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kultur

13.06.2005 - MONGOLEN

Das verschwundene Riesenreich

Dschingis Khan und seine Erben -
Ausstellung in der Kunsthalle Bonn

von Josef Tutsch

 
 

Dschingis Khan in einer
mongolischen Handschrift

"Alles verwüsten sie, niemanden schonen sie, Greise und Junge, Reiche und Arme und Frauen mit ihren Kleinkindern töten sie, die Sittsamkeit von alten Frauen und Jungfrauen schänden sie auf unglaubliche Weise, Fressgelagen, Ausschweifungen und Unflätigkeiten in gottgeweihten Heiligtümern sind sie ergeben, und gleichermaßen zerstören sie Häuser und Kirchen, befestigte Städte und Klöster." Zu Dutzenden sind solche Zeugnisse über die Mongolen aus der Zeit ihrer großen Eroberungszüge im 13. Jahrhundert, erhalten, sie haben das Bild der Mongolen bis heute geprägt. War dieses Eroberervolk tatsächlich so viel grausamer als andere? Nach fast 800 Jahren schwer zu beurteilen. Jedenfalls hatten die Opfer in diesem Fall die nachhaltigere Geschichtsschreibung, nicht nur in Europa, sondern auch im Nahen und Fernen Osten.

Dass es neben dem bloß Militärischen auch eine große politische Leistung gewesen sein muss, das Riesenreich von Mitteleuropa bis zum Pazifischen Ozean wenigstens für ein paar Jahrzehnte zusammenzuhalten, wurde darüber vergessen, erst recht die Kultur. Erst in den letzten Jahrzehnten wurde die Ruinenstätte von Karakorum wiederausgegraben, die legendäre Residenzstadt des Dschingis Khan, im Norden der heutigen Mongolei; moderne Atlanten verzeichnen oft nicht einmal die genaue Lage! Die Ergebnisse stehen im Mittelpunkt der Ausstellung, die ab 16. Juni in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn zu sehen ist.

Marco Polo in China - in der Vorstellung
des europäischen Mittelalters 

Bei einem Nomadenvolk überraschend: die Hauptstadt war aus Stein gebaut, jedenfalls für die Bewohner aus den eroberten Gebieten, während die Mongolen selbst lange ihrer gewohnten Lebensweise in Jurten treu blieben. Die Paläste wurden nach chinesischem oder persischem Vorbild gebaut, ebenso weltoffen waren die Mongolen in religiöser Hinsicht. Neben buddhistischen Tempeln sind auch islamische Moscheen und eine christlich-nestorianische Kirche belegt, im breiten Volk wurden weiterhin die ererbten schamanistischen Rituale praktiziert. Wahrscheinlich waren es Nachrichten von soviel Toleranz, die im fernen Rom den Gedanken eingaben, die mongolischen Herrscher zum Christentum zu bekehren. Die Päpste erhofften von den Mongolen Hilfe gegen die Muslime, die seit 1244 wieder die heiligen Stätten in Jerusalem besetzt hielten. Die diplomatische Mission in den folgenden Jahren muss eine Komödie der Missverständnisse gewesen zu sein: Am Hof des Großkhans hielt man den Papstbrief offenbar für eine Bitte, sich unterwerfen zu dürfen.

Dem breiten Publikum in Europa wurden die Mongolen vor allem durch Marco Polos Reisebericht bekannt: Der venezianische Kaufmannssohn will am Hof des Mongolenherrschers in China Karriere gemacht haben. Unter Historikern ist die Zuverlässigkeit dieser Schilderung bis heute umstritten, viele glauben, Marco Polo sei "nur" bis Karakorum gelangt und verdanke die Angaben über den Fernen Osten in Wirklichkeit iranischen Kaufleuten. Wie auch immer: Die staunenswerte Infrastruktur, die erstmals in der Geschichte ein schnelles und regelmäßiges Verkehrswesen fast über den gesamten eurasischen Kontinent ermöglichte, wird deutlich.

 Karakorum heute

Das Mongolenreich – übrigens vor fast genau 800 Jahren gegründet, 1206 wurde ein Fürst Dschingis von einer großen Föderation innerasiatischer Steppenvölker zum Großkhan ausgerufen -  gehört zu den großen Rätseln der Weltgeschichte. "Wie kommt es dazu", schreibt der Sinologe Wolfram Eberhard, "dass die Nomadenvölker im Laufe weniger Jahre sich zu großen Massen zusammenballen und dann eine Kraft darstellen, die mit Leichtigkeit die fest in sich gefügten Hochschulkulturen über den Haufen wirft? Dass die Nomaden ihre Herrschaft für eine Weile aufrechterhalten können, dann aber plötzlich alle Kraft verlieren und oft fast kampflos das Feld wieder räumen?" In der Tat, vielleicht war es nur ein  Zufall, dass nicht auch Mittel- und Westeuropa überrannt wurde: Kurz nach Auslöschung eines deutschen Ritterheeres 1241 in Schlesien starb Großkhan Ögödei, der Nachfolger des Dschingis, und die mongolischen Truppen zogen nach Osten ab.

Sicher ist, dass die Mongolen, gering an Zahl, die riesigen Räume mit einem Minimum an institutionellen Vorkehrungen zu beherrschen versuchten – auf Dauer ohne Erfolg. Und auch, dass die Militäraristokratie wenig unternahm, mongolische Traditionen in die chinesische oder die persisch-arabische Kultur einzubringen. Was die Mongolen umgekehrt aus fremden Einflüssen gemacht haben, wird in der Ausstellung an Kunstwerken aus den großen Museen von Paris über Sankt Petersburg bis Tokio und Taipeh zu studieren sein. Man darf vermuten, dass diese Offenheit in künstlerischen wie in religiösen Dingen gerade mit einer nachhaltigen Wirkung archaischer Traditionen zusammenhängt: Die alten Bräuche zu pflegen, vertrug sich problemlos mit Glaubensvorstellungen  von überall her. Ganz allmählich, zuerst am Hof von Karakorum, setzte sich die tibetische Spielart des Buddhismus durch. Ihm ist, mit kostbaren Handschriften, Malereien und Bronzen, ein besonderes Kapitel der Ausstellung gewidmet.

 Die Mongolen bei Liegnitz 1241




Dschingis Khan und seine Erben – das Weltreich der Mongolen,
16. Juni bis 25. September 2005 in Bonn, Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland


 

 

Mehr im Internet:
Kunst- und Ausstellungshalle Bonn 
scienzz artikel Geschichte des Fernen Ostens
scienzz artikel Asiatische Kunst

 

 




Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied der Agentur scienzz communcation.

 

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