Berlin, den 10.02.2012 Link Home Link Ticker Link Magazin Link Galerie Link Impressum
Kontrovers
forschung
politik
innovation
kultur
campus
kontakt
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
forschung

18.07.2005 - LITERATURGESCHICHTE

Die Sirenen wollten nicht singen

Ein Sammelband zur "Korrektur" überlieferter Mythen

von Josef Tutsch

 
 

Sirene (4. Jh. v. Chr., München)

Vorsicht mit üblen Nachreden auf die schöne Helena! Als der Dichter Stesichoros um 500 vor Christus ihr, ganz in den Bahnen des alten Homer, die Schuld am trojanischen Krieg gab, nahm die Zeustochter ihm zur Strafe das Augenlicht. Stesichoros widerrief und erklärte, Helena habe sich niemals nach Troja entführen lassen.

Das ist keine Variante zur homerischen Mythologie, Stesichoros behauptete in einem zentralen Punkt etwas völlig anderes als Homer. Es handelt sich aber auch nicht um Mythenkritik; der Mythos wird nicht etwa verworfen, sondern vielmehr um- und fortgeschrieben. "Mythenkorrektur" hat eine Forschergruppe am Berliner "Archiv für Antikerezeption in der deutschsprachigen Literatur der Gegenwart" als Bezeichnung für dieses "Zwischen" vorgeschlagen. Die Beiträge einer Ringvorlesung an der Freien Universität und einer wissenschaftlichen Tagung in Bremen sind jetzt als Buch erschienen.

 Attische rotfigurige Vase (um 470 v. Chr., London)
Die vielleicht berühmteste Mythenkorrektur eines deutschen Dichters – entgegen der Volksbuchtradition lässt Goethe seinen Faust am Ende doch nicht zur Hölle fahren – bleibt ausgespart. Ansonsten bietet der Band ein beeindruckendes Kaleidoskop abendländischer Geistesgeschichte. Gleich am frühesten Fall – Martin Vöhler (Berlin) über Pindars 1. Olympische Ode – werden aber auch die historischen und systematischen Probleme des Begriffs deutlich. Pindar widerspricht der als anstößig empfundenen Tradition, bei einem Göttermahl wäre der Heldenknabe Pelops in kannibalischer Absicht zerstückelt worden, vielmehr hätte ihn einer der Götter entführt. Mit der Absicht, nur "Schönes von den Göttern zu sagen", sortiert und korrigiert Pindar also den überlieferten Mythenbestand. Vielleicht ist es aber noch ein Stück komplizierter. Es könnte sein, darauf macht Antje Wessels (Berlin) aufmerksam, dass Pindar die "alte" Version, von der er sich absetzt, überhaupt erst erfunden hat!

 Mosaik in Thugga, Tunesien (um 200)
Von "Korrektur" lässt sich offenbar nur sprechen vor der Folie einer kanonisierten Tradition. Zum Beispiel Franz Kafka vor dem Hintergrund der "Odyssee". Homer hatte erzählt, dass Odysseus seinen Gefährten die Ohren mit Wachs verstopfte und sich selbst an den Mast festbinden ließ, um die "Sirenen" mit ihrem verlockenden Gesang gefahrlos passieren zu können. Kafka variiert bereits in seiner Nacherzählung einen wichtigen Punkt: Auch Odysseus selbst hat sich Wachs in die Ohren gestopft. Und dann die entscheidende Korrektur: "Tatsächlich sangen, als Odysseus kam, die gewaltigen Sängerinnen nicht ... Odysseus aber hörte ihr Schweigen nicht, er glaubte, sie sängen, und nur er sei behütet es zu hören." In einer Art Vorspann heißt es, "dass auch unzulängliche, ja kindische Mittel zur Rettung dienen können". Kurzum: Der sprichwörtlich listige Odysseus schlägt – Winfried Menninghaus (Berlin) –  "in einen tumben Märchenhelden um, der gerade kraft seines kindisch-unzulänglichen Verhaltens in kritischen Situationen sein Glück macht".

 Francesco Primaticcio (1505-1570)
Bertolt Brecht wurde durch diesen Kafka-Text zu weiteren "Berichtigungen alter Mythen" inspiriert (eine Überschrift, die dem Forscherteam den Terminus "Mythenkorrektur" eingegeben hat). Im Nachlass findet sich eine lange Liste von Motiven, nicht nur aus der antiken Mythologie, sondern auch aus Geschichte und Literatur. Ausgeführt hat Brecht nur drei Texte, darunter wiederum einen Odysseus vor den Sirenen. In den Voraussetzungen kehrt der Text zu Homer zurück, Odysseus – ohne Wachs in den Ohren – könnte die Sirenen hören. "Aber wer – außer Odysseus – sagt, dass die Sirenen wirklich sangen, angesichts des angebundenen Mannes? Sollten diese machtvollen und gewandten Weiber ihre Kunst wirklich an Leute verschwendet haben, die keine Bewegungsfreiheit besaßen?" Von der Warte seiner eigenen Kunsttheorie aus (ein Zusammenhang, den Vöhler und Alexander Honold, Basel, in ihren Analysen nicht näher ausführen) entscheidet der moderner Dichter: In diesem bestimmten Punkt ist die Tradition zu korrigieren.

  John William Waterhouse (1849-1917)
Lassen wir beiseite, was zu Ödipus und Ikarus und Ariadne, aber auch zur Salome des Neuen Testaments und zur Loreley in diesem Band zu lesen ist. Dass die Odysseus-Figur in den Vordergrund rückt, liegt – natürlich – auch an Adorno und Horkheimer. Die "Dialektik der Aufklärung", schreibt Honold, liest "den Odysseus der Sirenenepisode als Präfiguration des neuzeitlichen Subjekts, das mit seiner instrumentell vereinseitigten Ratio nur in reduzierter Form zu ästhetischen Erfahrungen Zugang findet." Eine gedankliche Nähe zu Adorno und Horkheimer wird in dem Aufsatz von Wolfgang Emmerich (Bremen) auch für Heiner Müllers "Philoktet"-Stück aufgezeigt: Während bei Sophokles ein deus ex machina dafür sorgt, dass Odysseus seinen Heldenkollegen Philoktet in den Trojanischen Krieg führen kann, nutzt Müllers Odysseus den Leichnam des Philoktet vor Troja als hoch wirksames Propagandainstrument.

  Herbert James Draper (1863-1920)

Über den Sinn – oder Widersinn – solcher Änderungen hatte sich bereits Aristoteles Gedanken gemacht: Bestimmte zentrale Elemente und Konstellationen könnten nicht geändert werden, ohne den Mythos selbst "aufzulösen" und zu zerstören. Welche Unterschiede in diesem Rahmen dennoch möglich waren, zeigen die drei Tragödien mit dem "Elektra"-Stoff, die uns von Aischylos, Sophokles und Euripides erhalten sind. Was Aristoteles anscheinend mehr theaterpraktisch gemeint hatte, wandte Friedrich Grillo im 18. Jahrhundert normativ: Die Poeten müssten die Dinge so stehen lassen, "wie sie das Fabelystem diktiert hat". Herder protestierte gegen Grillo, dass "die Alten nie ein Fabelsystem gekannt und es wie Luthers Katechismus hergebetet" haben; aber anscheinend, so Wessels, ging auch Herder von einer "Grundform" aus, die im Kern erhalten bleiben muss.

  Auguste Rodin (1840-1917)
Solche Diskussionen aus der Poetikgeschichte kommen in dem Sammelband ein wenig kurz weg. Es wären dann wohl auch Diskussionen aus der poliltischen Geschichte einzubeziehen. Etwa der Trojamythos Vergils, der in die Gründung Roms mündet (und Roms Weltherrschaft poetisch legitimiert), bedeutet, wie Widu-Wolfgang Ehlers (Berlin) vermerkt, eine Korrektur des homerischen Mythos, der mit der Zerstörung Trojas endet. Oder aus der Religionsgeschichte: Dante hat in seiner "Göttlichen Komödie" gleich die gesamte Handlungsgrundlage der homerischen "Odyssee" "korrigiert". Sein Odysseus, erläutert Andreas Kablitz (Köln), will gar nicht nach Hause, nach Ithaka, es zieht den Neugierigen hinaus auf das offene Meer – von den theologischen Voraussetzungen her betrachtet, eine sündhafte Selbstüberhebung, das negative Gegenstück zur Jenseitswanderung des Dichters.


Mythenkorrekturen. Zu einer paradoxalen Form der Mythenrezeption,
herausgegeben von Martin Vöhler und Bernd Seidensticker in Zusammenarbeit mit Wolfgang Emmerich,
Walter de Gruyter (ISBN 3-11-018290-4), 108,- Euro



 





Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation.

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 


Abebooks.de - Antiquarische und gebrauchte Bücher weltweit finden

 <<< 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


forschung


politik


innovation


kultur


campus


kontakt