13.07.2004 - GRIECHEN
Am Anfang war Homer
Ein amerikanischer Altphilologe stellt unser gängiges Geschichtsbild in Frage
von Josef Tutsch
 | | | | | Irgendwann im 8. Jahrhundert vor Christus müssen die Griechen ihr Alphabet erfunden haben: Auf Stein oder Ton sind ein paar kurze Inschriften überliefert - mit Zeichen, wie sie von den Phöniziern bereits seit Jahrhunderten benutzt worden, aber mit einer revolutionären Neuerung: Zum ersten Mal in der Menschheits- geschichte haben nicht mehr nur die Konsonanten, sondern auch die Vokale ihr schriftliches Äquivalent. Wozu war diese Erfindung eigentlich gut? Dumme Frage, würden wohl die meisten Historiker ihren Studenten antworten: Der Handel mit den phönizischen Städten blühte auf, ohne schriftliche Unterlagen ging es nicht mehr, und in griechischen Wörtern sind die Vokale nun einmal wichtiger als in semitischen - also wurden ein paar der phönizischen Konsonantenzeichen umgewidmet, und fertig war das griechische Alphabet.
Halt! ruft da der Altphilologe Barry Powell aus Wisconsin: Die ökonomischen Motive sind pure Spekulation; das Thema „Kommerz“ taucht in den griechischen Schriftzeugnissen erst anderthalb Jahrhunderte später auf. Die frühesten Inschriften befassen sich mit ganz anderen Inhalten: mit Sex und mit Poesie. Da finden sich vora allem „Kurznachrichten“, wie man sie heutzutage an den Wänden öffentlicher Toiletten lesen kann, manchmal auch in sublimierter Form: „Wer von all den Tänzern am ausgelassensten tanzt, der soll dies erhalten“, steht verheißungsvoll auf einer Kanne aus Athen. Und daneben dann „hohe Dichtung“, wie Gymnasiallehrer das früher genannt hätten. Zum Beispiel auf einem Becher aus Ischia (um 730 vor Christus): „Nestors Kelch bin ich, gut draus zu trinken. Wer mich trinkt, den packt hier auf der Stelle Gelüst der schöngelockten Aphrodite.“ Das spielt auf zwei Homerstellen an: die Beschreibung des „ehernen Kruges“ im 11. Gesang der Ilias und die berühmte Geschichte, wie die Liebesgöttin sich von ihrem Gemahl Hephaistos beim Ehebruch mit dem Kriegsgott Ares erwischen lässt, aus dem 8. Gesang der Odyssee.
Powells Schlussfolgerung: Das griechische Alphabet wurde erfunden, um die homerischen Epen schriftlich festhalten zu können. Das hat in der Fachwelt Verblüffung ausgelöst; überzeugende Gegenargumente gibt es bislang nicht. Powells Chronologie jedenfalls scheint plausibel: Um 800 entstehen die „Ilias“ und die „Odyssee“, wenige Jahrzehnte später - vielleicht noch zu Lebzeiten des Dichters - liegen die ersten Zeilen in griechischer Schrift vor, teilweise mit einem Echo aus eben diesen Epen. Will man der Theorie des amerikanischen Wissenschaftlers nicht folgen - ja, dann müsste man wohl annehmen, dass die Griechen ihr Alphabet erfunden haben, bloß um auf Tonscherben pubertäre Phantasien niederlegen zu können ... Eine Geburt der europäischen Zivilisation aus dem Geiste der homerischen Poesie? Powells Gegener können nur darauf vertrauen, dass der griechische Boden irgendwann neue Funde hergibt, die darauf hinweisen, dass dem ersten vollständigen Alphabet vielleicht doch materielle, ökonomische Interessen zugrunde lagen.
Weitere Informationen: friedrich.kittler@rz.hu-berlin.de
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Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur. Mitglied der Agentur scienzz communcation.
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