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kultur

19.05.2005 - KLASSIZISMUS

Guter Geschmack und falsches Klassenpensum

Vor 250 Jahren erschien Winckelmanns Programmschrift

von Josef Tutsch

 
 

Johann Joachim Winckelmann
(1717-1768), von Raphael Mengs

Das Verdammungsurteil hat Egon Friedell formuliert: Winckelmanns Romfahrt war "Ausgangspunkt einer der verhängnisvollsten Verirrungen des deutschen Geistes". Seitenlang breitete der brillante Dilettant in Sachen Kulturgeschichte seine Theorie aus, die "ganze fixe Idee des Klassizismus" gehe zurück auf Winckelmanns erotische Vorlieben: "Das homosexuelle Auge sieht vorwiegend Kontur, Plastik, ist ohne Empfindung für rein malerische Eindrücke."

Leider liefert Friedell keine Erklärung, warum ganze Generationen, angefangen bei Goethe und Schiller und Napoleon, dieses "falsche Klassenpensum" aufnahmen. Friedells Analyse ist auch chronologisch falsch: Die Idee des Klassizismus, wenn man das so nennen will, resultierte nicht aus der Romreise, die Johann Jakob Winckelmann am 24. September 1755 antrat; sie war bereits in jener schmalen Schrift fix und fertig formuliert, die der Dresdner Privatgelehrte im Juni dieses Jahres herausgebracht hatte: "Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst".

   Die "Gedanken über die
   Nachahmung" von 1755
Die revolutionäre Proklamation, die für Europa ein neues Zeitalter einläutete, brauchte nicht viel äußeren Aufwand. Die "Gedanken", dem sächsischen Kronprinzen gewidmet, wurden in nur 50 Exemplaren gedruckt. Winckelmann verfasste anonym eine Streitschrift gegen seine eigenen Thesen und fügte, wiederum unter eigenem Namen, eine Widerlegung dieser Einwände hinzu. Das war alles. Die Zeit muss reif gewesen sein für die Abkehr von Barock und Rokoko. In Paris hatte Coustou seine berühmten "Pferde von Marly" bereits geschaffen, in Rom arbeitete schon der Maler Mengs, wenige Jahre später entstand in der Seine-Metropole die Kirche Ste-Geneviève und im Schwarzwald die Klosterkirche von Sankt Blasien. Die Abkehr konnte übrigens auch in andere Richtung verlaufen: Etwa zur gleichen Zeit war in England der gotische Stil wiederentdeckt worden.

Der "gute Geschmack" verbreite sich mehr und mehr durch die Welt, beginnt Winckelmanns Schrift. Beleg: die Sammlungen italienischer und antiker Kunst, die Sachsens Kurfürsten in Dresden angelegt hatten, den Künstlern der Gegenwart zur Nachahmung. "Die reinsten Quellen der Kunst sind geöffnet", schwärmte Winckelmann, "Diese Quellen suchen heißt nach Athen reisen, und Dresden wird nunmehr Athen für Künstler." Das war nicht nur eine Schmeichelei gegenüber dem Herrscherhaus und nicht nur Ausdruck des Hasses auf das benachbarte Preußen, wo Winckelmann unter dem Soldatenkönig eine leidvolle Jugend verlebt hatte. Der Anblick antiker Originale wirkte auf Mitteleuropa wie eine Offenbarung. Es hat mehr als ein Jahrhundert gedauert, bis die Kunstkenner wieder in der Lage waren, den Stil vor Winckelmann, den Barock, gerecht zu würdigen.

   Die Laokoon-Gruppe im Vatikan
Inzwischen ist längst klar geworden ist, dass es sich bei den Stücken, die Winckelmann in Dresden sehen konnte, gar nicht um griechische Werke handelte, sondern "bloß" um römische Kopien nach griechischen Vorbildern. Gleichviel: Er ahnte das gelobte Land und glaubte zu wissen, wie seine Gegenwart dorthin gelangen könnte: "Der einzige Weg für uns, groß, ja, wenn es möglich ist, unnachahmlich zu werden, ist die Nachahmung der Alten." Bereits bei vielen Zeitgenossen brachte sich Winckelmann mit dieser Parole in Verruf, Klopstock hielt ihm entgegen, die Griechen selbst hätten nicht nachgeahmt, sondern erfunden – an ihnen müssten wir uns ein Beispiel nehmen. Ein Kult der Originalität, der unserem historischen Bewusstsein unglaubwürdig geworden ist.

Der Kult des klassischen Altertums, wie Winckelmann ihn vor 250 Jahren initiiert hat, jedoch ebenso sehr. Bereits den Romantikern dämmerte, wie anders, wie fremd uns "die Alten" doch gewesen sind, und Jacob Burckhardt stellte kühl fest, die Vorstellung von einem entzückenden Leben im perikleischen Athen sei "eine der allergrößten Fälschungen des geschichtlichen Urteils, welche jemals vorgekommen": kein moderner Mensch hätte dort aushalten wollen. Eine Kritik, die Winckelmann selbst jedoch viel weniger trifft als seine vielen Nachbeter im 19. Jahrhundert. Die berühmte (mancher würde sagen: berüchtigte) Formel von der "edlen Einfalt und stillen Größe" ging nicht auf eine historische Wirklichkeit, sondern auf die Kunst, auf die bildende Kunst..

   Das später Hauptwerk, die
   "Geschichte der Kunst des
   Altertums"
Zum Beispiel über die Laokoon-Gruppe im Vatikan: "Laokoon erhebt kein schreckliches Geschrei, wie Virgil von seinem Laokoon singt. So wie die Tiefe des Meeres allezeit ruhig bleibt, die Oberfläche mag noch so wüten, ebenso zeigt der Ausdruck in den Figuren der Griechen bei allen Leidenschaften eine große und gesetzte Seele." Diese Zeilen sind 1755 geschrieben, also Monate, bevor Winckelmann das Original sehen konnte. Er musste nach Kopien von einzelnen Teilstücken und nach Zeichnungen arbeiten! Lessing versuchte, aus diesen Anregungen eine Theorie der Kunstgattungen – bildende Kunst einerseits, Dichtung andererseits – zu entwickeln, Burckhardt brachte ein Jahrhundert später in seinem "Cicerone" eine Variation von Winckelmanns Sätzen.

Die große Neuerung, die Winckelmann dann in Rom mit seinem Hauptwerk zur "Geschichte der Kunst des Altertums" in die Wissenschaft einführte, findet sich in dieser frühen Schrift bereits angedeutet: Die Eigenart griechischer Kunst wird aus natürlichen und sozialen Umständen erklärt. Nichts jedoch von einem "entzückenden Leben", Winckelmanns Erklärung ist viel konkreter, wenn man so will, auch banaler. "Der Einfluss eines sanften und reinen Himmels wirkte bei der ersten Bildung der Griechen, die frühzeitigen Leibesübungen aber gaben dieser Bildung die edle Form." Darin ist Montesquieus Analyse politischer Formen aus vorgegebenen Bedingungen, die sieben Jahre vor Winckelmanns "Gedanken" in ganz Europa Furore gemacht hatte, ins Kulturgeschichtliche übertragen.

Solche Sätze konnten national bewusste Romantiker später gegen den Strich lesen: Wenn die griechische Kunst unter anderen, uns nicht gegebenen Bedingungen entstanden war, dann musste Deutschland sich eben zu seiner "eigenen", hier und heute möglichen Kunst bequemen. Eine Argumentation, die sich in ihrer Evidenz tief eingeprägt hat, deshalb kommt uns bis heute der Klassizismus (wie auch Neugotik oder Neubarock) so leicht als historisches Kostüm vor; Friedell sprach vom "lackierten Empirestil". Winckelmann nahm sich das Recht, über solche Grenzen hinaus zu träumen, ganz so, wie Goethe es später in den Satz gefasst hat, unter allen Völkern hätten die Griechen "den Traum des Lebens am schönsten geträumt".

 

 

Mehr im Internet:
Klassizismus 
Johann Joachim Winkelmann 

 

 

 




Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation.

 

 

 

 

 

 

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