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14.06.2005 - SOZIALFORSCHUNG
Dazu gehören, deutsch sein, Männlichkeit ausleben
Das Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung befasst sich mit rechtsextremer Jugendgewalt
von Josef Tutsch
 | | | | | Im vergangenen Jahr, erzählt Michael Kohlstruck vom Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung, hatten sich in Brandenburg ein paar junge Männer zu einer Bande zusammengeschlossen, um mit Brandanschlägen türkische Imbissbuden aus der Region zu vertreiben. So unverständlich und unvertretbar dieser Vorgang immer ist – die Täter handelten im Rahmen einer vertrauten Logik: Sie hatten sich ein Ziel gesetzt und suchten ein Mittel, dieses Ziel zu verwirklichen.
Andere Gewaltakte aus der "rechten" Szene machen uns ein Verständnis der Taten viel schwerer. Was geht in einem Jugendlichen von 16 oder 18 Jahren vor, wenn er etwa Ausländer oder Schwule oder Obdachlose tätlich angreift – nicht um ihnen etwas abzunehmen oder sie zu etwas zu nötigen, sondern "einfach so" – und sich dann, von Polizei und Gericht befragt, in Begründungen flüchtet wie, er sei "stolz, ein Deutscher zu sein"? Handelt es sich dabei wirklich um eine Anknüpfung an die nationalsozialistische Vergangenheit, verstehen die Täter sich als Neonazis? Glauben sie im Ernst, die Welt durch ihren Gewaltausbruch irgendwie verbessert zu haben? Oder meinen sie, wenigstens ihrem individuellen Wohlbefinden durch solche Aktionen aufzuhelfen?
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Die Unsicherheit zeigt sich Jahr für Jahr aufs neue auch in den Verfassungs-schutzberichten. Der Lebensstil "rechtsextremistischer Skinheads" sei "subkulturell geprägt und mehr auf Unterhaltung als auf politische Arbeit ausgerichtet". Die meisten verfügten nicht über "ein gefestigtes rechtsextremistisches Weltbild". Eine Einschätzung, die von Michael Kohlstruck bestätigt wird. Der wissenschaftliche Mitarbeiter der TU Berlin befasst sich seit Jahren mit dem Zusammenhang von Jugendgewalt und Rechtsextremismus. "Wir müssen unterscheiden", sagt Kohlstruck, "da sind einerseits junge Rechtsextremisten mit politischem Ehrgeiz und, wenn man so will, einem politischen Konzept, andererseits Jugendliche, die mit meistens ungeplanten Taten, oft unter Alkoholeinfluss, ihre Aggressionen abbauen und sich darin auf diffuse Weise als rechts verstehen."
Offenbar wirken beide Gefahren in eine jeweils ganz unterschiedliche Richtung: Beim zweiten Tätertyp steht zwar nicht das politische System auf dem Spiel, aber die Brutalitäten bedrohen – mit oft mörderischer Konsequenz – die potentiellen Opfer und das friedliche Zusammenleben. Die Aufgabe der Polizei wird damit eher noch erschwert: "Je kalkulierter eine Gewaltausübung ist, desto eher lässt sie sich verfolgen", stellt Kohlstruck fest – ein Umstand, der uns allen aus den Serienkrimis im Fernsehen wohl vertraut ist. "Subkulturell Rechte" sind dagegen zunächst einmal unauffällig, einziges Kennzeichen: Bereitschaft zur Aggression gegen "Fremde". Und das sind nicht nur Menschen, die keinen Personalausweis der Bundesrepublik Deutschland besitzen, sondern alle, die in der Logik dieses Denkens irgendwie "nicht dazugehören".
Kurzum:
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Am Anfang steht die pure Aggression selbst – Langeweile, der Kult von Männlichkeit und körperlicher Kraft, der Spaß am Überlegenheitsgestus und am offensiven Auftreten; Opfer wird, wer sich als Opfer eignet – wer also situativ unterlegen ist und einen niedrigen soziale Status und wenig Rückhalt in der Bevölkerung hat. Dass sich die spontanen Schläger, wenn sie im Nachhinein ihr Tun zu rechtfertigen versuchen, im "rechten" oder rechtsextremistischen Milieu einordnen, ist nachvollziehbar: Die Agitation rechtsextremistischer Parteien hantiert mit denselben Klischees und richtet sich präzise gegen dieselben Gruppen.
Welche Gefahr darin liegt, haben auch die Verfassungsschutzämter erkannt. Durch die Skinhead-Subkultur fänden Jugendliche "Zugang zu einer nationalistischen, fremdenfeindlichen und antisemitischen Gedankenwelt", heißt es im aktuellen Bericht 2005. Ein Zusammenhang, der der NPD bereits früher aufgegangen sein muss; seit den 90er Jahren bemüht sie sich, gerade gewaltbereite Jugendliche durch die erprobten Mittel wie Wanderungen, Lagerfeuer und Fußball an sich zu binden. Kohlstruck warnt vor der Illusion, das Problem würde sich – eben als Jugendproblem – mit den Jahren von selbst auswachsen: Zwar hört die offen kriminelle Aktivität mit einem Eintritt in Familie und Beruf, spätestens Mitte 20, in den meisten Fällen auf. "Aber die rechte Einstellung bleibt, auch die Sympathie mit rechter Gewaltaktivität."
Was tun? "Die repressive Seite, also die Verfolgung von Straftaten durch Polizei und Gerichte ist in Ordnung", befindet Kohlstruck. Die Zeiten, wo das eine oder andere Bundesland befürchtete, zuviel Nachdruck könnte das Image in der Welt schädigen, sind offenbar vorbei. Dass die Bildungsarbeit – vor allem zur nationalsozialistischen Vergangenheit – fortgesetzt werden muss, versteht sich von selbst, nur – der "subkulturellen" Aggressivität ist damit nicht direkt abzuhelfen.
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Nationalsozialistische Jugend-"kultur"
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Wichtig, das ergibt sich aus den Forschungen der "Arbeitsstelle Jugendgewalt und Rechtsextremismus", ist die Förderung von Jugendkulturen, die nicht rechtsextrem orientiert sind. Da sie in weiten Gebieten vor allem der ostdeutschen Bundesländer fehlen, konnte sich eine "rechtsextreme Jugendkultur" in die Nische drängen, "ein Misch- und Übergangsfeld von szenekulturellem Eigensinn und politischem Protest", wie Kohlstruck mit wissenschaftlicher Nüchternheit feststellt.
Und natürlich wäre eine Chance auf dem Arbeitsmarkt wichtig. Ansonsten, konstatiert Kohlstruck, bleibt bei vielen Jugendlichen nur eine einzige Ressource für das eigene Selbstwertgefühl: im Unterschied zu jenen verhassten Fremden "dazu zu gehören" – ein Argument, mit dem zum Beispiel auch ein Anspruch auf Sozialhilfe begründet (und im anderen Fall als Schmarotzertum abgewiesen werden kann). "Dazu gehören" - wozu eigentlich? Da ist "deutsch sein" ein verbreitetes Identifikationskriterium. Oder "Männlichkeit" – als ein pures Machtgehabe gegenüber allen, die diesem Kriterium nicht genügen. Beliebte Negativchiffre ist, und an dieser Stelle nimmt die rechtsextreme Jugendkultur tatsächlich Momente aus der deutschen Vergangenheit wieder auf: "Jude". Kohlstruck erinnert an den Mordfall Marinus Schöberl 2002: Das Opfer wurde von den Tätern (gegen alle Fakten) als Jude deklariert – offenbar die höchste denkbare Steigerung von "undeutsch" und "unmännlich". Der dehumanisierte Feind, den umzubringen unter Alkoholeinfluss nicht schwer fiel.
Mehr im Internet: Zentrum für Antisemitismusforschung TU Berlin Mobiles Beratungsteam Tolerantes Brandenburg:
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Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur. Mitglied von scienzz communcation.
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