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kultur

27.04.2005 - ANTIKE PLASTIK

Reproduktion ist Interpretation

Berliner Ausstellung mit graphischen und fotografischen Wiedergaben der Belvedere-Statuen

von Josef Tutsch

 
 

Der Ausdruck in den Figuren zeigt "bei allen Leidenschaften eine große und gesetzte Seele", der Schmerz "äußert sich mit keiner Wut in dem Gesichte und in der ganzen Stellung". Winckelmann 1755 über die Laokoon-Gruppe aus dem 1. Jahrhundert vor Christus. In modernen Ausgaben von Winckelmanns Schrift wird dem Text gern eine Fotografie beigefügt, damit der Leser diese Aussagen überprüfen kann. Aber was konnte der Autor selbst eigentlich sehen? Rom hatte er noch gar nicht betreten; in der kurfürstlichen Kunstsammlung in Dresden gab es nur mehr oder weniger verlässliche Kopien von diesem und jenem Teilstück; ansonsten musste Winckelmann nach Zeichnungen und Kupferstichen arbeiten.

Als Burckhardt hundert Jahre später seinen Cicerone "zum Genuss der Kunstwerke Italiens schrieb, konnte er zwar aus Erinnerungen und Notizen schöpfen (über den Laokoon: "Ankämpfen gegen den Schmerz", "Mäßigung im Jammer"); aber was ihm dann in Basel am Schreibtisch an Bildmaterial vorlag, wird nicht viel reichhaltiger gewesen sein. Inzwischen hat sich die Situation drastisch verändert: Kunsthistorische Werke bieten uns eine wahre Bilderflut, und wahrscheinlich ist unsere Kenntnis antiker Skulpturen viel mehr durch

Die Laokoongruppe in einem
Kupferstich von Marco Dente,
um 1520
Abbildungen geprägt als durch eigene Anschauung. "Andererseits", meint Klaus Stemmer, Kustos an der Berliner Abgusssammlung antiker Plastik, "haben wir uns an diese Illustrationen derart gewöhnt, dass es uns immer schwerer fällt, komplexe plastische Formen zu speichern."

"Traduttore, traditore", behauptet ein italienisches Sprichwort: Aus einer Sprache in die andere zu übersetzen, bedeutet einen Verrat am Geiste des Originals. Ebenso ist jede Abbildung, selbst eine digitale Fotografie, eine Interpretation, erst recht bei einer Rundplastik, die von der Dreidimensionalität ins Zweidimensionale übertragen wird:  In der Kunstgeschichte ist das bislang wenig bedacht worden. Letztes Jahr hat Stemmer sich mit dieser Forschungslücke in einem Seminar der Freien Universität Berlin befasst. Drei Hauptwerke antiker Marmorplastik aus dem Belvedere des Vatikans- der Laokoon, der Apoll und der sogenannte Torso – wurden auf ihre Reproduktions- und Interpretationsgeschichte hin geprüft. Eine Auswahl dieser Zeugnisse ist jetzt in der Abgusssammlung ausgestellt.

Dem Laien fällt zunächst auf, dass manche Holzschnitte und Kupferstiche der Renaissancezeit die Werke seitenverkehrt abbilden. Das ergab sich durch die Technik, sofern der Stecher keinen Spiegel zu Hilfe nahm. Andere Abweichungen von dem Bild, das wir gewohnt sind, resultieren aus dem Erkenntnisfortschritt: In der Zeichnung konnten Ergänzungsversuche festgehalten und erprobt werden. Am wichtigsten ist aber zweifellos, dass in jeder Wiedergabe sich auch eine eigene künstlerische Auffassung spiegelt. Stemmer: "Je ausgearbeiteter und künstlerisch wertvoller die einzelnen Blätter waren, umso größer war der Spielraum für freie Interpretation durch die Künstler." Das gilt natürlich erst recht bei dreidimensionalen Kopien, die für Adelshöfe oder Kunstakademien angefertigt wurden.

Die Laokoongruppe in moderner Fotografie
Ein wenig findet der Besucher sich in der Bilderflut dieser Ausstellung allein gelassen: Es fehlt eine Erläuterung, wie sich zum Beispiel die künstlerische Konzeption eines Michelangelo oder Rubens in ihren Zeichnungen der antiken Vorlagen ausgewirkt hat. Auf solche Fragen hin konnte das FU-Seminar nämlich noch nicht fortgeführt werden. Reproduktionsgeschichte gehört eben nicht zum Pflichtprogramm der Ausbildung in klassischer Archäologie, und Stemmer sieht schwarz: "Die Mitarbeiterzahl am Institut wird immer weiter reduziert, die Studenten sind durch Gelderwerb für ihren Lebensunterhalt und durch die Notwendigkeit, Sprachen wie Griechisch und Lateinisch zusätzlich zum Schulpensum zu erlernen, überlastet." Auch die wissenschaftliche Literatur schweigt sich zum Thema "Reproduktion als Interpretation" weitgehend aus, selbst für die ältere Zeit, wo es um Zeichnungen oder Graphiken geht, für die Fotografie erst recht.

Dabei ist die Frage, inwieweit der Eindruck von den Originalen durch die Art der Wiedergabe verändert, vielleicht verfälscht wird, auch durch die Erfindung der angeblich absolut wahrheitsgetreuen Fotografie keineswegs ausgeräumt. Moderne Technik wie die feinrasterige oder heutzutage rasterfreie Farbreproduktion haben zwar die Chance der Objektivität erhöht. Mancher kann sich noch daran erinnern, wie abschreckend Farbabbildungen antiker Kunst noch in den 50er Jahren oft gewesen sind; ein Jahrhundert zuvor in den Anfängen der Schwarz-Weiß-Fotografie werden die Reaktionen nicht viel anders gewesen sein. Aber Lichtverhältnisse, Blickpunktwahl, Hintergrundgestaltung oder Weichzeichner nehmen auch im digitalen Zeitalter ihren Einfluss – selbst dann, wenn der Fotograf nach Kräften bemüht ist, sich jede Manipulation und sogar eigenen künstlerischen Ehrgeiz zu verbieten.


Bis 29. Mai 2005 in der Abguss-Sammlung Antiker Plastik, Schlossstraße 69 b, 14059 Berlin,
geöffnet Do - So 14 - 17 Uhr, Eintritt frei

 

 

Mehr im Internet:
Abguss-Sammlung FU Berlin

 

 




Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied der Agentur scienzz communcation.

 

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