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29.06.2005 - WELTJUGENDTAG
Nicht darstellbar oder nicht darstellungswürdig?
Ansichten Christi im Kölner Wallraf-Richartz-Museum
von Josef Tutsch
 | | Das Tuchbild Christi aus Edessa
(Russland, 17. Jahrhundert) | | | König Abgar von Edessa soll einen Maler zu Jesus geschickt haben, um das Aussehen des Erlösers für die Nachwelt festhalten zu lassen. Wie das Bild zustande kam, nachdem der Künstler an seiner Aufgabe verzweifelt war, wird verschieden überliefert: Entweder wurde das Porträt durch ein Wunder vollendet oder Christus selbst drückte sein Antlitz im Tuch ab. Die Absicht der Legende ist deutlich: Durch das "authentische" Abbild des menschgewordenen Gottes war das mosaische Verbot "Du sollst dir kein Bildnis machen" überholt.
Zum katholischen Weltjugendtag zeigt das Kölner Wallraf-Richartz-Museum einen Querschnitt durch die europäische Kunst- und Religionsgeschichte: das Antlitz Christi von einer Kopie jenes Tuchbildes bis zu Andy Warhol. Gewollt oder nicht gewollt – in einer Zeit,
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Lucas Cranach d. Ä., Schmerzensmann (um 1540)
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wo so viel von "Ökumene" die Rede ist, ruft das Museum damit eine heftige theologische Streitfrage ins Gedächtnis. "Stellt Bilder auf, und ihr werdet sehen, die Bräuche der Heiden tun den Rest!", warnte ein griechischer Bischof vor 1600 Jahren. 306 nach Christus beschloss eine Kirchenversammlung in Elvira, in den Kirchen dürfe es keine Bilder geben "und was man anbetet und verehrt, darf nicht auf die Wände gemalt werden". 786 entschied das Konzil von Nicaea ganz im Gegenteil, "dass die verehrungswürdigen und heiligen Bilder geweiht und in den heiligen Tempeln Gottes aufgestellt und in Ehren gehalten werden".
Byzanz erlebte wahre Bürgerkriege um die Bilderverehrung. "Kaiser Leon und sein Sohn Konstantin empfanden es als Schande des göttlichen Christus, dass er über dem Palasttor als lebloses, stummes Bild aus Holz stand" verkündete 814 eine Inschrift an dieser Stelle, "deshalb ersetzten sie das, was die Heilige Schrift verbietet, durch das heilbringende Zeichen des Kreuzes." In Westeuropa blieben die Auseinandersetzungen eher gemäßigt, die Richtung gab Papst Gregor der Große vor: der Beter verehre nicht das Bild selbst, sondern jenen, "den das Bild als Neugeborenen oder als Verstorbenen, aber auch in seiner himmlischen Glorie in Erinnerung ruft".
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Giovanni Francesco Barbieri (Guercino), Christus vor dem ungläubigen Thomas (1621)
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Luther äußerte sich noch ein Stück nüchterner ("Die Bilder sind weder gut noch böse, man kann sie haben und nicht haben"), die "Radikalen" der Reformation dagegen griffen das Verbot von Elvira wieder auf. "Wir haben dem Aberglauben abgeschworen und die sakrosankte Religion Christi in den Urzustand zurückversetzt", war früher am Genfer Rathaus zur Erinnerung an den Bildersturm vom 8. August 1535 zu lesen. Das Tridentinische Konzil wollte in seinem Beschluss von 1563 zur abgewogenen Haltung Papst Gregors zurückfinden: den Bildern wohne nicht "etwas Göttliches oder eine Kraft" inne, vielmehr meine "die ihnen erwiesene Ehrfurcht das Urbild, das sie darstellen".
Bischof Eusebios, der Hoftheologe Kaiser Konstantins, hatte geglaubt, alle Versuche einer "Ansicht Christi" durch ein schlagendes Argument abwehren zu können: die göttliche Natur des Erlösers sei gar nicht darstellbar, die menschliche nicht darstellungswürdig. Ohne die Ursprungslegenden von den "ungemalten" Bildern hätten sich die Künstler zweifellos viel schwerer daran gewagt, den Gottmenschen im Bild darzustellen. Vor allem im griechischen und russischen Osten haben sie Jahrhunderte lang sie ihre Aufgabe darin gesehen, diese Urbilder möglichst getreu zu kopieren, man setzte voraus, dass sich die Wunderkraft des Originals auch den Kopien mitteile. Es ging nicht eigentlich um "Kunst": Noch im 1. Weltkrieg wurde jenes Tuchbild von Edessa sowohl auf russischen als auch auf bulgarischen Fahnen den Heeren vorangetragen.
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Yves Klein (1918-1962) Monogold
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Dass sich die Künstler im Westen Europas im Laufe des Mittelalters aus der Bindung an die Archetypen gelöst haben, gehört zum schwierigen Fragenkomplex nach der Eigenart des Abendlandes. Zu den ältesten Stücken der Kölner Ausstellung zählen spätantike Darstellungen mit Fisch oder Kreuz, in ihrer Sinnbildhaftigkeit dem "Filzkreuz" eines Joseph Beuys oder dem "Monogold" eines Yves Klein überraschend nahe. Die Tradition der "ungemalten" Christusbilder wird nicht nur durch König Abgar repräsentiert: Daneben finden sich eine Kopie des Schweißtuchs der Veronika, in das Christus auf dem Gang nach Golgatha sein Antlitz gedrückt haben soll, und eine Kopie des Turiner Leichentuchs – mehr schon Reliquien als Bilder.
Davon hat sich die europäische Malerei in ihrem Streben nach "Autonomie" und nach Verwandlung des Religiösen ins Allgemein-Menschliche zeitweise weit entfernt: Christus mit der Dornenkrone von Fra Angelico, Lucas Cranach und Lovis Corinth, eine Kreuzigung von Picasso, Kreuzabnahmen und Beweinungen von Michelangelo und Beckmann, Auferstehungsbilder von Veronese, El Greco und Rubens usw. usf. Elsheimers "Marien am Grabe Christi" zeigen gerade durch den Verzicht auf eine "Ansicht" des Auferstandenen: Die Problematik, das Göttliche darstellen zu wollen und eigentlich nicht darstellen zu können, war auch in der Neuzeit keineswegs erledigt. Wie drastisch – man möchte sagen: körperlich-peinvoll – Frömmigkeit sein konnte, lassen Beispiele der Heilig-Blut-Mystik aus dem späten Mittelalter ahnen. Die Barockkunst war – angeleitet durch die Theologen der Gegenreformation – bemüht, diese Lebensnähe vor allem in den Passionsbildern erneuern.
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Caspar David Friedrich, Eiche im Schnee (1828)
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"Ansichten Christi" – im Sinne der bildenden Kunst eine rein orthodoxe und katholische Domäne? Friedrich Schiller ließ in seiner "Maria Stuart" den Konvertiten Mortimer wortreich seine protestantische Jugend beklagen: "Es hasst die Kirche, die mich auferzog, der Sinne Reiz, kein Abbild duldet sie, allein das körperlose Wort verehrend ..." Bleibt abzuwarten, was der Katalog zum Unterschied der Frömmigkeitsformen zwischen den Konfessionen an Aufschluss geben wird. Das Wallraf-Richartz-Museum hat aus eigenen Beständen Caspar David Friedrichs "Eiche im Schnee" zur Ausstellung beigesteuert: ein Baum mit toten Ästen in einer kargen Winterlandschaft. Jeden offen religiösen Bezug hat der Maler vermieden.
Ansichten Christi. Das Christusbild von der Antike bis zur Gegenwart Eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Vatikan zum 20. Weltjugendtag, 1. Juli bis 2. Oktober 2005 geöffnet dienstags 10 bis 20 Uhr, mittwochs bis freitags 10 bis 18 Uhr, samstags und sonntags 11 bis 18
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Buddha (Thailand, 8. Jahrhundert)
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Uhr; vom 14. bis zum 23. August täglich, auch montags, von 9 bis 23 Uhr im Wallraf-Richartz-Museum Köln, Fondation Corboud
Bis zum 2. Oktober zeigt das Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum parallel zu den "Ansichten Christi" Stein- und Bronzeskulpturen mit dem Gottesbild asiatischer Religionen: "Buddhisten – Jainas – Hindus", geöffnet dienstags bis freitags 10 bis 16 Uhr, samstags und sonntags 11 bis 16 Uhr, Karfreitag bis Ostermontag 11 bis 16 Uhr
Mehr im Internet: Wallraf-Richartz-Museum Köln Rautenstrauch-Joest-Museum Köln
Zur Lektüre empfohlen:
Horst Bredekamp, Kunst als Medium sozialer Konflikte. Bilderkämpfe von der Spätantike bis zur Hussitenrevolution, Frankfurt am Main 1975
Hans Belting, Bild und Kunst. Eine Geschichte des Bildes vor dem Zeitalter der Kunst, München 1990
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Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur. Mitglied von scienzz communcation.
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