgericht alle irdischen Belange zurückstellten und ihre Erwerbstätigkeit aufgaben, ihre Äcker und Häuser verkauften und den Erlös den Aposteln zur Verteilung an die Armen zu Füßen legten. "Kein einziger sagte, dass seine Güter noch sein Eigentum wären, sondern es gehörte ihnen alles gemeinsam." Dieser Satz hat eine Fülle von Spekulationen über einen "urchristlichen Kommunismus" hervorgerufen und auch Experimente, einen solchen Kommunismus in der modernen Welt wiederaufleben zu lassen. Auf Dauer war diese Struktur allerdings nicht lebensfähig. Paulus musste auf seinen Missionsreisen immer wieder Kollekten veranstalten, um "die Heiligen" in Jerusalem materiell zu unterstützen.

Das vielleicht rätselhafteste Moment in der Geschichte des Urchristentums ist aber jene Feier, mit der die Gestalt des Erlösers im Gemeindeleben präsent gehalten wurde: das Abendmahlssakrament. Die Berichte der Evangelien von der Einsetzung durch Jesus selbst unmittelbar vor seiner Passion gehören sicherlich zu den ältesten Texten im gesamten Neuen Testament; ihr historischer Gehalt ist dennoch umstritten, der jüdische Gottesdienst kannte keine Sakramente. In der hellenistischen Welt, in den Mysterienreligionen, waren vergleichbare Rituale dagegen sehr gebräuchlich. Als Paulus Christ wurde, fand er die Feier mit der liturgischen Formel "Das ist mein Leib, das ist mein Blut" bereits vor, und zwar offenbar gleichermaßen unter Juden- wie unter Heidenchristen. Der Ursprung bleibt im Dunkeln.

Pfingsten, Tizian, um 1546
(S. Maria della Salute, Venedig)
Bild: Wikipedia
Vielleicht muss man sich das Judentum des 1. Jahrhunderts nach Christus ja wesentlich vielfältiger vorstellen, als die Quellen das erkennen lassen. Welche Kraft die frühen Christen dem Abendmahlssakrament zumaßen, zeigt eine Stelle im 1. Korintherbrief des Paulus: "Wer so isst und trinkt, dass er den Leib des Herrn nicht achtet, der isst und trinkt sich selber das Gericht. Darum sind auch viele Schwache und Kranke unter euch, und nicht wenige sind entschlafen." Gerade der Umstand, dass das eine oder andere Gemeindemitglied bereits vor der erwarteten Wiederkunft Christi verstorben war – offenbar auf Grund eigener Unwürdigkeit –, stärkte den Glauben, in Brot und Wein oder vielmehr in Leib und Blut des Erlösers ein verlässliches Unterpfand der zukünftigen und auf geheimnisvolle Weise zugleich doch schon gegenwärtigen Erlösung zu haben.

"Wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden", schrieb Paulus in diesem Brief Mitte der 50er Jahre, zu einem Datum also, wo noch viele Zeitgenossen Jesu lebten. Aber die erhoffte Verwandlung der Welt blieb aus. Ende des Jahrhunderts musste sich eine neue Christengeneration mit dem Gedanken abfinden, entgegen den Erwartungen der Urgemeinde auf unabsehbare Zeit im Diesseits zu leben. "Es gebührt euch nicht zu wissen Zeit oder Stunde, welche der Vater seiner Macht vorbehalten hat", warnt in der Apostelgeschichte der zum Himmel auffahrende Christus vor Spekulationen. Aber anders, als man vielleicht erwarten würde, scheint es eine Krise des Glaubens nicht gegeben zu haben. Es wurden theologische Konzepte entwickelt, um diese Enttäuschung produktiv zu verarbeiten.

Und das war in erster Linie die Pfingsterzählung der Apostelgeschichte. Die Geschichte Christi ging auch nach seiner Himmelfahrt weiter, dafür bürgten die "vielen Wunder und Zeichen durch die Apostel". Der Verfasser des Johannesevangeliums, das wenige Jahre später geschrieben sein dürfte, dachte in eine ähnliche Richtung. "Ich will den Vater bitten, und er soll euch einen anderen Tröster geben, dass er bei euch bleibe ewiglich", sagt Jesus dort vor der Gefangennahme zu seinen Jüngern – Textstellen, aus denen die Theologen später die Aussagen des Glaubensbekenntnisses über den Heiligen Geist entwickelt haben.

"Jesus verkündete das Reich Gottes, gekommen ist die Kirche", hat der französische Theologe Alfred Loisy die Entwicklung, die sich im historischen Gedächtnis des Christentums mit "Pfingsten" verbindet,  prägnant zusammengefasst. Das war, bei aller kritischen Distanz, die Loisy zu seiner Kirche hielt, nicht einmal abfällig gemeint. Vielleicht muss man die Frühgeschichte einer anderen Religion, des Islams, daneben halten, um die historischen Dimensionen zu erkennen: Mohammed predigte die Herrschaft des Korans über die Welt, und binnen weniger Jahrzehnte konnte die muslimische Kriegerkaste genau diese Vision auch verwirklichen – die weltliche Herrschaft des Islams, nicht unbedingt die Bekehrung aller Ungläubigen.

Darin sind gleich zwei bis heute wirksame Unterschiede zwischen dem christlichen und dem islamischen Kulturbereich begründet: Bei aller Nähe, die sich zwischen Thron und Altar immer wieder eingestellt hat, ist dem Christentum doch immer eine Distanz zum Staat geblieben; die Erinnerung an die frühen Christen, die fast drei Jahrhunderte lang politisch ohnmächtig gelebt hatten, ist niemals geschwunden. Und ebenso lebendig geblieben ist in der abendländischen Geschichte das Bewusstsein, dass da noch etwas aussteht, dass die christliche Kirche eben doch nicht das Reich Gottes ist, jedenfalls nicht im vollen Sinn des Wortes. Weltlich ausgedrückt: dass die Utopie noch unverwirklicht ist.

Pfingsten, Rabbula-Evangeliar, 6. Jh.
(Florenz, Bibl. Medicea Laurenziana)
Bild: Wikipedia

Insofern steht die Pfingsterzählung der Apostelgeschichte auch im Hintergrund jener religiösen und politischen Utopien, die die abendländische Geschichte seit dem hohen Mittelalter bestimmt haben, oft in merkwürdigen Widerspruch zu jenem Wort des Auferstandenen: "Es gebührt euch nicht, zu wissen Zeit oder Stunde." In Hegels Religionsphilosophie, um nur ein prominentes Beispiel aus der Ideengeschichte zu nennen, wurde das Pfingstereignis zur Chiffre für den Fortschritt der Weltgeschichte, für "die Realisierung des Geistigen zur allgemeinen Wirklichkeit": "Der Heilige Geist ist über die Jünger ausgegossen; von da an sind sie als Gemeinde und freudig in die Welt ausgegangen, um sie zur allgemeinen Gemeinde zu erheben und das Reich Gottes auszubreiten.".


Mehr im Internet:
Eine Geschichte des Heiligen Geistes, scienzz 09 05.2008
Wenn die Taube aus dem Heilig-Geist-Loch niedergelassen wird, scienzz 20.05.2009




Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation
 

 

 

 

 

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