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kultur

24.06.2005 - ALCHEMIE

Das Gold und die ewige Jugend

Das Berliner Kupferstichkabinett zeigt den "Sonnenglanz"

von Josef Tutsch

 
 

Sonne und Kirche, aus dem
Splendor Solis von 1531/32

Hand aufs Herz: Ob spätere Jahrhunderte auf manche Erscheinungen in unserer modernen Wissenschaft ähnlich abschätzig herabblicken werden wie wir auf die Alchemie? Jahrhunderte lang glaubten viele Gelehrte, die Elemente der Materie ineinander verwandeln zu  können (und zwar ohne Atomphysik, wie vom heutigen Stand her wohl zu präzisieren ist); viele gebildete Auftraggeber förderten ihre Experimente in der Hoffnung, zu Gold und Reichtum zu gelangen. Gerade im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit nahm die Disziplin einen Aufschwung: Die Menschen wandten ihre Aufmerksamkeit den diesseitigen Rätseln zu.

Eine der künstlerisch anspruchsvollsten alchemistischen Handschriften ist jetzt im Berliner Kupferstichkabinett zu bewundern. Sämtliche Seiten wurden, ohne den Einband aufzutrennen, originalgetreu faksimiliert; vermögende Bibliophile werden sich das Werk demnächst in den Bücherschrank stellen können, Preis ca. 2.000 Euro. Ein solcher Liebhaber muss es auch gewesen sein, der das Werk um 1531/32 hat anfertigen lassen: Die Traktate sind von Anfang bis Ende in aufwändiger Fraktur geschrieben und prachtvoll illuminiert. Allein diese Aufmachung rechtfertigt bereits den Titel "Splendor solis", übersetzt: "Sonnenglanz".

 Philosophischer Baum

Verfasser, Buchmaler und Auftraggeber sind allesamt unbekannt. Sicher ist nur, dass das Buch ein halbes Jahrhundert später im Umkreis des herzoglichen Hofes in München auftauchte. Die Illuminationen werden aus stilistischen Gründen Nürnberger oder, neueren Forschungen zufolge, eher Augsburger Künstlern zugeschrieben. Hier wird jetzt ein großer Name der süddeutschen Renaissancemalerei genannt: Jörg Breu der Ältere, bekannt vor allem durch seinen Passionsaltar (1502) im niederösterreichischen Benediktinerstift Melk.

Das künstlerische Problem war, dass es anders als bei Mess- und Gebetbüchern für alchemistische Abhandlungen kein festes ikonographisches Vokabular gab. Also waren Einfälle gefragt – und Anleihen zum Beispiel bei der zeitgenössischen Druckgraphik. Zweifellos wussten die Kenner solche "Zitate" zu schätzen. Auf einem der Motive wird der Betrachter Albrecht Dürers "Hieronymus im Gehäuse" von 1514 wiedererkennen. Durch die Tradition vorgegeben war immerhin, dass ein Planetenzyklus die Verbindung zwischen Alchemie und Astrologie unterstreichen sollte: Jeweils in einer gekrönten Phiole vollziehen sich die Farbwechsel bei der Entstehung des "Steins der Weisen".

 Planetenbild der Venus

Dieser Wunderstein, von dem es hieß, er könne unedles Metall in Gold verwandeln – und womöglich sogar alterndes Leben verjüngen –, war ja das eigentliche Ziel der Alchemie. Zu einem Renner auf dem heutigen Esoterikmarkt wird der Prachtband aber, selbst abgesehen von den Kosten, wohl kaum werden. Es handelt sich nicht um ein Laborhandbuch, eher um einen enzyklopädischen Überblick über das geheimnisvolle Wissensgebiet, geschrieben nicht für den Experimentator, sondern für den interessierten Laien. Praktisch-Anwendbares findet sich nur gelegentlich – ganz davon abgesehen, dass es neben der handfesten Goldmacherkunst immer auch um das Geheimnis der "Transmutation" geht, um die Verwandlung des Alchemisten selbst: Unsterblichkeit und ewige Jugend.

Eine verwunderliche Kombination zweier heterogener Bereiche? Goethe hat es besser gewusst, nur leider seine drastisch-obszönen Verse in "Faust I" wieder gestrichen. Das "junge Mädchen" am Blocksberg wundert sich über Mephistos Reden: "Der Herr dort spricht so gar kurios, von Gold und Schwanz und Gold und Schoß, und alles freut sich, wie es scheint! Doch das verstehn wohl nur die Großen?" Ob die symbolische, geheimnisvolle Sprache alchemistischer Bücher damals in gebildeten Kreisen allgemein verstanden wurde? Zweifel an der Wirksamkeit dieser "Technik" waren jedenfalls weit verbreitet. Ben Jonsons Komödie "Der Alchemist" (1610), worin ein Goldmacher als Scharlatan entlarvt wird, kommt bis heute gelegentlich auf die Bühne.

 Pieter Brueghel d.Ä., Der Alchemist, 1558
 

Zugleich aber rührte nicht nur die Verwandlung der Metalle bedenklich nah an Zauberei heran, vor allem waren mit Zielen wie Unsterblichkeit und ewigem Leben kirchliche Lehren unmittelbar berührt. 1317 verbot Papst Johannes XXII. die Beschäftigung mit der Alchemie – offenbar ohne viel Erfolg. Wollten die Mitwirkenden am "Splendor Solis" vielleicht ihre Rechtgläubigkeit demonstrieren, als sie auf einem der Bilder neben das Alchemistensymbol der roten Sonne eine Kirche setzten?


Splendor Solis oder Sonnenglanz
Bis 11. September 2005, Kupferstichkabinett Berlin, Kulturforum Potsdamer Platz
Dienstags bis freitags 10 bis 18 Uhr, samstags und sonntags 11 bis 18 Uhr, Öffentliche Führungen sonntags 15 Uhr

Der Faksimile-Druck erscheint im Wissen/Media/Verlag



Mehr im Internet:

Kupferstichkabinett Berlin
Wissen/Media/Verlag


 





Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation.

 

 

 

 

 

  

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