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19.07.2005 - KUREN

"Grüße erwidernd und ohne verhüllenden Schleier"

Die Könige gaben sich bürgerlich -
ein Blick ins Kurleben des 19. Jahrhunderts

von Josef Tutsch

 
 

Einst ein prominenter Gast
in Bad Ems: Wilhelm I.

Das ist der Stoff, aus dem die Märchen sind. Im Jahre 1870 ging ein gewisser Graf Borodinsky in Bad Ems zur Kur. Tag für Tag kaufte er dem Blumenmädchen Elise Reichert für eine fürstliche Summe einen Strauß ab. Alle Welt tat, als wüsste sie von nichts; aber jeder, der dem Grafen auf der Promenade begegnete, hätte ihn auch mit seinem richtigen Namen benennen können: Seine Majestät Zar Alexander II. von Russland.

Das Promenieren im Kurgarten – vor allem natürlich zum Brunnen, um dort ein Glas von dem gesunden Wasser zu trinken – gehörte zum therapeutischen Programm solcher Kuren. Ein damals beliebter Holzstich des Illustrators Hermann Lüders zeigt Wilhelm I., Deutscher Kaiser und König von Preußen, wie er sich von einem Brunnenmädchen in Ems das Glas reichen lässt, die anderen Gäste halten respektvoll Abstand von dem in unauffälliges Zivil gekleideten Herrn.

Alte Postkarte mit dem "Emser Kränchen",
dem Lieblingsbrunnen Wilhelms I.
"Die eigenhändige Entge- gennahme des Glases galt als Zeichen der Bescheidenheit und Volksnähe", stellt die Historikerin Alexa Geiselhöfer fest. An der Universität Bielefeld hat sie sich mit der Selbstdarstellung regierender Monarchen im Kurort befasst. Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen die preußischen Könige von der Zeit Napoleons bis in die ersten Jahrzehnte des neuen Deutschen Reiches. Geiselhöfer: "König und Königin zeigen sich im Gegensatz und Ergänzung zu ihrem offiziellen Majestätendasein am Hofe als Privatmenschen, als Bürger unter Bürgern, als ‚nahbar’". Auch das war Politik: Es wurde ein bestimmtes Verhältnis von Herrschern und Beherrschten inszeniert und durch Veröffentlichung in den Medien dem größeren Publikum vergegenwärtigt.

Helle Hosen, Frack, Weste, Krawatte, Zylinder, Handschuhe, Spazierstock: Das was das "Out-fit", mit dem sich Wilhelm I. Jahr für Jahr zur Kur blicken ließ. Majestät konnte eben auch anders, nicht nur in der militärischen Uniform, die das Alltagsgewand des Herrschers darstellte, sondern ebenso in wohlsituierter Bürgerlichkeit. "Eine Annäherung des Fürsten an sein ‚Volk’", resümiert die Bielefelder Historikerin, "keine Maskerade, vielmehr präsentierte das Zivil das eigentliche Menschsein des Monarchen, wenn er einmal die Pflichten seines Herrscheramtes hinter sich lassen darf."

Der Anfang des Krieges gegen
Frankreich 1870: Wilhelms
Auseinandersetzung mit
Botschafter Benedetti in Ems
Auch das zwar zweifellos eine Form von Pflicht. Unter dem Anschein von bloßer Erholungssuche und purem Amüsement absolvierten die Fürsten ein Programm, das vielleicht weniger anstrengend war als in der Residenz, aber kaum weniger rituell festgelegt. Es wäre aufschlussreich, diese Form von "Öffentlichkeit" mit dem Zeremoniell am Hofe Ludwigs XIV. einerseits, der Selbstdarstellung des modernen Jet-Set andererseits zu vergleichen. Über Wilhelm I. berichtet der spätere Reichskanzler von Bülow, auf der Promenade habe er gern Bekannte angesprochen, "immer liebenswürdig,, bisweilen mit freundlichem Scherz, vollkommen natürlich, ohne jede Steifheit und Pose, aber nie anders als in königlicher Haltung. Mit Damen war er von ritterlicher Galanterie, ohne eine Spur von seniler Courmacherei, aber nach dem Grundsatz, dass ein wohlerzogener Mann auch vor einer Kammerfrau den Hut abzieht."

Auf der Baden-Badener Promenade könne man Fürsten und Staatsmänner "wie seinesgleichen" wandeln sehen, vermeldete 1867 die Leipziger Illustrierte Zeitung. Selbst Kaiserin Elisabeth von Österreich (Kinobesuchern heute als "Sisi" bekannt) zeigte sich 1862 in Bad Kissingen "nahbar". Ihre Majestät erscheine jeden Tag im Kurgarten, war in der Augsburger Allgemeinen Zeitung zu lesen, sie "geht an dem Arm ihres Vaters, des Herzogs Max in Bayern, in den Alleen auf und ab, die Grüße der Badegäste mit freundlichem Lächeln erwidernd". Am Vorabend ihrer Abreise hatten die anderen Gäste "das Vergnügen, die Kaiserin in der geschmackvollen Toilette eines Sommerabends, ohne verhüllenden Schleier, die gewohnte Promenade machen zu sehen". Grüße erwidernd und  ohne verhüllenden Schleier – was wünscht man mehr von jenen, die "auf der Menschheit Höhen" leben!

"Gerade auch das Persönliche war politisch", zieht Geiselhöfer ihr Fazit. "Immer häufiger wird über Unfälle und Krankheiten, über Aussehen, Stimmungen Gesten beim Auftritt in der Theaterloge berichtet, unter welchem Inkognito fürstliche Personen reisen, in welchen Hotels sie absteigen." Ob Wlhelm I. sich ernsthaft für den Rudersport interessiert hat? Während seines Aufenthalts in Bad Ems veranstaltete die Kurverwaltung alljährlich eine "Kaiserregatta", die am Ort weilenden Fürsten sahen vom Balkon des Kursaales aus zu, wie Rudervereine aus dem Rhein-Main-Lahn-Gebiet um den Pokal wetteiferten. Der Kurort hatte sein großes Spektakel, der Monarch konnte demonstrieren, dass er sich "privat" denselben Vergnügungen hingab wie Hinz und Kunz auch.

Demonstrative Bürgerlichkeit: Wilhelm I.
im Familienkreis, 1862
Hintergrund ist, dass die Monarchen im 19. Jahrhundert sich mehr und mehr genötigt sehen, den Erwartungen ihrer Untertanen zu entsprechen. Geiselhöfer: "Zur Repräsentation gehören einerseits außeralltägliche Festivitäten wie Krönungen und Hochzeiten, andererseits wollte das Publikum sich selbst in den Repräsentanten des Staates wiedererkennen." Nicht gerade Menschen "wie du und ich", aber, bitte schön, mit Arbeits- und Bildungsethos, "einfacher" Lebensführung und einem "bürgerlichen" Familienleben. Neue Techniken erleichterten die monarchische Selbstdarstellung. 1883 ließ sich Wilhelm I. mit seiner Schwester Alexandrine, der verwitweten Großherzogin von Mecklenburg-Schwerin, von dem Hoffotografen Anzinger ablichten. Das Bild wurde zum beliebten Konsumartikel, von der einfachen Postkarte bis zum aufwändig bekrönten Wandschmuck, und auch in der Emser Wandelhalle montiert.


Mehr im Internet:
Nahbare Herrscher
Universität Bielefeld 
scienzz artikel Arbeit und Erholung
scienzz artikel Kulturgeschichte Mitteleuropas




Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation.

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 


 


 

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