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16.08.2004 - MIGRÄNE
Wenn es im Kopf hämmert und bohrt
Immer mehr Schulkinder haben Migräne
von Marion Busch
 | | | | | Immer häufiger leiden bereits Schulkinder unter Kopfschmerzen. Nach Angaben der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft sind es 12 Prozent. Bei jedem fünften Kind werden die Schmerzen als Migräne eingestuft. Wie ernst sie es nehmen müssen, wenn ihr Sprössling über Kopfweh klagt, ist für Eltern nicht leicht zu entscheiden. Erschwert wird dies dadurch, dass selbst Grundschülern oft noch die richtigen Worte fehlen, um ihre Schmerzen zu beschreiben. Außerdem ist es meist eine Gratwanderung, zu erkennen, ob das Kind nur simuliert oder ob es tatsächlich krank ist.
Nach der Erfahrung der Berliner Ärztin Karin Bandelin ist es ein bestimmter Typ von Kindern, die mit Migräne auf die Anforderungen der Schule reagieren: „Es sind Kinder, die besonders sensibel sind, an äußeren Einflüssen zuviel aufnehmen und den Dingen, die um sie herum passieren, nicht soviel entgegen- setzen, sich nicht so leicht abgrenzen können. Außerdem Kinder, die familiär belastet sind mit Migräne, denn die Krankheit ist erblich.“ Bandelin praktiziert seit 20 Jahren als Schulmedizinerin und Homöopathin. In ihre Praxis kommen auch viele junge Patienten. Sie kann die Ergebnisse einer Studie des Soziologen und Gesundheitswissenschaftlers Klaus Hurrelmann zur allgemeinen Gesundheit bei Schülern bestätigen.
Hurrelmann stellte in den 90er Jahren fest, dass Kinder und Jugend- liche heutzutage so selbständig und freizügig seien wie nie zuvor. Diese frühe Autonomie gehe aber einher mit einer großen Verun- sicherung. Außerdem lebten immer mehr Kinder in Ein-Eltern- oder Patchwork-Familien und sind durch die Trennung der Eltern belastet. Aber auch Sorgen über die berufliche Zukunft machen vor Kinder- zimmertüren nicht halt. Auf den starken Konkurrenzdruck in der Schule reagieren viele Kinder mit psychosomatischen Beschwer- den wie Nervosität, Magenschmerzen oder Schlafstörungen. Und mit Mi- gräne, die in der medizinischen Forschung inzwischen als neurolo- gische Erkrankung, als Hirnfunktionsstörung gilt.
Karin Bandelin beobachtete, dass die Häufigkeit der Erkrankung bei Schülern zugenommen hat. Ihrer Ansicht nach hängt das nicht nur mit zunehmender Vererbung zusammen, da in Deutschland immer weniger Menschen geboren würden. Die Ärztin geht davon aus, dass es ein Reizmuster geben müsse, das Migräne hervorruft. Man wisse bis heute nicht gesichert, was Migräne eigentlich ist. Hieß es früher, dass es sich um eine Verengung der Blutgefäße handelte, meint man heute, dass es sich um eine Erweiterung der Blutgefäße im Hirn- bereich handelt. Wissenschaftler führen die Zunahme der Migräne bei Schülern darauf zurück, dass die psychosoziale Belastung sowie der Stress in Unterricht und Freizeit gewachsen sind. Bereits der Eintritt in die Schule kann für Kinder, die ohnehin zu Kopfschmerzen neigen, der Auslöser für die Entwicklung von Migräne sein.
Laura Siebert ist sieben Jahre alt und geht in die zweite Klasse. Das Mädchen litt als Kleinkind häufig unter Bauchschmerzen, was für die Diagnose Migräne ein wichtiger Hinweis ist. Nachdem sie eingeschult wurde, begann sie vermehrt über Kopfschmerzen zu klagen. Ihre Mutter Claudia führte das unter anderem auf den Druck zurück, den das Kind auf sich selbst ausgeübt hat. Laura musste sich auf neue Kinder einstellen, auf unterschiedliche Lehrer als Bezugspersonen. Nach der Schule wiederholte sich das im Hort. „Man darf den Tages- ablauf eines Kindes nicht unterschätzen, bei dem beide Eltern ar- beiten. Neben Schule und Hort hat Laura noch Turntraining, das macht sie gerne, aber selbst da traten plötzlich die Kopfschmerzen gehäuft auf“, sagte Claudia Siebert.
Der Gang zur Kinder-Fachärztin bestätigte die Vermutung einer Migräne. Für junge Patienten ist eine spezielle Diagnostik notwendig. Chrisanthi Ikonomidou, Neurologin am Rudolf-Virchow-Klinikum in Berlin: „Die Kriterien für die Diagnose Migräne sind immer wieder kehrende Kopfschmerzen, meistens mit hämmerndem Charakter. Sie sind häufig einseitig lokalisiert, sie gehen einher mit Lichtscheu, mit Lärmscheu, mit einem erhöhten Schlafbedürfnis, Übelkeit und auch Erbrechen.“ Die Auslöser sind bei Kindern ähnlich wie bei Erwachsenen. Allerdings sind sie anders gewichtet. So lösen laut Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft bestimmte Lebensmittel nur bei zwei Prozent der betroffenen Kinder Migräneattacken aus.
Mit dem Faktor Stress können Kinder und Jugendliche aber viel schlechter umgehen als Erwachsene, da ihnen deren Schutz- und Erklärungsstrategien fehlen. Haben Kinder einen vollen Tagesplan, ist es wichtig Momente der Ruhe und genügend Entspannungsmöglich- keiten zu schaffen zwischen Schule, Hort und Sport. Gelingt dies nicht, kann die Migräne das ganze Familienleben beeinträchtigen. Karin Bandelin bemüht sich bei ihren Patienten um die Stabilisierung der Grundgesundheit und hilft ihnen dabei, eigene Ressourcen zu mobilisieren.
Dazu wendet sie beispielsweise Qigong an, das sind Übungen nach der chinesischen Gesundheitslehre, bei der Atem, Bewegung und Vorstellungskraft eingesetzt werden, um beispielsweise neurolo- gische Erkrankungen zu behandeln. Auch Autogenes Training gehört zum Repertoire der Ärztin. Neben den Entspannungstechniken empfiehlt sie, Reizüberflutung zu vermeiden. „Schüler sollten nicht stundenlang fernsehen oder am Computer spielen. Zu wenig Be- wegung gehört zu den Einflüssen, die einen Migräneanfall provo- zieren können. Aber auch exzessives Lesen oder zu langes Üben bei den Hausaufgaben kann nicht günstig sein.“
Mehr im Internet: Klinik für Neurologie der Charité
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