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21.06.2005 - HOCHSCHULE FÜR MUSIK BERLIN

Zwischen Klassizismus und Neuer Musik

Erstmals aufgearbeitet:
die Geschichte der Berliner Musikhochschule

von Josef Tutsch

 
 

Joseph Joachim (1831-1907),
Gründungsdirektor der Hochschule

Das Maß war voll. 1907 musste der Theorielehrer Heinrich van Eycken die Berliner Hochschule für Musik verlassen: Er hatte einer Schülerin – shocking! – die Partitur von Richard Strauss’ "Salome" geliehen ... Offenbar konnte Preußens Konservatorium, damals noch keine 40 Jahre alt, sich nur mit Mühe der aktuellen Musik öffnen, es "herrschte der romantische Klassizismus eines Mendelssohn Bartholdy und Brahms vor", schreibt Dietmar Schenk in seiner Monographie über die Entwicklung der Musikhochschule, "die Epoche von Liszt, Wagner und Strauss wurde fast übersprungen". Kein Wunder: 1869, als die Hochschule gegründet wurde, hatte das Kultusministerium den Direktorenposten mit dem weltberühmten Geiger und Brahms-Freund Joseph Joachim so prominent besetzt wie nur irgend möglich; Joachims Autorität beherrschte das Haus auf Jahrzehnte.

Dietmar Schenk, Archivar an der Berliner Universität der Künste, hat "seine" Archivalien genutzt, um erstmals die Geschichte dieser Institution im wilhelminischen Kaiserreich und in der Weimarer Republik zu schreiben. Die Darstellung endet 1934 mit dem "Fall Hindemith": Ein Repräsentant der Weimarer Zeit (kein "Radikaler" der Neuen Musik, vielmehr

Der Campus von Kunst- und Musikhoch-
schule in  Charlottenburg, eröffnet 1902
ein "Neoklassizist", wie Schenk feststellt) wurde aus dem Amt gedrängt. Auf eine Fortsetzung darf man gespannt sein. Heute hat Berlin zwei Musikhochschulen - die Universität der Künste in Charlottenburg und die Hochschule für Musik Hanns Eisler in Mitte - nebeneinander. Wie wirkt sich diese Konkurrenz aus, die ein Erbe der Teilung nach dem Zweiten Weltkrieg ist? Und wie stellt sich die Kultusbürokratie von heute in eine Tradition, die Schenk mit den Worten umschreibt: "Indem der preußische Staat in seiner Hauptstadt die Hochschule für Musik etablierte, nahm er das Selbstverständnis Deutschlands als einer musikliebenden Nation auf und machte es zu seinem kunstpolitischen Anliegen"?

Die monarchische und die republikanische Epoche, daran lässt Schenk keinen Zweifel, hatten eins gemeinsam: den "Glauben an die Wirksamkeit des Staates auf dem Gebiet der Kunst" – in den ersten Jahrzehnten eher konservativ, später dann reformerisch. Ein Glaube, der uns heute sehr fremd geworden ist. Um so mehr Interesse findet etwa das Bild, das die Monographie von der Musikpolitik eines Leo Kestenberg zeichnet. Der Sozialdemokrat,  Sohn eines jüdischen Kantors, verfolgte in den 20er Jahren im preußischen Kultusministerium hartnäckig das Ziel: "Die Hochschule für Musik in Berlin soll und muss internationale Geltung beanspruchen." Es war, bei allem Engagement für die musikalische Avantgarde, eine "kulturkonservative" Intention, wie Schenk deutlich macht: Nach Kestenbergs Diagnose drohte die Musik zum "Aschenbrödel" der technisch-industriellen Zivilisation herabzusinken.

Franz Schreker (1878-1934)

Schon der Blick auf das Personal der Kompositionsklasse – mit Franz Schreker und Paul Hindemith – lässt den Schluss zu, dass die Berliner Musikhochschule damals ihre große Zeit hatte; in den Meisterkursen lehrten unter anderem Ferruccio Busoni, Hans Pfitzner und Arnold Schönberg. Dass einer der ganz großen Theaterskandale der "Twenties" in den Räumen der Musikhochschule stattfand, geschah jedoch gegen den Willen des Direktoriums. Am Tag vor Heiligabend 1920 wurde im Theatersaal, der an ein privates Unternehmen verpachtet war, Arthur Schnitzlers "Reigen" uraufgeführt, jene freizügige Szenenfolge, die als Liebesreigen vom Soldaten mit der Dirne eröffnet und von der Dirne mit dem Grafen beschlossen wird. Mit dem Versuch, den Pachtvertrag wegen des "anstößigen" Stücks zu kündigen, scheiterte die Hochschule vor Gericht; sie musste nach der Premiere noch über 300 weitere Aufführungen in "ihrem" Saal hinnehmen.

Paul Hindemith (1895-1963)
Wie schleichend sich die Wendung zum Nationalsozialismus auch in der Musik- hochschule lange vor 1933 vollzog – unter Schlagworten wie "Kulturbolsche- wismus" und "Verjudung" -, wird an atmosphärischen Einzelheiten deutlich. Der Pianist Artur Schnabel zog es bereits im Sommer 1931 vor zu gehen: "diese ständigen Meinungsgegensätze, die sich in einem ziemlich aggressiven, ge- hässigen Ton entluden ..." Schenk verschweigt nicht, dass er antisemitische Töne schon in den allerersten Jahren der Hochschule ausgemacht hat, bis hinein in den Freundeskreis des getauften Juden Joseph Joachim. "Du darfst dich nicht dazu hergeben, mit einer Judenkotterie gemeinsame Sache zu machen", ist in einem Brief zu lesen, den Joachim erhielt, als er am Benefizkonzert in einer Synagoge teilnahm.



Mehr im Internet: 
Hochschule für Musik "Hanns Eisler" Berlin 
Universität der Künste Berlin, UdK  
scienzz artikel Musik



Neu auf dem Büchermarkt:
Dietmar Schenk, Die Hochschule für Musik zu Berlin. Preußens Konservatorium zwischen romantischem Klassizismus und Neuer Musik, 1869-1932/33,
Stuttgart, Franz Steiner Verlag (ISBN 3-515-08328-6), 2004, 50,00 Euro


 





Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation.

 

 

 

 

 

 

 

 

 



 

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