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27.07. 2004 - MATERIALISMUS
"Das öffentliche Bekenntnis der Liebesgeheimnisse des Menschen"
Zum 200. Geburtstag des Philosophen Ludwig Feuerbach
von Josef Tutsch
 | | Ludwig Feuerbach
* 28. 7. 1804, + 13. 9. 1872 | | | Wir waren alle momentan Feuerbachianer“, erinnerte sich Friedrich Engels später an die erste Lektüre von Ludwig Feuerbachs „Wesen des Christentums“. „Momentan“: Nachdem Karl Marx seine eigene Wahrheit entdeckt hatte, war die Erinnerung an Feuerbach bloß noch eine Ehrenschuld – nicht weniger, aber auch nicht mehr. Beim „bürgerlichen“ Publikum ist es ihm unter den Schlagworten „Materialismus“ und „Atheismus“ nicht besser gegangen. Feuerbach hatte aus dem Hegelschen System der Philosophie einen tragenden Balken herausgebrochen; das, was man pauschal „Idealismus“ nennen könnte; er bezeichnete, wie Engels treffend gesagt hat, den „Ausgang der klassischen deutschen Philosophie“ – ein Ende und keinen Anfang.
Ganz anders übrigens bei seinem Vater: Der Jurist Anselm Feuerbach hat die moderne Strafrechtslehre mitbegründet, sein bayerisches Strafgesetzbuch von 1813 legte erstmals den Grundsatz „keine Strafe ohne Gesetz“ ausdrücklich fest. Insoweit sind wir heute alle „Feuerbachianer“, nicht nur „momentan“, sondern grundsätzlich. Was uns aber mit dem Sohn verbindet ... Blättern wir ein wenig in jener Schrift von 1841, dem „Wesen des Christentums“: „Der Gott des Menschen ist sein eigenes Wesen ... Das Bewusstsein Gottes ist das Selbstbewusstsein des Menschen, die Erkenntnis Gottes die Selbsterkenntnis des Menschen ... Der Mensch, dies ist das Geheimnis der Religion, vergegenständlicht sein Wesen und macht dann wieder sich zum Gegenstand dieses in eine Person verwandelten Wesens ...“
Machen wir uns nichts vor: Da hat Feuerbach nur formuliert, was heutzutage große Teile der Bevölkerung denken. Ähnliche Floskeln finden sich längst auch in theologischen Lehrbüchern, nur dass die abschreckende Vokabel „Atheismus“ vermieden wird. Es war ein fromm gemeinter Atheismus, den Feuerbach verkündete: Anders als die Aufklärer des 18. Jahrhunderts gelehrt hatten, sollte Religion nicht etwa „Priestertrug“ sein, sondern Ausdruck der menschlichen Natur, und indem Feuerbach das „Missverstandene“ daran abstreifte, wollte er das Wesentliche gerade retten.
Dieses „Wesentliche“ war, nach Kants Kritik der praktischen Vernunft nicht weiter überraschend, die Moral: „Gott als moralisch vollkommenes Wesen ist nichts anderes als das personifizierte Gesetz der Moralität.“ Von Kants schwierigen Erörterungen über den Kategorischen Imperativ wollte Feuerbach aber nichts wissen, bei ihm ging es durchaus sinnlich zu: „Gott selbst ist objektiv nichts anderes als das Wesen des Gefühls“, die Religion „das öffentliche Bekenntnis der Liebesgeheimnisse des Menschen“. In Engels ironisch gefärbter Zusammenfassung: „Religion ist nach Feuerbach das Herzensverhältnis zwischen Mensch und Mensch. Und so wird schließlich die Geschlechtsliebe eine der höchsten Formen der Ausübung seiner neuen Religion.“
„Sentimentale Phrasen ohne jede Bestimmtheit“, hat hundert Jahre später der Philosoph Karl Löwith nüchtern geurteilt, aber mit diesen „Phrasen“ traf Feuerbach zweifellos den Nerv einer Zeit, die sich von den überlieferten Dogmen verabschiedet hatte, auf religiöse Gefühle aber nicht verzichten wollte. Einer der bekanntesten Leser des Philosophen, Richard Wagner, hat diesen erotischen Mystizismus in Musik gesetzt. „So stürben wir, um ungetrennt, ewig einig ohne End’ ...“ singen Tristan und Isolde, als ihre Liebesnacht dem Höhepunkt zusteuert. Wie der Kölner Germanist Werner Frizen aufgedeckt hat, sind die Verse auf die Melodie eines katholischen Karfreitagsliedes komponiert: "Heb die Augen, dein Gemüte, Sünder, zu dem Berge hin. Schau die Qualen, schau die Güte, schau, ob ich dein Heiland bin. Also ruft vom Kreuzesstamme dir dein Jesus sterbend zu ...“
Traditionalisten werden da erschreckt sein; aber dem Philosophen Feuerbach als dem Vordenker einer solchen Melange von Eros und Religion lag es völlig fern, jemanden erschrecken zu wollen Wenn er feststellt, dass Bibel, Glaubensbekenntnisse und Kirchenväter ihre Bedeutung für den christlichen Alltag verloren hätten, dann liest sich diese Analyse verblüffend harmlos, geradezu selbstverständlich. Er wollte, ganz einfach, „die Menschen aus Kandidaten des Jenseits zu Studenten des Diesseits machen“.
Ob Friedrich Nietzsche an Feuerbach gedacht hat, als er, fast ein halbes Jahrhundert nach dem „Wesen des Christentums“, das Bild einer Menschenmenge zeichnete, die gewohnheitsmäßig nicht an Gott glaubt, dem Gedanken an irgendwelche Konsequenzen dieses Ereignisses für ihr Leben aber verständnislos gegenübersteht? Apropos Nietzsche: Dass es „nur ein perspektivisches Sehen, nur ein perspektivisches Erkennen“ gibt, ist eine von dessen nachdrücklich betonten (wenngleich gelegentlich selbst missachteten) Kernaussagen. Damit verglichen wirken Feuerbachs Argumentationen mit ihrer stehenden Sprachformel „ist nichts anderes als“ eher schlicht. Dennoch: Soweit es auf Wirkung in die Breite ankommt, war es wohl weder Marx noch Nietzsche, sondern vielmehr Ludwig Feuerbach, der die repräsentative Philosophie für das folgende Jahrhundert geliefert hat.
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Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur. Mitglied der Agentur scienzz communcation.
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