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kultur

05.12.2017 - IDEENGESCHICHTE

Die Sehnsucht nach den reinsten Quellen

Vor 300 Jahren wurde Johann Joachim Winckelmann geboren

von Josef Tutsch

 
 

Johann Joachim Winckelmann
von Raphael Mengs, 1755
(Metropolitain Museum of Arts,
New York) - Bild: Wikipedia


Das Verdammungsurteil hat Egon Friedell 1927 in seiner „Kulturgeschichte der Neuzeit“ gesprochen: Johann Joachim Winckelmann sei „Ausgangspunkt einer der verhängnisvollsten Verirrungen des deutschen Geistes" gewesen. Friedell lieferte auch gleich eine psychologische Erklärung für diesen „Irrweg“. Die Kulturepoche des Klassizismus, die Winckelmann begründete, sei auf dessen erotische Vorlieben zurückzuführen: „Das homosexuelle Auge sieht vorwiegend Kontur, Plastik, ist ohne Empfindung für rein malerische Eindrücke."

Nun ja, ob die großen Linien der Geschichte derart einfach auf Individuelles zu reduzieren sind, darf man bezweifeln. Dass Winckelmann, der am 9. Dezember 1717, vor 300 Jahren, als Sohn eines Schuhmachers in Stendal in der Altmark geboren wurde, sowohl die Kulturepoche des Klassizismus als auch die Wissenschaft der Kunstgeschichte begründen würde, war ihm jedenfalls nicht in die Wiege gelegt. Er studierte zunächst Theologie und Medizin, verdingte sich zeitweise als Hauslehrer und dann als Konrektor einer Lateinschule. Dass er mit den antiken Autoren bekannt wurde, war ein Nebenergebnis. Doch sein Interesse für das griechische und römische Altertum war geweckt. 1748 wurde er Bibliothekar auf dem Schloss eines sächsischen Grafen in der Nähe von Dresden. Dort verkehrte auch der päpstliche Nuntius in Sachsen und Polen, Alberico Archinto. Der war von den Ideen des jungen Mannes so beeindruckt, dass er ihn nach Rom einlud.

Doch zunächst fand Winckelmann in Kurfürst August III. einen Gönner. Am Dresdner Hof konnte er eine umfangreiche Sammlung antiker Kunst studieren. Sie prägte nicht nur seine wissenschaftliche Arbeit, sondern auch seinen Kunstgeschmack. Die Zeit war reif für die Abkehr von Barock und Rokoko. „Der einzige Weg für uns, groß, ja, wenn es möglich ist, unnachahmlich zu werden, ist die Nachahmung der Alten", verkündete Winckelmann im Juni 1755 in einer Programmschrift „Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst".

Der „gute Geschmack" verbreite sich mehr und mehr durch die Welt, begann Winckelmann seine Schrift. Beleg: die Sammlungen italienischer und antiker Kunst, die Sachsens Kurfürsten in Dresden angelegt hatten, den Künstlern der Gegenwart zur Nachahmung. „Die reinsten Quellen der Kunst sind geöffnet", schwärmte Winckelmann, „diese Quellen suchen heißt nach Athen reisen, und Dresden wird nunmehr Athen für Künstler." Das war nicht nur eine Schmeichelei gegenüber dem Herrscherhaus und nicht nur Ausdruck des Hasses auf das benachbarte Preußen, wo der Forscher unter dem Soldatenkönig eine als leidvoll empfundene Jugend durchlebt hatte. Der Anblick antiker Statuen muss auf Winckelmann tatsächlich wie die Offenbarung einer anderen, sehnsuchtsvoll erhofften Welt gewirkt haben.

Dass es sich bei diesen Statuen, die er in Dresden sehen konnte, gar nicht um griechische Werke handelte, sondern „bloß" um römische Kopien nach griechischen Vorbildern, konnte er nicht wissen. Im September 1755 folgte Winckelmann endlich Archintos Anregung und übersiedelte nach Rom. Die folgenden Jahre gehörten der Ausarbeitung seines wissenschaftlichen Programms. 1763 kam seine „Abhandlung von den Fähigkeiten der Empfindung des Schönen in der Kunst, und dem Unterrichte in derselben“ heraus, eine Grundlegung dessen, was man heute Kunstpsychologie und Kunstpädagogik nennen würde. Im folgenden Jahr erschien die „Geschichte der Kunst des Altertums“, mit der Winckelmann die Wissenschaft der Kunstgeschichte begründete.

Winckelmann-Denkmal in
seiner Geburtsstadt Stendal
Bild: radler59/Wikipedia

„Edle Einfalt und stille Größe“ fasste Winckelmann seine Auffassung von der antiken Kunst bündig zusammen – und von dem Ideal, auf das er seine Zeit wieder hinlenken wollte. Als er im Juni 1768, kaum 51 Jahre alt, in einem Hotel in Triest von seinem Zimmernachbarn unter bis heute nicht vollends geklärten Umständen ermordet wurde, hatte sich „seine“ Revolution bereits durchgesetzt. Der Klassizismus, die Nachahmung der griechischen Kunst (oder dessen, was man damals für „echt“ griechisch hielt), hatte in ganz Europa die Herrschaft angetreten.

Es gab Widerspruch. Der Dichter Friedrich Gottlob Klopstock hielt Winckelmann entgegen, die Griechen selbst hätten gerade nicht nachgeahmt, sondern selbst erfunden – daran müssten wir uns ein Beispiel nehmen. Der Romancier Christoph Martin Wieland übte sich in leichter Ironie: Die Griechen seien „am Ende doch ein wahres luftiges Lumpengesindel gewesen und könnten die Hochachtung nicht verdienen, die man ihnen gerade jetzt zollte“. Den Kern von Winckelmanns Anliegen wollte Wieland aber doch nicht in Frage stellen: „Woher mag es wohl gekommen sein, dass griechische Künstler diese schönen Werke, die man Ideale zu nennen pflegt, hervorbringen konnten?“

Darauf hatte Winckelmann selbst eine recht konkrete Antwort gefunden: „Der Einfluss eines sanften und reinen Himmels wirkte bei der ersten Bildung der Griechen, die frühzeitigen Leibesübungen aber gaben dieser Bildung die edle Form." Dass er mit solchen historisch-geographischen Herleitungen sein eigenes kunstrevolutionäres Programm in Frage stellte, ist Winckelmann vielleicht gar nicht bewusst geworden. Wenn die Verhältnisse der antiken Kultur in der modernen Zeit und im Norden Europas nicht wiederholbar waren – konnte es dann sinnvoll sein, eine klassizistische Nachahmung der Griechen zu propagieren?

Winckelmanns „Revolution“ brachte die letzte der „Renaissancen“, die Europas Geschichte seit dem frühen Mittelalter geprägt haben. Und zugleich den ersten der historischen oder historistischen „Stile“, die nun für anderthalb Jahrhunderte einander in immer rascherem Wechsel folgten, vom Klassizismus über Neogotik und Neobarock bis zur Nachahmung der Mauren und der Mayas. Der Spott, dabei handele es sich bloß um Kostüm und Verkleidung, war wohlfeil. Doch wie ernst es Winckelmann und seinen frühen Anhängern gerade mit der Antike war, brachte Goethe 1779, ein Vierteljahrhundert nach Winckelmanns „Gedanken“, in seiner „Iphigenie auf Tauris“ zum Ausdruck: „Das Land der Griechen mit der Seele suchend …“.

Die ideale Heimat war für den jungen Goethe wie für Winckelmann eben nicht das Deutschland ihrer Gegenwart, sondern ein imaginäres Griechenland. Die Würdigung seines Vorgängers, die Goethe 1805 unter dem Titel „Winckelmann und sein Jahrhundert“ herausgab, lässt erkennen, wie schwer es ihm fiel, von diesem Traum Abschied zu nehmen. „Bei dem Namen Griechenland“, wiederholte später der Philosoph Hegel, „ist es dem gebildeten Menschen in Europa, insbesondere uns Deutschen, heimatlich zumute.“

Winckelmann-Büste im
Deutschen Archäologischen
Institut, Athen - Bild:
Markus Cyron/Wikipedia

Wie „heimatlich“, das analysierte 1935 die britische Germanistin Eliza Marian Butler: In der Nachfolge Winckelmanns sei es zu einer veritablen „tyranny of Greece over Germany“ gekommen. Dabei war die Antikenbegeisterung freilich kein deutsches, sondern ein europäisches Phänomen. In den 1820er Jahren strömten die jungen Intellektuellen West- und Mitteleuropas auf den Balkan, um den Unabhängigkeitskrieg der Hellenen zu unterstützen. Es war ein großes Missverständnis. Die Griechen der Gegenwart wollten das christliche Reich von Konstantinopel wiederherstellen, das 1453 mit der Eroberung der Stadt durch die Türken zu Ende gegangen war. Ihre Mitstreiter aus dem Westen hatten das Hellas des klassischen Altertums im Sinn.

Dem schärferen Blick, den die historische Forschung des späteren 19. Jahrhunderts anlegte, konnte Winckelmanns Antikenbild allerdings nicht standhalten. Nicht nur, dass die antike Architektur und Plastik, weitab von „klassizistischer“ Blässe, in Wirklichkeit erschreckend polychrom war; die Klassizisten und Humanisten des späten 18. Jahrhunderts entnahmen ihr auch ein völlig unrealistisches Bild des antiken Lebens. Kein moderner Mensch hätte es im „klassischen“ Athen lange aushalten wollen, formulierte der Schweizer Historiker Jacob Burckhardt in seiner „Griechischen Kulturgeschichte“ seinen Abgesang auf den von Winckelmann begründeten Klassizismus und Neuhumanismus. Und Burckhardts Freund Friedrich Nietzsche kommentierte spöttisch, Winckelmanns und Goethes „Griechen“ seien historisch durch und durch „falsch“ gewesen – so falsch wie die „mittelalterlichen“ Engländer in den Romanen eines Walter Scott oder die „Germanen“ in Richard Wagners Musikdramen. 





Mehr im Internet:

Johann Joachim Winckelmann - Wikipedia 
scienzz Artikel Ideengeschichte 

 

 

 

 

 

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